Nightlife-Guru: Harry Klein Nacht im Liquid Club

Nightlife-Guru

Das Harry Klein ist ein Technoclub in München, der mit "Megavisuals und Ultrabässen" wirbt. Am Samstag war eine Kleinfraktion im Liquid Club zu Gast. Warum der Partyspaß für den fudder-Nightlifeguru auch eher kleinformatig ausfiel, erklärt er im folgenden.



Die Jungs an der Tür

„Dix Euros? Mais… Putain! Y sont fous, ces connards!“ Zwei Jungs, ein Mädchen, französischer Herkunft, ziehen missgelaunt ab. Abgeschreckt durch den Eintrittspreis. Ein paar Schritte weiter opfere ich den Betrag von zehn Euro in die Abendkasse von Sunshine Events, dem Ausrichter und Veranstalter des heutigen Abends. Ich erhalte meinen Stempel in die Handfläche gedrückt, steige die Treppen hinab und bin im Liquid Club.

Ein Phänomen des Freiburger Nachtlebens wird bereits an der Tür augenfällig: flegelhaft drängen sich Freunde und Bekannte aus dem Dunstkreis der local DJs an den anstehenden Partygästen vorbei. Ich werde angerempelt, zur Seite gedrückt, geschubst. Worte wie „mach mal Platz“ sind die freundlichsten, die mir entgegen gebracht werden. Das kann ja heiter werden.

Lautstark machen ein paar Jugendliche auf sich aufmerksam. „Wir stehen auf der Gästeliste, der (den Namen verstehe ich nicht) hat uns persönlich drauf gesetzt“. Ein kurzer Wortwechsel mit – ich meine den Head von Sunshine Events, Peter Flanders a.k.a. Peter Hess zu erkennen – und sie sind drin. Umsonst. Bin ich heute Abend der einzige, der für den Eintritt bezahlt?



Einrichtung & Deko

„Wir holen das Harry Klein Clubfeeling wieder in den Liquid Club nach Freiburg…“ Der Flyer verkündet es schon seit Wochen in großen Tönen. Hoffentlich ist den Veranstaltern bewusst, dass sie damit die Messlatte für ihren Abend sehr hoch angesetzt haben. Steht doch das Münchner „Harry Klein“ nicht nur für zeitgenössische elektronische Clubmusik, sondern auch und gerade für kreative Raumgestaltung und vielseitiges Lichtdesign.

Eine schwarze Abdeckplane. Darauf in weißer Farbe das Logo und der Schriftzug der Veranstalter. Einfallslos und nichtssagend. Baustellen- statt Clubfeeling schon am Eingang. Im Liquid Club selbst? Ist schon die bestehende Einrichtung alles andere als ein „eye catcher“, suche ich nach zusätzlicher Ausgestaltung des Clubs vergeblich.

Eine weiße Leinwand scheint am Rande der Tanzfläche darauf zu warten, an ihren eigentlichen Bestimmungsort verbracht zu werden.

Diese Unvollständigkeit und Unvollkommenheit nehme ich vorerst hin. Was bleibt mir anderes übrig? Eines steht zu diesem Zeitpunkt jedoch schon fest: in der optischen Umsetzung blieb das „Harry Klein“ auf dem Weg von München nach Freiburg auf der Strecke. Wenn ein Applaus deplatziert ist, dann am heutigen Abend im Hinblick auf die Deko.

Wer war da?

Manche DJs ziehen – egal was sie saufen und wie sie auflegen – ihr ganz eigenes Publikum an. Die „Harry Klein Club Nacht“ zieht auffallend viele Vertreter der „Ed Hardy – Von Dutch – De Puta Madre“-Fraktion an, und solche, die gerne dazugehören würden. „Tattoo Vintage Wear“, einfaltslose Tribal Tattoos, Strass-Applikationen und Bling Bling als Standard-Accessoire. Fetzenkombinationen, nicht besonders sexy, Stichwort Lumpenkasper.

VJ Bloom sorgt für einen kurzen Moment der Ironie: zerstückelte Bildfolgen und Szenen aus Las Vegas führen mir deutlich vor Augen, dass auch ich mich gerade in einer Halb- und Scheinwelt befinde.

Zudem war das Who-Is-Who des Freiburger Nachtlebens versammelt. Heraus sticht Alexander Purkart. Das DJ-Urgestein bemüht sich eifrig um die Resozialisierung weißer Schweißbändchen, fällt aber sonst nicht wesentlich auf. Auch Chris Veron, Macher der Klang-Safari, stößt hinzu.



Party-Atmosphäre

„Ich schlag ihm gleich eins in die Fresse. Versperrt den Ausgang, steht breitbeinig da wie ein Bauer…“

Die Nerven eines athletisch gebauten Enddreißigers sind ziemlich ausgelaugt. Vor Erregung zitternd, nimmt er die letzten Stufen nach oben. Was sich zuvor erreignet hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Kalter Wind weht mir ins Gesicht. Meine Gedanken werden wieder klarer, auch wenn für mich (immer noch) nicht nachvollziehbar ist, was mich so lange im Liquid Club gehalten hat.

