Nightlife-Guru: Freie Tanzszene vERbINdlICH im Südufer

Nightlife-Guru

Eine Frau fuchtelt epileptisch mit ihren Armen und klatscht dann auf den Boden. Unser Nightlife-Guru war am Freitag in der freien Tanzszene vERbINdlICH im Südufer – und weiß nicht, ob der Tanz Exorzismus, Porno oder Kunst darstellen sollte.

Der Akt der Liebe oder auch: Exorzismus

Eine Frau in einem viel zu kurzen, roten Kleidchen streckt ihre Arme in die Luft. Ihr Körper zittert. Keine Musik. Nur das Klatschen ihrer Hände auf ihre nackten Schenkel. Sie fuchtelt mit ihren Armen. Sie schüttelt ihre dicken, dunklen Haare die in ihrem Gesicht hängen. Sie zuckt, schneller und schneller. Dann zieht sie ruckartig ihre Arme zusammen, ballt die Hände zu Fäusten und stößt ihr Becken nach vorne. Nach vorne und zurück. Wieder und wieder. Sie keucht. Leidet. Jammert. Verschluckt sie sich gerade? Bekommt sie keine Luft? Dann streckt sie erneut die Arme in die Höh´ und verkrampft in ihrer Bewegung – als hätte sie einen epileptischen Anfall. Dann: Ein letztes Piepsen und platsch! Sie wirft sich mit ihrem Körper wie ein toter Fisch auf den kalten Boden, die Beine in Richtung Zuschauer.

Stille. Da liegt sie, mit ihrem roten Höschen, das für jedermann sichtbar ist. Für ein paar Sekunden hält sie inne. Dann krabbelt sie am Boden entlang in Richtung eines alten Laptops der in Mitten der Tanzfläche steht. Sie tippt auf die Tastatur - dann ertönt ein fröhliches Tanzlied. Sie springt auf, schlägt sich beim Tanz mit ihren Füßen selbst gegen das andere Bein. Dann wirbelt sie wieder mit ihrer Haarmähne, wirft sie nach hinten und offenbart ihr Gesicht: Es ist hässlich - sie trägt eine Maske, die sie verunstaltet.



Ich weiß nicht, ob sie gerade eine Szene aus einem Exorzismus-Film nachgestellt hat, oder ob sie mit ihren intensiven Hüftbewegungen in der neuen Durex-Werbung mitspielen will. Ist das Horror? Ist das Porno? Ist das Kunst? Das Publikum klatscht. Wo bin ich an meinem freien Freitagabend nur gelandet?

Der Mann an der Kasse

Zurück zu Anfang: Ich betrete ein kleines Foyer. Es riecht nach Dinkel-Mehl, Bio-Vollkorn-Keksen und frischem Obst: Wie der besondere Geruch von Alnatura-Läden, den man tief einatmet, wenn sich die Eingangstüren öffnen.

Hinter einem Tresen steht ein Mann der Karten verkauft. Er strahlt von der einen stoppeligen Bart-Seite zur anderen. Seine längeren, grauen Haare sind unter einer schwarzen Wollmütze versteckt. "Fünf Euro, bitte", sagt er. Vor ihm ist eine Schale mit Münzen platziert. Daneben steht ein kleines Schild: Es wird um eine Spende für das Südufer, die Künstler, gebeten. Ich drücke ihm meinen Fünfer in die Hand und laufe wieder nach draußen.

Vor der Tür

"Südufer" steht in modernen, geometrischer Schrift über der Tür geschrieben. Die Fassade ist blau vertäfelt. Das kleine Theater, das eigentlich zum E-Werk gehört, befindet sich direkt links neben dem alten Schmitz Katze.

Hach, Katze. An Freitagabenden standen vor deinen Pforten junge Leute mit einem Freiburger Pilsner in der Hand. Sie zogen den Rauch ihrer mickrigen, selbstgedrehten Zigarette tief in ihre Lunge ein. Jetzt steht da Mathilda-Magdalena mit einer handgefertigten Filz-Mütze.



