Nightlife-Guru: Global Underground im Inside

Nightlife-Guru

Ursprünglich stammt Vera Heindel aus dem Rhein-Neckargebiet. Mittlerweile jettet die bezaubernde DJane um den ganzen Globus. Die Macher von Sunshine Events haben sie am Freitag zu ihrer Reihe "Global Underground" vom Rhein an die Elz geholt, nach Emmendingen, ins Inside. Ob das die richtige Wahl war? Unser Nightlife-Guru hat sich ein Bild gemacht.



Anreise

Der letzte Regionalexpress, der an diesem Freitagabend von Freiburg in Richtung Emmendingen fährt, ist gerammelt voll. Ich teile einen Vierer-Sitzplatz mit einer Kunstbrünetten und ihrer Freundin. Diese hat ihr Haar mit Wasserstoffperoxyd aufbereitet und ist nun blond wie eine bayerische Leberkäsesemmel.

Beide tragen ein pinkfarbenes Top mit Glitzersaum. „Hoffentlich wird’s heute Abend genauso gut, wie letztens im Mascotte in Zürich“, meint die Brünette zu ihrer Freundin. „Oh ja, das hoffe ich auch“, tönt es aus deren Mund. „Letztens war’s so geil im Mascotte. Charts vom allerfeinsten.“ Wo sie heute Abend hinwollen, frage ich sie. „Ins Inside, nach Emmendingen“, antworten beide unisono und fragen mich wiederum, ob ich auch dorthin wolle. Ich nicke. „Cool, wir wissen nämlich nicht, wo das ist.“

Die Jungs an der Tür

An der Tür zum Inside werde ich zur Seite gewinkt, und das, obwohl ich in Begleitung dieser beiden Plastikmäuschen aufkreuze. Ich werde gefilzt wie vor Antritt eines Israelfluges. Mit seinen dicken Griffeln begrapscht der Türsteher etwas übereifrig meinen Körper und leert den Inhalt meiner Tasche aus. Da ich jedoch weder szenetypische Briefchen noch Hieb-, Stich- oder Schusswaffen bei mir führe, lässt er mich rein.

Warum ich derart durchsucht werde, ist mir ein Rätsel. Vielleicht lag’s an meinem Vollbartansatz und meinem im fahlen Licht der Straßenlaternen olivfarben wirkenden Teint. Denn die alkoholenthemmt grölenden Kerlis mit ihren Raverplanetenaugen werden eingelassen, ohne vergleichbare Maßnahmen ertragen zu müssen. Ach ja, gekostet hat’s n Zehner.

Inneneinrichtung und Deko

Die Diskothek Inside liegt unweit des Emmendinger Bahnhofs und ist in einer ehemaligen Produktions- oder Lagerhalle untergebracht. Das Gebäude ist schön bröckelig-dunkel, so wie ein noch nicht kernsaniertes Treppenhaus eines Bautzener Altstadthauses. Das hat definitiv was, nur schade, dass es in den Kellerräumen aufdringlich nach Yves Rocher Erdbeere und zu lange besockten Füssen riecht.

Über eine mörtelig wirkende Treppe gelange ich zum „Upper Floor“, einem geräumigen und naturbelassenen Raum. Herausragende Stahlträger, Rost und abblätternder Wandputz verleihen ihm ein industrielles Flair. Er erinnert ein wenig an die zahlreichen Off-Locations hinterm Berliner Ostbahnhof oder in Hamburg-Harburg. Die Wände sind mit schwerst angegrauten Laken abgehängt, der Videoprojektionen wegen. Sie zeigen knorrige, schon laubnackte Eichenwälder und zerfallende Gebäude. Morbider Charme, so nennt man das wohl.



Wer war da?

Wiedersehen macht Freude. Kaum betrete ich den Raum im Obergeschoss, begegne ich Jenny, Nadine und Kim, den Mädels von der Villalobos-Sause im Dezember 2008. Sie haben sich kaum verändert und stellen auch in dieser Nacht ihr aphroditisches Dekolleté mit großem Stolz zur Schau. Einzig das Glitzersteinchen auf dem Schneidezahn fehlt. Dafür funkelt das Madonna-Piercing umso intensiver.

Zu diesen drei anmutigen Grazien gesellen sich eine Vielzahl bulliger Jungs mit Katalogtattoo am rechten Oberarm und weißem Feinrippshirt. Sie lungern alle herum, als ob sie einen Wirbelsäulenschaden haben. Den haben sie vermutlich auch, hängen sie doch sicher stundenlang im örtlichen Kraftstudio ab.

