Nightlife-Guru: Erotik-Lesung im Teng

Nightlife-Guru

Im Juni kam unser Nightlife-Guru ziemlich enttäuscht von der Erotik-Lesung im Café Capri heim. Von der Lesung von Hanna Donath im Teng erhoffte er sich deutlich mehr Sexyness - schließlich hat die Autorin den ersten Freiburger Erotik-Roman geschrieben.



Der Junge an der Tür ...


… ist nett, süß und für 3 Euro drückt er zärtlich einen Stempel aufs Handgelenk. Ein geheimnisvolles Lächeln umspielt seinen Mund. Zwinker, zwinker. Ich hole mir schnell von Hanna Donath ein paar Abschlepp-Tipps und versuche mein Glück.  

Wer war da?

Das Teng ist voll, das Publikum nicht, dafür aber schön bunt gemischt. Zwischen Abi, Arztpraxis und Arbeitsamt ist alles vertreten. Viele Frauen um die 30, ein paar junge Pärchen, aber auch breitschultrige Männer mit Bart und Halbglatze. Sie scheinen sich alle ganz gut zu amüsieren, lachen an den richtigen Stellen, prusten auch mal ganz ungeniert heraus. Nur ein Gast hat den Handballen unters Kinn geklemmt und verharrt während der gesamten Lesung in dieser Pose. Den Nacken steif durchgestreckt schaut er gelangweilt bis mürrisch und döst fast ein über seinem Astra.  



Stöhnwaren-TÜV

Hanna Donath liest nicht, sie schmettert. „Fuck, ich bin schwanger“, donnert sie los. Erst nach der Lektüre der ersten Seite schenkt sie dem Publikum ein knappes „Hi, ich bin Hanna.“ Sie stellt kurz den Plot ihrer Geschichte vor, in der die ungewollt schwangere Lotte den Vater, ein One-Night-Stand (ups!), in Freiburg wieder finden will. Gar nicht so einfach - oder doch? „Schließlich ist Freiburg nicht Berlin“, stellt Lotte fest. Was für ein Sinn für Realität!

Davon könnte sich Oliver Rath eine Scheibe abschneiden. Hier trifft man eben jeden ganz schnell und ständig wieder, vor allem aber die, die man nicht wieder treffen will: vergangene Flirts, peinliche Ausrutscher und schmutzige Äffärchen.

Und davon gibt es im Leben von Lotte nicht wenige. Die Autorin liest die Geschichten von Adrian, dem schnöseligen Schweizer mit dem Lotte an Silvester im Karma rummacht, von 2-Minuten-Lukas und Saufgelagen im Schlappen. Es wimmelt nur so von Männernamen. Donath liest: „Lotte ging mit Paul in den Schlappen um Marvin zu treffen.“ Mein Sitznachbar wird nervös. „Wer war schon wieder  Paul?“, fragt er verwirrt. „Ihr bester Freund, Mann! Hör doch zu“, weiß sein Freund. Achso.



Leider erinnert Hanna Donaths Erzählton ein bisschen an jenen, den kleine Kinder auflegen wenn man sie an Omas Geburtstag zum Gedichte aufsagen zwingt. Sie prescht durch ihre Sätze, aber das passt irgendwie zu ihrem trockenen Humor, den sie auch Lotte verleiht, und ihrem gewissenlosen Schreibstil. „In der Markthalle ist Resteficken Breitensport“, liest sie. Da lacht sogar der Steif-Nacken.

Dann spielen Gabi & Klaus noch ein bisschen experimentellen Quatsch, wie Lotte die Teng-Mukke in ihrem Roman qualifiziert, und Hanna Donath bringt ein paar Bücher an die Frau - handsigniert natürlich.

 

Einrichtung und Deko

„Das Räng Teng Teng sieht aus wie Omas Keller, in dem nie richtig aufgeräumt wurde. Keiner kennt die Musik, aber trotzdem tanzen immer alle.“ Hanna Donath beschreibt das Teng sehr treffend. Auch wenn der rote Samtvorhang gar nicht existiert, den sie in ihrem Roman vor den Teng’schen Eingang hängt, passt ihre Lesung gut in diese Umgebung. Auch die lasziv guckende Bettie Page an der Toilettentür wertet das Ambiente auf.



Catering und Getränke

Heute gibt’s Sprizz für die Ladies - Flaschenbier für die Gents. Kulinarisch verwöhnt uns Hanna Donath mit Beschreibungen vom Geschmack von Dönerbrot mit Zaziki, diverser Alkoholika und männlicher Körperteile. Für Lottes Freundin ist die Tatsache, dass "Er" eben "nicht schmeckt, du weißt schon“, ein Grund zum Schlussmachen. Jetzt verziehen ein paar Zuhörer angewidert das Gesicht.

Aufheiterle

Bei einer angeregten Diskussion über Analsex bringt Lotte ihren wahrscheinlich besten Kommentar: "Das ist ein Ausgang - und kein Eingang." Das Publikum lacht hier am lautesten.

 

Erregerle

Wenn Hanna Donaths Lesestoff erotisch sein soll, dann ist auch Mario Barth erotisch. Da war die Satinkrawatte im Café Capri ja noch antörnender. Aber lustig ist sie, auf ihre ganz eigene Weise: „Ein Freund von mir hat gerade gesagt, ich solle weiterlesen. Seine Errektion lässt nach“,  witzelt Donath nach der Pause. Na immerhin ist wenigstens einer im Raum erregt.

 

Aufregerle

Hanna Donaths Vorlese-Skills sind etwas gewöhnungsbedürftig. Anscheinend klingen alle Typen, mit denen Lotte verkehrt (!), wie Ernie aus der Sesamstraße oder Chorknaben im Stimmbruch. Zeitweise erinnert das Ganze ziemlich an die Verlesung des Haushaltsplans im Gemeinderat. Zum Glück bessert sich wenigstens der Ratterton und wird zum aufgeregten Stolper-Lesen, das authentisch und witzig klingt.

 

Halb zehn auf dem Klo ...

“... äääääääääääääääh du bist doch der Sandra ihre Mitbewohnerin! Voll witzig, dass du auch hier bist,“ quiekt eine Blondine, die gerade aus dem Kabinchen kommt und der Sandra ihre Mitbewohnerin erkennt, die am Spiegel steht und den Lidstrich nachzieht. Genau so habe ich mir das Publikum hier vorgestellt. Voll witzig eben.

 

Fazit

Befolge ich den Rat von Hanna Donaths Protagonistin, muss ich mich nur vor den Jungen am Eingang stellen, die Schultern nach unten drücken (also, meine eigenen, nicht die des Jungen an der Tür), den Kopf schief legen, ihm von unten tief in die Augen blicken und zack - werde ich geküsst. Danach schleppt er mich vielleicht zu einem Quickie auf die Wiwilli-Brücke und ich erfahre endlich, "wem die Nacht gehört." Aber natürlich traue ich mich nicht.

So etwas trauen sich nur Frauen in Romanen, oder vielleicht auch die, die diese vorlesen. Die haben genügend Erfahrung und einen Humor, den sie zwar nicht erotisch, aber sehr unterhaltsam unter die Leute bringen können.