Nightlife-Guru: Eröffnung Coucou

Nightlife-Guru

Ist das Coucou wirklich der neue Szene-Hotspot? Der Nightlifeguru war am Freitagabend zur Publikumseröffnung am Breisacher Tor und hat sich ein Bild gemacht. Auf zum Kuckuckstrip mit Wulf Piazolo, Hot Dogs, Heimateinrichtung und Chill-Lounge-Atmo.



An der Tür

Von der Rempartstraße auf das historische Gebäude zulaufend, blicke ich durch eine ausladende Glasfront in einen hellen, lichterfüllten Innenraum. Er ist nahezu menschenleer. Auch der Außenbereich, eingefasst durch einladende Sitzstufen und tagsüber schattenspendende Bäume, die in den Nachtstunden von unten angestrahlt werden, benötigt kein Ordnungspersonal, um eine zusammenströmende Menschenflut zu kontrollieren. Mit großem Zulauf habe ich am heutigen Abend gerechnet. Ich habe gehofft, Freiburgs selbsternannte VIPs und gespielt gelangweilte Superreiche mit Hochgenuss im Gedränge anrempeln zu können und ihnen auf die Zehen zu trampeln. Und jetzt fehlen diese?

Ich bin ernüchtert. Und enttäuscht zugleich. Man sollte denken, dass gerade in einer studentisch geprägten Stadt wie Freiburg Eröffnungen jeglicher Art überrannt werden von Studenten, weil’s dort ja bestimmt etwas umsonst gibt. Doch weit gefehlt. Die Freiburger zeigen sich auch am heutigen Abend geradezu lebensunhungrig.



Inneneinrichtung / Deko

Der Außenbereich des Coucou lädt mit seinen Sitzstufen und lauschigen Plätzen unter Bäumen und Sonnensegeln ein, die Zeit zu vergessen und das angenehme Sonnenwetter bis weit in die Nacht im Freien zu genießen. Naja, nicht ganz. Denn spätestens ab 23 Uhr gilt auch hier, im Umgang mit Lärmquellen umsichtig zu sein und die Gespräche in den Innenraum des Lokals zu verlagern.

Über allem thront wachend ein Transparent des Offenburger Künstlers Stefan Strumbel. Es trägt den Schriftzug „Heimat Loves You“ und zeigt dazu passend ein für den Südschwarzwald charakteristisches Gehöft im warmen Licht der untergehenden Sonne.

Das Innere des Coucou wartet auf mit einem prägnanten und fein abgestimmten Raumkonzept. Es spricht die unverwechselbare Bild- und Formsprache Strumbels. Vom Schwarzwaldmädel mit Flinte und Palituch, mal Banane essend, mal böse dreinblickend, bis hin zur verkitschten Kuckucksuhr sind alle Artefakte des Künstlers vorhanden.

Unübersehbar sein Leitgedanke „What The Fuck Is Heimat“. Auch Logo und Name der Location tragen sehr deutlich des Offenburgers Handschrift. Der namensgebende Piepmatz blickt, ganz in rosa gehalten, naiv und neugierig zugleich von Speise- und Getränkekarten sowie von verschiedensten Anzeigetafeln herab auf die Gäste. Er weist sogar den Weg aufs Klo. Konsequenter kann man ein individuelles Corporate Design kaum durchziehen.



Beleuchtung und Lichtdesign

Rosa ist auch die dominierende Grundfarbe der Innenraumbeleuchtung. Je nach Betrachtungswinkel irisieren die Lichtfarben zwischen violett, Purpur und Flieder und lassen dabei den jeweiligen Hautteint sehr vorteilhaft erscheinen. Kurzfristige Aufmerksamkeit verlangt ein großer Luster im Eingangsbereich zwischen Bartresen und Restaurationsfläche. Sein Äußeres erinnert an kleine, tropfende Eiszapfen oder herunterlaufendes Kerzenwachs.

Gäste, Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Platinblond gefärbte Haare, urlaubsbraun und etwas größer als mittelgroß. Das ist Jasmin. Sie ist 26, arbeitet als Rezeptionistin in einem Freiburger Hotel und macht nebenher eine Umschulung zur Veranstaltungskauffrau. Fashion-bedachtes Szene-Girlie? Fehlanzeige! Und dennoch: unter sachkundiger Anleitung ihrer Freundin Nadine hat sie sich für heute Abend so richtig schick gemacht.

Ballerinas, Stunden zuvor in einem Trendshop in der Schwarzwald-City gekauft, eine hautenge Jeans, in die sie selbst unter Zuhilfenahme eines Schuhlöffels kaum reinkommt, darüber ein luftiges Oberteil ohne Taille. Alles noch vertretbar, wenn da nicht diese Perlenohrringe und die asymmetrische Ponyfrisur wären.

Sie ist verabredet mit Frank, 35, festangestellt und finanziell bestens abgesichert. Von alternativen Lebensentwürfen und –arbeitsformen hält er nur sehr wenig. Schlagworte wie Blogosphäre, Kreativprekariat oder digitale Bohème hält er für ernstzunehmende Krankheiten. Und Geisteswissenschaftlern begegnet er sowieso von vornherein mit Argwohn. Im August geht’s für ihn in den Aktivurlaub, denn Laissez-faire ist etwas für Milchtrinker und Weicheier. Sein fabrikneues Rennrad, Marke Colnago, lobt er in jedem zweiten Satz. Doch die negativen Auswirkungen ausgelassener Trainingseinheiten kann auch ein Mann wie Frank nicht mit einem über der Hose getragenen Hemd verbergen.