Mathilda-Magdalena ist ein Kleinkind und bekommt Brei von ihrer Mutter in den Mund geschoben. Mathilda-Magdalena schmatzt – und das wird sie noch den ganzen Abend machen. Die Hälfte des Breis klebt nun an ihrer Backe. Ich tippe auf eine Karotten-Apfel-Mischung – zubereitet mit dem Thermomix.

Einlass

Ein Mann mit einer roten Fleece-Jacke öffnet die Eingangstüre. Die kleine Traube an Menschen – Bio-Trauben – versammelt sich um ihn. Sie kichern. Ich verstehe nichts – nichts, was der Mann mit der Fleece-Jacke und der ausgewachsenen Frisur mit den vereinzelten Dreads sagen möchte.

Soll ich jetzt das Handzeichen "der Stille-Fuchs" machen? Ich höre raus, dass man Fotos und Videos machen darf. Fein. Die Menschen trudeln in das Foyer, rein in den kleinen Saal. Ich dackel ihnen hinterher.

Die Bühne

Links sind fünf Reihen, rechts sechs Reihen á sieben Plätze aufgebaut. Die 77 Stühle sind alle besetzt. Hinten links ist sporadisch ein Pult für die Technik aufgebaut. Direkt vor uns ist die Bühne: eine Fläche Nichts. Der Boden besteht aus Parkett, an der Decke sind zwei große Spiegel befestigt, die hintere Wand ist mit einem Vorhang bedeckt. Alles nicht weiter aufregend, denn: die Kunst soll für sich sprechen – oder so.

Wer war da

Ein älterer Herr hält eine Kamera in seinen Händen, streckt seine Arme nach vorne und blickt etwas verwirrt durch seine Brille, die auf seiner Nasenspitze liegt. Er freut sich, filmt seine Familie, die leere Bühne, Menschen, die sich setzen – spannender wird es heute eh nicht.



Meine Sitznachbarin, Ende 20, macht es sich gemütlich und zieht ihre Boots aus. Vor mir: Ein Pärchen – ich vermute, es ist das erste Date. Er, streichelt ihre Oberarme und sagt: "Du bist eine Bereicherung für mein Leben". Sie neigt den Kopf leicht zur Seite und lächelt: "Schön, dass es geklappt hat!".

Mathilda-Magdalena schmatzt nun direkt in mein Ohr. Sie sitzt direkt hinter mir, auf dem Schoß ihrer Mutter, und knabbert an einer Brezel. Na toll.

Die Show

Das Licht wird gedämmt. Nur das grelle, grüne Notausgangsschild leuchtet hinter den Rücken der Zuschauer. Auf dem Boden liegt ein silberner Teppich. Eine Frau schleicht auf die Tanzfläche. Sie ist weiß gekleidet, an ihre Klamotten kleben silberne Streifen, die alle nacheinander abfallen. Eine Melodie erklingt. Es ist der gleiche Ton, den früher mein altes Samsung-Nokia abspielte, wenn mich jemand anrief.

Die Frau macht eine Art Liegestütze mit angewinkelten Beinen. Sie dreht sich im Kreis. Zwölf Minuten lang. Zwölf. Minuten. Auch Mathilda-Magdalena lässt kurz das schmatzen sein und fragt in Babysprache: "Was macht die Frau da?". Mir ist langweilig, ich schaue auf mein Handy den EHC-Liveticker via Twitter nach. 3:0 für Freiburg!

Es folgt ein Tanz-Exorzismus nach dem anderen. Zwischendrin wird der Teppich zusammengerollt und die Spiegel an der Decke zurechtgerückt. Wieder grässliche Musik. Weiterhin Schmatzen in meinem Ohr. Die Babys der Zuschauer heulen. Dann tritt die Frau mit ihrem roten Kleid auf die Tanzfläche und führt ihren Exorzismus-Liebesakt vor. Nach einer Stunde ist das Stück vorbei. Endlich.

Fazit

Mathilda-Magdalena ist nun für ihr Leben geprägt und wird nie wieder schmatzen können.