Nightlife-Guru: Eardrum @ E-Werk

Nightlife-Guru

Ein Besuch des Nightlife Gurus bei Eardrum, jener vielbesuchten HipHop-Party im E-Werk, ist überfällig gewesen. Am Samstag ließ er die Wannabecools mit dem Papageienkamm in der Straba sitzen und machte sich auf zu jenem Fetz mit dem grinsenden Koch.



Die Jungs an der Tür

Regen begleitet mich auf meinem Weg in die Eschholzstrasse 77, an der das Freiburger E-Werk beheimatet ist. Mit nasstriefenden Haaren, klamm-kalten Gliedmaßen und von der Feuchtigkeit aufgeweichtem Schuhwerk komme ich dort kurz nach ein Uhr an. Ich schlittere über den stählernen Gitterrost und reihe mich ein in die erdrückend große Menge der Wartenden.

Zwei Mal werde ich kontrolliert. Ein massiver Bouncer meinen Personalausweis: „Bist du wirklich schon 18?“ Als Anfangdreißiger weiß ich nicht, ob ich dies als Kompliment auffassen soll. Schließlich werde ich durchgewinkt. An der zweiten Sicherheitsschleuse tastet ein weiterer Türsteher meinen Oberkörper ab, streicht über meine Hosenbeine und bittet mich, meine Tasche an der Garderobe abzugeben. Eddings und andere farbbringende Stifte sind heute Abend im E-Werk genauso ungern gesehen wie Digitalkameras und Fotohandys im… Ach, mittlerweile wisst ihr ja, wie der angeblich beste Club der Welt heißt.

Inneneinrichtung und Deko

Den kühlen, industriellen Charme des ehemaligen Freiburger Elektrizitätswerks und jetzigen Kulturzentrums haben meine Vorgänger bereits in aller Ausführlichkeit beschrieben und gelobt. Diesen Reiz hat das Haus auch ins Jahr 2010 hinüber retten können. So halte auch ich für einen kurzen Augenblick vor der „Schalttafel“ inne und bewundere die „Leuchten aus Goldpailletten“, die in der Vergangenheit schon so mancher Basswelle standhalten mussten.

Das „Eardrum“-Team hat an diesem Abend keine baulichen Veränderungen vorgenommen. Wozu auch?! Die Veranstaltung ist keine Abschlussarbeit eines Bachelor of Arts in Innenarchitektur. Butt bouncing und ass shaking bedürfen keines Wohlfühl-Deko-Krams. Lediglich ein wenig Lichtspielerei verziert die kahle Wand. Ein Beamer wirft das Logo der Veranstaltung an die Hauptwand, welche die E-Bar und den Konzertsaal trennt. Es zeigt das Gesicht eines bekochmützten Mannes, der Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand zusammenkneift und seine Augen genüsslich schließt.



Wer war da?

Noch sitze ich in der Straßenbahn. Ein flaues Gefühl breitet sich in meiner Magengegend aus, denn ich muss neben einer Horde Wannabecools ausharren. Mit Unmengen nichtelastischem Gel haben sie allesamt ihr Haar zu einem Papageienkamm auftoupiert. Crystal Bling ziert ihre Ohrläppchen, die Gürtelschnallen sind zinntellergroß, und aus ihren Handylautsprechern quäken wechselweise die mickymausig verzerrten Stimmen einer Lil’ Kim, eines Eminem oder Xavier Naidoo. Was, wenn diese Jungs mit mir aussteigen und ebenfalls das E-Werk zu ihrem Ziel erklärt haben? Kaum ausdenkbare Vorstellung!

Minuten später. Eschholzstraße. Sie bleiben sitzen. Ich steige aus und atme auf. Im E-Werk begegne ich Jungs in hautengen Röhrenjeans, feinkarierten Flanellhemden und locker auf dem Hinterkopf aufsitzenden Wollmützen. Sie feiern einträchtig neben und gemeinsam mit Jugendlichen in locker geschnittenen und baggy getragenen Jeans oder Khakis.

Ein Mittzwanziger sticht aufgrund seines T-Shirt-Aufdrucks heraus, das den Schriftzug „Technologystolemyvinyl“ in zusammenhängender Blockschrift zeigt. Es ist der Titel einer Platte des legendären Detroiter Houseproduzenten Moodymann. Wo er es her hat, will er mir nicht verraten.

Doch erklärt er mir, weshalb er es trägt: „Es ist ein Statement gegen diese ganzen Laptop-DJs.“ Die Mädels schmiegen sich vornehmlich in flauschig weiche Hoodies, tragen ihr Haar gern offen, als lockeren Pferdeschwanz gebunden oder mit einem feingeflochtenen Lederband haareifgleich zusammengehalten. Je später die Nacht, je intensiver getanzt wird, desto mehr zeigen sie Haut. Zusammenfassend bleibt festzuhalten: Nach Typen im Post-90er-Gangsta-Look und Goldgürteltussis halte ich vergeblich Ausschau. Gott sei Dank!

