Nightlife-Guru: Erotische Lesung im Café Capri

Nightlife-Guru

Erotik war für unseren Nightlife-Guru bislang immer gleichbedeutend mit One Night Stands im Kerzenschein. Dass sie auch Inhalt schöner Literatur sein kann, erfuhr er erst am Dienstagabend bei einer erotischen Lesung im Café Capri - zwischen Bananensplit und "asiatischen Anal-Göttinnen".



Die Jungs an der Tür ...

… sind ungefähr 65 Jahre alt, rauchen Zigarillos und diskutieren über Geld. „Zur Lesung? Nach oben“. Sieht man mir an, dass es mich nach erotischer Lesung gelüstet? Liegt wahrscheinlich an meinem Trenchcoat.

Wer war da?

Im ersten Stock herrscht irgendwas zwischen Paartherapiestimmung und Vorfreude aufs literarische Quartett. Statt Marcel Reich-Ranicki empfangen mich zwei sorgfältig gekleidete Mittvierziger, die vor einem dunkelrosa dekorierten Tisch mit Büchern sitzen. Er, von Beruf Tantra-Dienstleister aus Umkirch, trägt ein rot-schwarz gestreiftes Hemd und dazu eine weinrote Satinkrawatte. Auch seine Partnerin passt zur Deko: lange, dunkelrote Haare, knallroter Schal, Lapislazuli um den Hals.

Mit badischem Akzent und der gleichen Klebrigkeit in der Stimme, mit der man Kindern Gutenachtgeschichten vorliest, trägt der Tantra-Typ die erotischen Texte vor. „LustVerlesen“ heißt die Veranstaltung, und das klingt etwa so: „Sie glitt in seine Schlafanzughose und verteilte kleine Klapse auf seinem Hinterteil.“ Oder: „Sie erfüllte das Gefühl von pulsierender Dichte.“ Immer wieder wirft der Vorleser seiner Partnerin vielsagende Blicke zu. Ich frage mich: Was um Himmelswillen tue ich hier? Ich fühle mich wie ein perverser Voyeur, der ein Ehepaar beim Vorspiel beobachtet.



Immerhin bin ich nicht allein. Rund 20 Leute sitzen im Café Capri, zwei Drittel davon Frauen. Einige Singlemänner sind da: Kristall-Rainer in Cargohosen schmeißt verwegen ein Zitronenscheibe in sein Bier, neben ihm bestellt ein Derrick-Doppelgänger eine Apfelschorle. Am gleichen Tisch sitzt ein Pärchen im Jeanshemd-Partnerlook und hält Händchen. Ein Ernte 23-Raucher mit Dauergrinsen isst Bananensplit, während er mit zwei kichernden Blondinen flirtet.

Aufheiterle

Ein Paar in den späten Fünfzigern hat sich mit dem Rücken zur Wand gesetzt, beide schließen meditativ die Augen und “genießen“. Nach der Pause fehlen sie – warum bloß?

Stöhnwaren-TÜV

Neben einer bizarren Fast-Inzest-Geschichte von Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa und einer eher züchtigen Anekdote von Flaubert, lesen die Tantra-Dienstleister auch konkretere Sextexte. So wie die Werke der durchaus wichtigen Erotik-Schriftstellerin Luna. Die ist eigentlich Make-Up-Artistin bei Playboy-Produktionen und wohnt auf Ibiza, schreibt aber für ihr Leben gerne Schmuddelgeschichten.



Eine heißt „Love Truck“ und handelt von einer selbstbewussten Singlefrau, die „einfach mal wieder richtig durchgevögelt werden will“ (nervöses Kichern vom Derrick-Tisch). Autorin Luna mag Alliterationen: „Fiese Fönwellen-Fuzzis“, „asiatische Anal-Göttinnen“ und „Hummeln im Höschen“ sind nur eine kleine Auswahl ihrer großen Dichtkunst. Wenn die Schriftstellerin nur wüsste, dass ihre Texte ausgerechnet im „Café Capri“ vorgelesen werden! Als die Protagonistin der Geschichte an der Tankstelle mit „Trucker-Toni“ (natürlich) eine schnelle Nummer schiebt, übernimmt die Satinkrawatte den Part des Brummi-Fahrers und liest mit seiner Partnerin im Duett. Zur Steigerung der Authentizität. Das Niveau ist im Keller – meine Libido auch.

Einrichtung und Deko

Das Bücherregal, auf dem sonst Titanic-Heftchen ausliegen, ist mit einem pinken Seidenschal und einem Teelicht zum Erotik-Altar umfunktioniert worden. Die hinduistische Schönheitsgöttin Lakshmi, die die beiden Tantra-Spezialisten überallhin mitnehmen, grinst vor einem Strauß rosafarbene Pfingstrosen. Ansonsten ist es eben das Café Capri, mit seinem sechziger Jahre Charme, den fleckigen gelben Tischdecken und den praktischen Zuckerstreuern aus Plastik auf den Tischen.



Catering und Getränke

Was Satinkrawatten für die Sexphantasien des Nightlife-Gurus sind, ist das Café Capri für seine Gourmet-Zunge. Neben Schniposa und Salat mit Putenstreifen (der aus dem Irish-Pub gegenüber gebracht wird), preist die etwas mitgenommen aussehende Speisekarte kulinarische Oldtimer wie „Sanfter Engel“ und Kaffee mit Schnaps an.

Erregerle

Eigentlich hatte ich den ganzen Abend als einziges „Erregerle“ konzipiert. Nur lassen sich Nightlife-Gurus eben nicht so einfach antörnen. Da kann die Satinkrawatte noch so oft schelmisch zwinkern.

Aufregerle

Nach der Lesung drückt mir die Satinkrawatte einen Flyer in die Hand: Massage-Ausbildung. Erotisch, versteht sich. Für schlappe 250 Euro pro Person kann man sich ein Wochenende lang (ohne Übernachtung) zum Tantra-Masseur „ausbilden“ lassen. Ein echtes Sex-Schnäppchen! Allerdings muss man Sarong, Betttuch, Handtücher, 4 Waschlappen, einen Topf, ein Stövchen, Federn oder Fellchen (!), Massageöl und Gleitgel selbst mitbringen. Frechheit!



Halb zehn auf dem Klo ...

... ist es zugesperrt. Schlüssel weg. Na ja, wenigstens kann ich mir jetzt vorstellen, was Vargas Llosas Protagonistin mit dem „pulsierenden Gefühl der Dichte“ meinte.

Fazit

Um es im Stil der Schmuddel-Schreiberin Luna zu sagen: Erotische Exzesse und lustvolle Liaisons erlebe ich lieber in häuslicher Heimlichkeit – literarische Lust-Leser schaden meiner leidenschaftlichen Libido. Vor allem wenn sie rote Satinkrawatten tragen.

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