Nightlife-Guru: Eröffnungsparty der Theatertage im Marienbad

Nightlife-Guru

Das Urteil unseres gefürchteten Nightlife-Gurus fällt bei dieser Party vergleichsweise milde aus. Vielleicht, weil er nach dem Genuss einiger Gläser französischen Bio-Landweins sein Portemonnaie verlor und es tags drauf von den Nymphen des Marienbads aus dem Efeu gefischt bekam? Die Lektüre des folgenden Texts lohnt sich, so oder so.



An der Tür

…werde ich weder von Anabolika-Sommeliers abgepasst, die im Poesiealbum unter Hobbys „Mixed Martial Arts“ angeben, noch von großnasigen Stempeltinten-Junkies, die darauf aus sind, Sepia-Abstinenzler wie mich mit dunkelblauem Liquid anzufixen.

Der Eintritt ist frei an diesem Freitagabend! Und das, ohne dass die gesamte Örtlichkeit mit abturnenden Sponsorenbannern tapeziert worden wäre.



Inneneinrichtung / Deko

Wie der Name nahe legt, fungierte das Marienbad lange als private Badeanstalt, bevor es 1989 zur festen Spielstätte des Freiburger Kinder- und Jugendtheaters wurde. Was sich zuerst nach Fußpilz going Kasperle anhört, wird heute zur anregendsten Partylocation jenseits des Augustinerplatzes.

Um 1900 errichtet, punktet die einstmalige Hygiene-Hütte nämlich mit Jugendstilelementen, die eine verspielt-mythische Atmosphäre schaffen: Im Foyer ein mit bunten Kacheln hinterlegter Brunnen, dessen grimmige Fratze orakelnd ins Nichts glotzt; um das trockengelegte Schwimmbecken eine Galerie eklektischer Säulen, die im linken Seitenschiff ein Kreuzgratgewölbe stützen.

Gusseiserne, verschnörkelte Wendeltreppen; stilisierte Delphine aus weißem Stuck. Irgendwo eine kleine Engelstatue; rechts von der Bar eine Lichtinstallation aus bunten Quadraten. Allenthalben erinnern großformatige Fotos und Plakate an Theaterproduktionen vergangener Zeiten.

Der großzügige Hof dient heute als Biergarten, an dem entlang eine lange Rampe ins hintere Gebäude führt. Die Lichterketten und (Theatertage-grünen) Tischlichter verstärken den Eindruck, eine USS Enterprise aus Backstein zu betreten.



Wer war da?

Die zahlreichen Fahrräder entlang der Marienstraße lassen erahnen, wer heute hier feiert: Müsli-Esser und Wein-Trinker, Berlin-Friedrichshain-Poser und Altstadt-Veteranen, Kulturlistenvertreter und Schauspielschüler, Freizeit-, Profi- und Wie-auch-immer-Künstler. Sehen und gesehen werden. Dazu gehören um jeden Preis: Seidenschals, Nichtfrisuren, Jack-Wolfskin-Jacken und Trekking-Schuhe; Sommer-Kicks, Röhrenjeans, Mazine-Shirts und Kastenbrillen.

Neben mir erzählt ein Student lebhaft von seinem New-York-Aufenthalt und rattert eindrucksvoll die Mordstatistiken einzelner Distrikte runter. Rechts referiert ein Lichtpirat über Vor- und Nachteile projizierten Graffitis. Geraucht wird draußen. Gesoffen drinnen.



Party-Atmo und Klangwaren-TÜV

Irgendwann fangen „Die Gefürchteten Waldseematrosen“ an, die Geschichte des Rock ’n’ Roll nachzuerzählen. Vor allem ältere Semester – Brecht-Kenner und Biermann-Sänger – versammeln sich jetzt in der vormaligen Schwimmhalle. Einfühlsam beklagt Sascha Bendiks mit Bill Withers die Kälte des Verlassenseins („Ain’t No Sunshine“), um anschließend mit Ben E. King vollends zum Schmusen aufruft („Stand by Me“). Die Ü-40-Fraktion dankt’s ihm, indem zwei Handvoll Bewegungswillige das Schwimmbecken entern. Tanzstunden werden rekonstruiert, Rumba-Schritte in den widerspenstig-langsamen Rhythmus gezwungen und argentinischer Tango zum Parkett-Passepartout erklärt.



