Nightlife-Guru: Forever Young im Agar

Nightlife-Guru

Jeden Sonntag öffnet das Agar seine Türen für die Party mit dem verheißungsvollen Namen "Forever Young". Das Versprechen der ewigen Jugend wollte sich auch unser Nightlife-Guru nicht entgehen lassen und machte sich gestern Abend auf ins Getümmel der Ü30-Jährigen.



An der Tür

Ein kalter Spätsommerabend, der Wind geht, die Stadt scheint ausgestorben. Ich bin auf der Suche nach dem Unbeschriebenen, dem Geheimtipp – dem Thrill. Und nach einem entspannenden Ausklang des anstrengenden Wochenendes. Mein Weg führt mich ins Agar, wo das alte Versprechen ewiger Jugend auf dem Programm steht: „Forever Young – von Classics bis House, von Latin bis Rock“. Dass ich seit Jahren an einer Quarterlife-Crisis laboriere, merkt hier keiner. Ohne zu fragen, schätzt man mich auf U30 und ätzt mir unsichtbare Tinte auf den rechten Handrücken. Wäre ich ein alter Sack, hätte ich keine 4 Euro zahlen müssen. Niemals habe ich jedoch freigiebiger meinen Fünfer gezückt.

Inneneinrichtung/Deko

Das letzte Mal war ich vor einer halben Dekade hier, als ich noch in Diskotheken meine Libido zu stillen suchte. Seitdem hat sich not really was verändert. Das eine oder andere Detail ist aber erwähnenswert.

Wie eh und je geht es rechts in jene weiten Räumlichkeiten, welche die große Tanzfläche zum Herzstück haben. Drumherum stehen mannigfaltig hohe Tische samt Barhockern, entlang der Wände befinden sich weitere Sitzmöglichkeiten. Außerdem beherbergt der Raum zwei gut bestückte Bars und hinten – erhöht und abgeschottet – eine DJ-Kanzel. Ein Ambiente, das die biedere Hippness der 90er evoziert.



Gefallen finde ich an den kleinen Nischen in den Wänden, in denen man seine Drinks oder Taschen abstellen kann. Sie sind mit grünem Kachelmosaik hinterlegt, was an irgendwas zwischen Pompeji und Bad Krozingen erinnert. Fehlt nur noch ein Jugendstilwandbrunnen, aus dessen Maul unermüdlich Thermalwasser plätschert – auf dass die Location vom Geruch verfaulter Eier erfüllt sei.

Das Kachelmosaikdesign setzt sich links im Raucherbereich fort, dessen Glastüren eine bedeutungsschwangere Aufschrift trägt: „Get in touch“. Die großzügige Smoker’s Lounge ist endlich einmal nicht in jenem Pseudo-Weiß gehalten, das wir seit Modern Talking nicht mehr sehen wollen, sondern in geschmackvollem (Hotelbar-)Dunkelbraun: Holz und Leder laden unaufdringlich zum Chill-Out ein.



Wer war da?

Vornehmlich Damen und Herren zwischen 35 und 55. Sie: Geox-Schuhe, Esprit-Jeans, schwarzes Marc-O’Polo-T-Shirt, manchmal aber auch der Versuch, die elegante Schiene zu fahren. Sex and the Solarcity live und direkt. Er: Glatze (Sportler) oder Langhaar (Rocker). Diskosafari in beigefarbenen Kargos und Trekkingsandalen, karierte Kurzarm- und gestreifte Polohemden, Anzugträger mit Brille. Bierbäuche.

Zu meiner Überraschung aber auch eine Trias süßer Studentinnen, ein paar Dorfschicksen mit kurzen, wasserstoffblonden Haaren, ’ne handvoll Jungs aus Ortschaften zwischen Kollnau und Denzlingen, deren BA-Studium bald wieder losgeht.



Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Klar, ein wenig Ball der einsamen Herzen. Mit 40 sieht die Seelenlandschaft anders aus als noch mit 20. Risse und Furchen ziehen sich durch die Vergangenheit. Die Beziehungs-Topographie gleicht nicht mehr jenem unberührten Eiland, auf dem der Jugendliche wohnt. Paradise Lost. Ich merk’s ja selber langsam.

Ansonsten eigentlich dasselbe wie in der benachbarten „Nachtschicht“. Die Frauen sind zu zweit gekommen und tanzen. Die Männer, meist allein unterwegs, stehen noch am Rand rum oder cruisen – immer auf der Suche nach dem nächsten F… pardon: Blick.

Der DJ (Hans-Peter? Jörg? Harald?) huldigt der Postmoderne, indem er blindlings einen bunten Sommerstrauß an Stilen und Epochen zusammenstellt. Eurodance trifft auf Reggae, Black Beats auf Schrammelhouse, Shakira („Hips Don’t Lie“) auf Jacko („Dirty Diana“). Rührselig, wenn zu den Akkordeonklängen des Amelie-Walzers wehmütig übers Parkett gedreht wird und die Gedanken im Paris-Aufenthalt von einst hängen („Brigitte lieh uns ihre Ente", „Juliette erklärte mir, warum es French Kiss heißt“, „Wir ernährten uns von Baguette, Rotwein und Liebe“). Cut und ab nach Lateinamerika: Isaac Delgados „La vida es un carnaval“ lässt die Tanzschulroutiniers ihre Salsa-Kurse rekapitulieren, Shantels „Disko Partizani“ holt sie wieder zurück auf den Boden balkanischer Tatsachen.



Neben mir sitz Rainer Langhans, fährt sich affektiert durch seine lange, schlohweiße Mähne, streichelt eitel seine Ohrringe und bewegt den Oberkörper verlangend zum Groove. Ein altgedienter Latino in weitem Leinenhemd passiert ihn hinterrücks und fängt unvermittelt an, die Aufmerksamkeit durch laute, körperintensive Flamenco-Steppschritte auf sich zu lenken. Irgendwie geckenhaft.

Die Ladies bewegen sich, wie sie’s damals gelernt haben: „Ich tanz, wie ich mich fühle“, lautet die Devise. New Wave, Eso, Diskofox. Die Typen drehen sich oft um die eigene Achse, mimen auf Hiphop ungelenk Timberlake und geben sich zu Housebeats peinlich übermotiviert. Ob irgendjemand hier irgendwen abkriegt, krieg ich nicht mehr mit. Kurz vor Ende ergreif ich die Flucht.

Catering/Auf dem Klo um halb zwei

Ordentliche, umfangreiche Karte. Beck’s (0,3 l): 3 EUR; Wein (0,2 l): 4 EUR, Longdrinks und Cocktails: 6-9 EUR. Da ich mich erst gestern mit erstklassigem Weißem Gutedel aus dem Auggener Schäf weggeballert habe, mach ich heute auf Zen und trinke Apollinaris. Die meisten haben aber Bier vor sich stehen, was – wie wir wissen – äußerst harntreibend wirkt – weswegen dauernd irgendjemand aufs WC rennt. ’Türlich wird dort auch noch mal gecheckt, ob das Toupet verrutscht ist oder der Lippenstift nachgezogen werden muss. Ansonsten alles sehr gepflegt: weder Koksorgien noch Klokabinen-GVs.

Fazit

Gleiches Recht für alle – und also auch Party- und Aufreißrecht für Menschen jenseits der 30. Im Agar scheint sich eine Community etabliert zu haben, die dort allsonntäglich Liebe, Lust und Leben sucht oder einfach nur mit Gleichaltrigen ein letztes Bier vorm Wochenstart zischen will. Für U30er heißt’s hier höchstens: Mit alten Töpfen lernt man kochen. U20er sind in der „Nachtschicht“ besser aufgehoben.

Mehr dazu:

Web: Agar

fudder.de: Nightlife-Guru