Zudem sind heute Abend zahlreiche Stammgäste der ehemaligen Liquid Lounge- und Z-Connection anzutreffen. Erschreckend daher die Zahl der ausgebleichten, lichtscheuen Raver, die schon steinalt waren, als die Love Parade noch nicht einmal angedacht war.

Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Ich sitze auf einer Bank im dunklen Kellergewölbe, die Beine übereinander geschlagen, den Kopf an die Wand gelehnt und warte, dass etwas passiert. Der DJ steht mit wohlgegeltem Haar und den obligatorischen zwei Miezen in seiner Kanzel und spielt den allerheißesten Scheiss, David Guetta und Eric Prydz.

Niemand tanzt. Wie kleine Hühnchen sitzen die Jungs und Mädels auf den Bänken oder stehen an den zwei Bars, artig nach Geschlechtern getrennt, wie in der Grundschule anno dazumal.

Auch Jenny, Nadine und Kim stehen in einer Ecke und warten auf irgendwelche Typen, die nicht kommen. Frustriert ziehen sie von einem Raum zum nächsten, bestellen sich Jägis und geben sich nach jedem fingerhutgroßen Shot ein Küsschen auf die lipglossfeuchten Lippen.

Neben mir prahlen Artur und Dima, wie viele Flaschen Vodka sie am vergangenen Wochenende geleert hätten und dennoch nicht besoffen waren. Ich für meinen Teil hätte mir zu dieser Uhrzeit jedoch einen Vollrausch gewünscht. Vielleicht hätte ich dann das gefühlskalte und seelenlose Minimalgeklöppel im oberen Raum besser ertragen, das die Warm-up DJane aus den Boxen ließ. Auch hier dasselbe Bild wie unten: geschlechtergetrennte Gruppen stehen beim Bier zusammen, nur die Security läuft durch den Raum und achtet darauf, dass niemand raucht. Die ganz coolen Jungs sitzen auf den Bassboxen und lassen sich von deren Vibrationen die Pobacken durchwalken.



Irgendwann erscheint Vera. Kaum betritt sie den Raum, zieht sie die Augenbrauen hoch. Wahrscheinlich hatte auch sie mit etwas mehr Andrang und einem anders gearteten Warm-Up gerechnet. Denn sie, die überaus erfahrene Plattendreherin, kramt erst einmal minutenlang in ihrem Plattenkoffer – ja, sie spielt Vinyl! – auf der Suche nach wenigstens ansatzweise passendem Klangmaterial. Sie wird fündig und legt los mit Plastico von Damian Schwartz.

Der klangliche Unterschied macht sich sofort bemerkbar. Die Grüppchen lösen sich auf, wenn auch sehr verhalten. Vereinzelt wird sogar getanzt, und die Party nimmt endlich Fahrt auf.



Catering und Getränkekarte

An insgesamt drei Bars kann man sich hier vollaufen lassen. Das Personal ist überaus schnell unterwegs, auf sein Getränk muss niemand lange warten. Ein Bier und ein Shot nach Wahl kosten sechs Euro, Pfand miteingerechnet. Das geht völlig in Ordnung. Essbares gibt’s nicht, es sei denn man macht’s wie Dima und schmuggelt Piroschki am Türsteher vorbei in den Club.

Um halb vier auf dem Klo

Zwei Mädels sind in Liebe zueinander entbrannt. Hingebungsvoll und leidenschaftlich knutschen sie und befummeln sich. Mit einem derart orgiastischen Treiben habe auch ich nicht gerechnet.

Aufregerle

Wieder einmal der Sound: die miserable Qualität von mp3-Dateien lässt sich leider nicht durch überhöhte Lautstärke überdecken. Fürs nächste Mal: Lautstärke raus, Gefühl rein!

Aufheiterle

Irgendwann treffe ich wieder auf die beiden Plastikmäuschen. Sie unterhalten sich über eine Aufziehpuppe, die es unlängst als Geschenk beim Kauf eines Happy Meal gab. „Ich hab’ die gleich meiner Nichte geschenkt“, meint die Brünette. „Die konnte nämlich ein Lied abspielen und ich find’s voll schön, wenn Kinder mit Musik aufwachsen.“



Fazit

Von den Räumlichkeiten her ist das Inside eigentlich ganz in Ordnung, genauso auch der Service an der Bar. Vera schien nicht wirklich ins Konzept der heutigen Nacht zu passen. Doch hat sie, ganz Profi, ihr Set sehr routiniert gespielt.

Warum die Feier so viele Stunden brauchte, um überhaupt in Gang zu kommen, ist mir noch jetzt ein Rätsel. Das einzig große Plus ist vielleicht, dass hier noch Parties möglich sind, die nicht durch das Joch der spießigen Freiburger Sperrzeitenhandhabung unterdrückt sind.

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