Wie immer sind es die Balladen, welche vor Ohren führen, wie lange die sympathische Regiocombo schon zusammen spielt. Sie verstehen sich taub, agieren und reagieren in jenem musikalisch Äther, der das Ergebnis unzähliger Proben und Gigs ist. Das Sahnehäubchen – das weiß auch die Band – sind die Fender- und Hammond-Soli ihres Keyboarders Miki Sum. Schade nur, dass sie dem Musikwunsch eines treuen Fans nicht nachkommen, Hendrix’ „Hey Joe“ zu intonieren.

Immerhin lassen sie sich vom Publikum überreden, humoresk AC/DCs zu oft gespieltes Höllenfahrtskommando („Highway to Hell“) zum Besten zu geben – was epileptische Joe-Cocker-Moves und selbstvergessenes New-Wave-Gebaren ins Seniorenbecken bringt.

Um 1 Uhr werden die Alten ins Bett gebracht und die Kids sind an der Reihe. Und die wollen Techno. Den kriegen sie und zwar von Anfang an mit voller Wucht. Gnade vor Recht? Kcuf you!



Der Bodensee-Raver Martin Tenschert mag offenbar kein Carpaccio und serviert schon als Vorspeise dicke Bistecche alla fiorentina: 1-2-3-4-druff-druff-druff-druff. Immer wieder dreht er den Bass raus, um ihn kurz darauf effekthascherisch zurückzubringen. Dass er dabei nicht immer ganz sauber verfährt, stört heute niemanden.

Stattdessen quittiert die Augsburger Puppenkiste sein Peitschen und Dröhnen mit lautstarkem Gejohle. Auf den Tanzfliesen wird „Minimal“ zu „Maximal“, und Rocker, die sich für Dixilandia und Schlammcatchen zu alt fühlen, southsiden, dass das Nichtschwimmerbecken zum Whirlpool mutiert. Abgesehen von zwei Asiatinnen, die Tenscherts repetitiven Klängen mit zen-buddhistischer Reduktion begegnen, ist der DJ selbst sein stilechtester Kunde: Er zuckt, als ob’s kein Morgen gäbe – obwohl er da doch im Hasenbau auflegen muss!
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Catering

Eine Vielzahl an Wassern? Eau de Lourdes (samt Mikrofauna): 4,50 EUR? Thermalwasser aus der hauseigenen Quelle (mit edlem Schwefel parfümiert): 3,50 EUR? Oder, würzig, Plörre aus dem Kinderbecken: 2,50 EUR? Nein, was die Getränkekarte angeht, macht das Marienbad seinem Namen heute keine Ehre. Wer zig Wasser aus aller Herren Länder verlangt, ist im Berliner Adlon besser aufgehoben.

Hier hingegen gibt’s eine solide Auswahl an Softdrinks (1,80 EUR), Bier (2,30 EUR) und weiß-grau-rot-rosafarbenem Wein (0,2 l: ab 3,20 EUR). Den großen Andrang meistert die kleine Bar überraschend souverän und äußerst freundlich. Ich kippe mich heute mit französischem Bio-Landwein weg, zieh' ein Viertele nach dem anderen runter und werd’ mir morgen meine Acetylsalicylsäure intravenös verpassen müssen.

Ach: Und irgendwann wurden draußen mal verschiedene Tapas und Fleischspieße um 7 EUR gegrillt – aber davon habe ich irgendwie nichts mehr mitbekommen.



Aufregerle & Aufheiterle

Als ich schon gehen will, merke ich, mein Portemonnaie verloren zu haben. Scheiße. Weder mein Zustand, noch die nächtlichen (Party-)Umstände lassen es mich finden, so dass ich mich hoffnungsvoll ans Personal wende. Nichts. Am nächsten Tag, die Sonne nervt, frage ich noch einmal nach. Und: Gelobt sei Maria! Unversehrt, kein Hunderter fehlt, hat man meine Geldbörse im Efeu gefunden. Macht Kunst vielleicht doch bessere Menschen?



Fazit

Die BW-Theatertage bringen jung und alt zusammen und verwandeln eine gut bürgerliche Straße in Freiburgs Partylocation Number One. Der städtische Repressionswahn der letzten Monate hat mich schon fast vergessen lassen, dass man im Breisgau auch feiern kann. Mein Traum: alle drei Monate ’ne Fete im Marienbad! Für die Anwohner: freier Eintritt und all you can drink. Und ich: würde nie von hier wegziehen.

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