Partyatmosphäre & Klangwaren-TÜV

Noch an der Tür stehend, dringt das kurze Akkordsample eines leicht verstimmten Klaviers an mein Ohr. Es ist unterlegt von einem ungeheuer druckvollen und dennoch butterweichen Kickdrum-Pattern. „MC’s act like they don’t know“ von KRS-One. Unverkennbar. DJ Kefian und Funkmessiah stehen an den Decks und servieren klangtechnische Leckerbissen aus einer Zeit, in der die Mehrzahl der Hip Hop-Tracks noch nicht mit diesen grausam weinerlichen und zuckerwatteweichen R’n’b-Refrains verunstaltet wurde.

Der raue Funk und seelenvolle Soul in der Musik, welche die beiden DJs auf die Plattenteller packen, geht unmittelbar ins Herz und in die Hüften. Brechend voll ist die Tanzfläche, wer sie betritt verschmilzt binnen kurzer Zeit mit der brodelnden Masse.

Währenddessen haben sich im Hintergrund des Raumes einige Jungs und Mädels im Kreis aufgestellt. Einer nach dem anderen betritt diesen, lässt sich von der Musik treiben und zaubert zu den einzelnen Musikelementen filigrane Schrittfiguren auf den Steinboden, unterstützt vom rhythmischen, mal mehr, mal weniger gelenkigen Hin- und Herbewegen des Oberkörpers und der Arme. Als Außenstehendem bleibt mir nur, das Footwork der Jungs in seinen undenkbaren Abfolgen und Kombinationen zu bewundern. Von allen intensiv bejubelt wird der „Freeze“, ein Element des Breakdance, bei dem der Tänzer innehält und sekundenlang in einer Position verharrt, seinen Bewegungsablauf unter höchster Körperanspannung gewissermaßen einfriert.

Tief beeindruckt begebe ich mich ins Freie. Rauchpause. Die Gespräche drehen sich – wie anderenorts auch – um Frauen, Männer, Musik, Bewerbungsgespräche oder die bevorstehenden Bürgermeisterwahlen. Der gegenwärtig Amtierende kommt darin gar nicht gut weg. Für die Dauer einer Zichte halte ich es draußen aus. Das nasskalte Wetter setzt mir zu.

Catering & Getränkekarte

Der Andrang an der Bar ist groß, dementsprechend lang die Wartezeit. Snoop Doggs „Gin & Juice“ und der in Hip Hop-Songs vielbesungene Cognac werden kaum getrunken. Umso mehr wandern dafür Bier und Jacky Cola über den Tresen. An diesem lehnt ein Pärchen. Es schießt sich mit Sambuca in andere Daseinssphären und befummelt sich zwischen den einzelnen Shots ausgiebig.



Auf dem Klo um halb vier

Einer der wenigen Vollbartträger am heutigen Abend lehnt an der Wand und brabbelt unverständliche Silbenkombinationen vor sich hin. Nachdem ich mein Geschäft verrichtet habe, spricht er mich an. „Kannst Du mich hochtragen? Alleine schaff’ ich das nicht mehr“. Ich hake ihn unter und schleppe ihn die Stahltreppen hoch. Aus Dankbarkeit will er mit mir an der Bar ein Bier trinken. Ich lehne dankend ab und setze ihn auf das weiße Ledersofa.

Aufregerle

Fast wär’s ein Abend ohne geworden. Doch irgendwie konnte sich einer dieser Typen, die ganze Nachmittage beim Barbier verbringen und sich am Bart herumschnibbeln lassen, am Türsteher vorbeischmuggeln. Er drängelt sich an mir vorbei, drückt mir seinen Ellenbogen unsanft in die Magengrube, und macht dasselbe auch bei dem Mädel, das vor mir auf dem Weg nach draußen war. Schmerzerfüllt zuckt sie zusammen. Ich stelle ihn zur Rede, er zieht mich zu sich heran und flüstert mir etwas ins Ohr, das sich wie „Haslach Streetfighter“ anhört. Daher meine Bitte an die Türsteher: Leute mit Bart-Ornamentik gar nicht erst reinlassen.

Aufheiterle

Siehe „Die Jungs an der Tür“

Fazit

Wer gerne auf Hip Hop-Parties geht, aber die Schnauze voll von diesen dummen Poser-Kids mit ihrer aufgesetzten Ghetto-Attitüde hat, sollte die „Eardrum“ in seinen Veranstaltungskalender aufnehmen. Wem das Pop-Geplärre, das heutzutage als Hip Hop oder R’n’B verkauft wird, auf die Nerven geht, ebenso, denn Kefian (sowie seine regelmäßigen Eardrum-Mitstreiter) hat (haben) die Wurzeln schwarzer Musik nicht vergessen.

[Fotos: eardrum]