Die Leistung der Warm-Up-DJs überzeugte mich nur wenig. Wenn Techno oder Minimal, erwarte ich in einem Set auch deepe Sequenzen, quirkende und quirlige Elemente, Geklicker und Geklacker, lang ausgehaltene tonale Abfolgen. Die Vielfalt der elektronischen Musik wurde von den beiden DJs gekonnt verdrängt. Dementsprechend geht’s auch auf der Tanzfläche zu. Gähnende Leere, nur ein junges Mädchen wagt sich, ihre „Karate-Kenntnisse“ öffentlich darzubieten.

Ana und Violett, die beiden Münchner Kindl, lassen sich nur wenig Zeit, pflegen kaum die Ruhe, ihr Set aufzubauen. Von Anfang an geben sie Gas, drücken mächtig aufs Tempo und überziehen die Tanzfläche mit einem gnadenlosen Gewitter aus druckvollem Techno. Bassfeuerwerke, Beatexplosionen, Synthesizer-Blitze.

Die Party-Crowd bleibt unbeeindruckt. Nur wenige auf dem Floor. Wie müssen sich die Soundarchitektinnen aus München, gewohnt vor vollem Haus zu spielen, dabei fühlen?

VJ Bloom erhält mein aufrichtges Mitgefühl. Wer für Richie Hawtin, für das Melt!-Festival oder Top-Locations dieser Welt Bildkonzepte erarbeitet hat, wird im Liquid Club seiner Entfaltungsfreiheit, seines kreativen Potentials gänzlich beraubt. Verhindert durch eine dürftige Infrastruktur, ist die Visualisierung der Musik unmöglich.

Ich habe mir eine Wechselwirkung von Anlass, Raum und Musik versprochen, Entgrenzung, Verfremdung, psychedelische Farbwelten. Nichts von alledem ist sichtbar.

Besondere Aufmerksamkeit verdient ein bis auf die Knochen ausgemergelter Mann im Camouflage-Raver-Style. Tarnfarbener Gehrock und weißgraues Feinripp-T-Shirt. Mit seiner Sonnenbrille erinnert er mich an „That Yellow Bastard“ aus „Sin City“. Seine Bewegungen sind orientierungslos, unkoordiniert. Er zappelt hochtourig durch den Raum. Armselig.

Auch mein Nervenkonto ist deutlich überzogen. Höchste Zeit, zu gehen.



Catering

Dass mich das Mädchen an der Bar akustisch nicht versteht, kann ich ihr nicht verdenken. Dass sie mir anstelle eines Vodka Lemons eine milchig-trübe, schale Brühe über den Tresen reicht, nehme ich ihr übel. Freundlich bitte ich sie, mir einen neuen Drink zu mixen. Sie nippt kurz. „Ich find’ ihn gut so.“ Aber ich nicht, und bestehe auf einen neuen Vodka Lemon. Dieser schmeckt genau so wie der erste. Diesmal schweige ich jedoch.

Zu vorgerückter Stunde. Ein anderes Mädchen. Ein weiterer Versuch. Ein Tannenzäpfle, bitte. Kann da etwas schief gehen? Ja! Es ist lauwarm. Angewidert stelle ich die Flasche weg und bleibe sprichwörtlich auf dem Trockenen.

Stilkönig und Mode-Opfer

Stil – eine Sprache, mit der man anderen Menschen etwas über sich selbst mitteilt. Es muss ja nicht gerade Williamsburg, das hippe Designer-Viertel New Yorks sein. Aber dass sich über eine Nacht hindurch weder ein Style-King noch eine Style-Queen ausmachen lassen, enttäuscht mich.

Was mir eine Frau, deren Alter ich aufgrund ihres verlebten Aussehens nur schwer schätzen kann, durch ihre Kostümierung erzählen möchte, habe ich bis jetzt noch nicht ganz herausgefunden. Sie trägt einen braun-gelb getigerten Ganzkörperanzug und würde sich sehr gut auf einem LP-Cover von Skid Row oder Whitesnake machen.

Aufregerle und Aufheiterle

Nach einem Aufheiterle sehnte ich mich den ganzen Abend. Aufregerle gab’s hinreichend; ein zu hoher Männeranteil, ein gegen Null tendierender Flirtfaktor und in höchstem Masse nervig: die schrillen Pfiffe und Schreie. Fehlten nur noch Leuchtstäbchen, Schnuller und weisse Handschuhe.

Spruch des Abends

Zu viele, um sie alle aufzuführen. „Dance Alda, dance Alda!“ Über mehrere Minuten zieht sich das Gespräch zweier Jungs auf dieser Ebene hin.

„Der Abend ist ein großer Erfolg!“ Der Betreiber des Liquid Clubs höchst persönlich. Welch krasse Fehlein- und Selbstüberschätzung.

Fazit

Konfrontation mit der (Unter-)Durchschnittlichkeit.

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