Zwei Menschen, die keineswegs repräsentativ für das Publikum des heutigen Abends sind. Das zeigt sich um ein vielfaches bunter, heterogener und vielseitiger. Doch bilden Jasmin und Frank eine durchaus realitätsnahe Schnittmenge der Gäste und ich frage mich, wo die Neugier und Entdeckungsfreude der Freiburger geblieben ist? Haben sich die Szenen derart eingefahren, dass kaum einer mehr in der Lage ist, etwas Neues auszuprobieren?



Der Reinschmeißer

„Darf ich Sie bitten, Ihre Gespräche im Inneren unseres Lokals fortzuführen? Es ist kurz vor 23 Uhr und wir schließen unsere Aussenbewirtung.“ Wulf Piazolo, der Mitbetreiber und Geschäftsführer des Coucou, eilt von Tisch zu Tisch und zeigt sich Willens, die Besonderheiten der städtischen Gemengelage, in der sich das Coucou befindet, zu berücksichtigen. Doch die Angst vor Lärmbeschwerden ist an diesem Abend unangebracht. Die Gespräche der knapp 200 Anwesenden perlen auf Zimmerlautstärke.

Vielleicht ist dies auch auf die Themen zurückzuführen, die an diesem Abend durchgekaut werden. Semesterabschlussklausuren oder Seminararbeiten müssen die wenigsten schreiben, geschweige denn Studiengebühren zahlen, ein ewiges Reizthema. Auch über Politik, Wirtschaft oder Religion wird nur selten gesprochen. Man hat ja schließlich Wochenende. So werden Urlaubspläne und Ziele ausgetauscht, zum wiederholten Male das düstere Männerbild der Freundin aufgearbeitet, die in diesem Jahr bereits die vierte Beziehung begonnen hat, und laut darüber nachgedacht, wo’s Freiburgs bestes Eis zu kaufen gibt.

Drinnen spielt ein DJ über Laptop anfangs housigere Klänge, später eine Auswahl an Songs von Prince, Michael Jackson & Co. Es ist die Zeit, in der ein großer Schwarm männlicher und weiblicher Nachtschwärmer das Coucou betritt. Zeit für mich, zu gehen. Genug gechillt, genug gelounged.



Catering und Getränkekarte

Auf der Getränkekarte gibt es wenig Neues zu entdecken. So gibt es Softdrinks und schwachalkoholische Getränke aller gängigen Hersteller zu Innenstadt-Preisen: 2,60 € für ein Bier (Fürstenberg, 0.33l). Die längst Mainstream gewordenen Fermentlimonaden, Bionade & Co., belasten mit 3,20 € den Geldbeutel. Der Preis für Longdrinks liegt mit durchschnittlich 5.90 € im angemessenen Segment. An dieser Stelle sei insbesondere vor dem Vodka Cranberry gewarnt: er steht nicht auf der Karte, wird jedoch anstandslos zubereitet und besitzt ein hohes Suchtpotential. Er schmeckt wirklich sehr gut und ist gehaltvoll.



Noch zu später Stunde werden Desserts serviert, durchweg ästhetisch ansprechend angerichtet. Die Portionsgröße kann durchaus mit denen im Wolfsburger „Aqua“ oder in der Baiersbronner „Traube Tonbach“ in Wettbewerb treten. Umso radikaler fällt daher auch der Bruch zu einem Special aus, das die Macher des Coucou in Zukunft regelmäßig freitags ab Mitternacht anbieten werden: Hot Dogs.

Eines gilt es noch hervorzuheben: das Personal ist zuvorkommend, aber nicht aufdringlich und scheint sich das Wohl des Gastes wirklich zum Anliegen zu machen. Hoffen wir, dass es so bleibt.

Auf dem Klo um halb vier

Ab einer bestimmten Uhrzeit bilden sich mit Sicherheit Schlangen vor den einzelnen Urinalen. Denn einzelne, weiß eingerahmte Hinweistäfelchen zeigen an, wo welche Flüssigkeiten wieder auszuscheiden sind.

Aufregerle

Für mich in erster Linie die Musikanlage und die musikalische Untermalung des Abends mit einem Live-DJ. Die Anlage scheint klangtechnisch nur bedingt eingepegelt und justiert. Denn kaum hat sich der Innenraum gefüllt, nimmt man nur noch Hi-Hat-Fetzen und ein paar Vokal-Sequenzen wahr, so dass von Hintergrundmusik nicht die Rede sein kann. Ein Glück besitzt der DJ so viel Feingefühl, dass er die Lautstärke nicht nach oben zieht, da in diesem Fall die Gespräche im Klangbrei zu ersticken drohen.



Aufheiterle

Manch ein Gast scheint sich mit den genealogischen Zeichen für Mann und Frau noch nie in seinem Leben auseinandergesetzt zu haben. Es kommt zu Verwechslungen in der Tür, zumal auch noch beide Kreiszeichen in Rosa gehalten sind, wenn auch mit einigen Abstufungen.

Fazit

Für das Bild und Selbstverständnis einer Stadt ist es begrüßenswert, wenn wirklich Neues entsteht. Nichts ist schlimmer, als der immergleiche Einheitsbrei. Das Coucou scheint sich auf einem guten Weg zu befinden. Bleibt abzuwarten und zu hoffen, dass die Betreiber diesen konsequent verfolgen, regelmäßig nach Optimierungsmöglichkeiten suchen und nicht betriebsblind werden. Dann lassen sich dort sicher schöne Stunden verbringen.

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