Nightlife-Guru: Gorbatschow Night @ Xerox

Nightlife-Guru

Vor fünf Wochen hat im ehemaligen Funpark die Disco Xerox aufgemacht, nach Eigenangaben die größte russische Disco im Ländle. Wir haben unseren Nightlife-Guru - ganz stilgerecht - zur dortigen Gorbatschow-Night geschickt. Sein Urteil:

 

Die Jungs an der Tür

Das Xerox, neueste Errungenschaft im Nachtleben Freiburgs, ist bewacht wie eine Moskauer Oligarchen-Villa an der Rubljowskoje-Chaussee. Zwei baumlange Kerls, Artjom und Mischa, den proteingestärkten Oberkörper in einen schwarzen Anzug gezwängt, schieben ihren Dienst mit finsterer Miene. Ob ich sie mir durch ein materielles Dankeschön gnädig stimmen muss? Beide brummen jedoch gutmütig ein „Dobro poschalowat“, herzlich Willkommen, in die Nacht und öffnen mir die Tür.



Weitaus ungemütlicher geht’s an der Kasse zu. Großspurig versprechen die Betreiber auf der clubeigenen Website freien Eintritt für alle, deren Anfahrtsweg mehr als 50 Kilometer beträgt. Davon will Genosse Gromow allerdings nichts wissen. „5 Euro oder Zuhause“ donnert er mich an. Ich zahle, und Gromow lässt mich passieren.

Inneneinrichtung & Deko

Wer den ehemaligen Funpark und die Musikarena A5 kennt, wird beim Betreten des Xerox keine Anpassungsschwierigkeiten haben und sich in den Räumlichkeiten nicht verlaufen. Das Xerox knüpft einrichtungsmässig nahtlos an seine Vorgänger an, steht damit in der Tradition einer durchschnittlichen Mitteleuropa-Grossraumdisse und ist somit meilenweit entfernt von postsowjetischem Kitsch und billigem Sentiment.

Wer war da?

Kaum das Xerox betreten, läuft mir Jura über den Weg. Er ist Mitte Zwanzig, ein 'Bisnesmen' im Import-Export-Gewerbe und leicht übergewichtig. Die meisten Jungs heute Abend sehen aus wie er: weisse oder schwarze Lackschuhe, Stoffhose, bevorzugt schwarz mit Nadelstreifen, dazu ein weisses Hemd oder Feinripp-Shirt. Fest umklammert hält er die Hand seiner weiblichen Begleitung. Sie heisst Vanja, kommt aus der sibirischen Stadt Omsk und ist keine Zwanzig.



Wie viele Mädels, denen ich heute Abend begegne, ist sie genauso waagengläubig wie Victoria Beckham und nicht minder aufgesext. Aufgelockert wird diese homogene Crowd durch ein paar Marvins und Selinas aus dem Umland.

Partyatmosphäre & Klangwaren-TÜV

Ich begleite Jura und Vanja auf den Russian Floor, untergebracht im ehemaligen „Eyeshouse“. Es riecht nach einer undefinierbaren Mischung aus verschüttetem Red Bull, Bruno Banani Magic und parfümiertem Kunstnebel, der kaum einen Blick auf die Tanzfläche zulässt. Dieser Duft ist so betörend, dass er mir jetzt noch in der Nase hängt.



Jura will trinken, wie’s alle um uns herum auch tun, denn es tanzt kaum ein Mensch, Jungs und Mädels stehen in getrenntgeschlechtlichen Grüppchen beisammen. Viele nehmen den Brauch, zu jedem Vodka einen Trinkspruch zu sagen, sehr ernst. Stimmen überschlagen sich, sind massiv zu laut, es wird herzhaft gelacht. Allmählich lösen sich die Grüppchen auf, man beginnt, sich zu durchmischen, Jungs und Mädels fallen sich um den Hals, küssen sich, trinken weiter. Völlig in den Hintergrund geraten dabei der DJ und sein lärmiges, elektroähnliches Geschrammel.

Weniger traditionsbewusst geht’s im Coyote Xerox zu. Hier plärren Ciara, Rihanna oder Shakira aus den Lautsprechern, während die Abgeordneten der Engtanz-Fraktion eifrig zur Sache gehen. Vanja trifft zwei Freundinnen, deren Korkenzieherlocken auch bei Windstärke 10 nicht auseinanderfallen würden. Jura und ich treten hinaus ins Freie und rauchen derweil russische Filterlose, bis die Lunge brennt.



Dies tut mittlerweile auch der Russian Floor. Der DJ weiss, wie einen Flächenbrand zu entfachen, spielt viel Tranciges mit Streicherarrangements und weiblichen Vocals. Bemerkenswert textsicher zeigt sich die Crowd. Spätestens bei den Refrainfetzen singen alle lautstark mit, Deutsch, Russisch, Englisch, alles bunt durcheinander.

Catering und Getränkekarte

Mischgetränke auf der Basis von Gin, Rum oder Whiskey gibt es heute Abend nicht. Und sogar Jura, der vorgibt, den Betreiber persönlich zu kennen, kann mir an keiner der fünf geöffneten Bars einen Gin Tonic auftreiben. Vodka hingegen fliesst in Strömen, und um nicht weiter aufzufallen, halte auch ich mich an das russischste aller Getränke.



In der 'Cocktail Area' werden Snacks wie Pizza oder Baguette verkauft, bei deren Aussehen ich mir die fliegenden Händler vom Jaroslawler Bahnof und ihre noch lauwarmen Piroschki herbeisehne. Wo’s allerdings die Semitschki, Sonnenblumenkerne, zu kaufen gibt, kann oder mag mir niemand verraten. Sie sind am heutigen Abend im Umlauf wie Pillen an einer Afterhour.

Auf dem Klo um halb vier

Gespräche über Frauen, wer sich welche heute Nacht noch krallt, habe ich erwartet. Doch hier wird eifrig diskutiert, ob’s tags darauf zum Grillen geht. Soll Mitja eingeladen werden oder doch lieber Kolja? Wer bringt Kapustniy Salat, Krautsalat, mit? Geht’s an die Rheinauen oder doch lieber zu Vadim, weil seine Cousine zweiten Grades dann auch dabei ist? Fragen über Fragen.

Aufregerle

Als ich um halb zwei Uhr morgens meinen Hunger mit Schaschlik, das für 3,50 Euro angeboten wird, stillen möchte, war’s leider schon ausverkauft.



Aufheiterle

Vom Vodka und der ausgelassenen Stimmung übermütig geworden, wage ich den ersten Schritt und spreche ein Mädel mit „Privetik Solnuschka“, hallo Sonnenschein, an. Entgeistert blickt sie mich an und fragt in breitestem Alemannisch zurück, ob ich’s noch mal wiederholen könne.

Fazit

Der russische Hintergrund von Betreiber und Publikum ist für’s Abfeiern in einer Gossraum-Atmosphäre kein Nachteil. Zu keiner Zeit tauchen unerwünschte Stresser auf, und selbst auf dem Höhepunkt des Alkoholexzesses kippt die Stimmung nicht ins Ungemütliche. Das Xerox wird zwar nie mein Laden werden, und dennoch wünsche ich den Betreibern weiterhin „bolschoi uspeksow“, viel Erfolg!