Nightlife-Guru: Düsenrave im Keidelbad

Nightlife-Guru

Auch der Nightlife-Guru muss mal chillen. Den Ort seines entspannenden Planschens, das Eugen-Keidel-Bad, betrachtete er mit amüsiertem Blick. Gesehen hat er attraktive MILFs, Plastikpflanzen, Männerüberschuss in der Geysir-Sauna und versetzte Lendendüsen.



An der Rezeption

Mein Körper ist im Arsch. Die vielen durchfeierten Nächte, Alkohol und Zigaretten, Frauen – all das hat Spuren hinterlassen, die mir Angst machen. Herr der Augenringe, Partymumie, Schreck. Zeit, dem körperlichen Verfall entgegenzuwirken.

Kaum betrete ich das Freiburger Eugen-Keidel-Mineral-Thermalbad, merke ich, dass ich meine Badehose vergessen hab. Scheiße. Amateur. Egal. Gute Miene zu bösem Spiel. Ich lächle die attraktive MILF an, die in klinisch weißer, altmodisch geschnittener Uniform den Empfang schmeißt und suche die Vitrinen unschuldig nach Badeklamotten ab. Nichts. Nur Überteuertes für die distinguierte Dame über 70 und ein geiler Bademantel im Corporal Design des Thermalbads (35,80 EUR), gegen den sowohl der Dude als auch Dittsche abstinken. Zum Glück trage ich seit drei Tagen eine schwarze Unterbuchse. Wird also keiner merken.

Inneneinrichtung/Deko

Das Keidel-Bad liegt am Autobahnzubringer, zwischen Sankt Georgen und Tiengen, und hat rund drei Jahrzehnte aufm Buckel. Manche Kacheln erinnern mich an mein 70er Jahre Badezimmer; anderes ist komplett neu und macht auf zeitgemäße Wellness.

Insgesamt stellt sich der überschaubare Gebäudekomplex als relativ schmucklos dar. Saunalandschaft, Badebereich – alles mit Plastikliegen, Plastikpflanzen und Plastik-was-auch-immer bestückt. Dennoch nicht überladen und durchaus angenehm. Cool: Die Mauer des Bewegungsbeckens im Industrial-Style roher Ziegelsteine. Strange: Die Ablagerungen an den Brunnen, die mal nach Blumenkohl, mal nach Hirnmasse aussehen.



Party-Atmo und Klangwaren-TÜV

Wie sich’s für einen Chillout-Tempel gehört, wird hier „Action“ klein und „relax“ groß geschrieben. Kein Indoor-Surfen, High-Speed-Rutschen, Outdoor-Snow-Volleyball oder Wildwasser-Geschichten. Das höchste der Gefühle ist das Erlebnisbecken, dessen Strudel mich altersschwach in seinen Schlund zu ziehen versucht.

Geil sind die Massagedüsen. Auf einer steht „Lenden/Gesäß“, und „Lenden“ muss hier wohl als Euphemismus für das primäre Geschlechtsteil verstanden werden. Hier halte ich mich besonders gerne auf. Dagegen nimmt sich ’ne Thaimassage wie ein ungesalzenes Kartoffelgericht aus. Die Leute schauen mich angewidert an. Heuchler.

Um meine Integrität wiederherzustellen, schließe ich mich der Aquagymnastik an, bin aber bereits nach drei Minuten fix und foxi und fliehe zu den Whirlpools. Schon als Kind fand ich die super, als Hiphop-Kid machten Snoop & Co. sie mir attraktiv und noch heute träum ich davon, darin mit zwei G-bestringten Playmates 1969er Dom Pérignon zu schlürfen. Die Babes werden heute zwar von Rentnerinnen ersetzt – dafür kann ich aber unbemerkt pupsen.

In den Saunen geht es – Kalauer – heißer her, wobei jene mit dem Namen „Geysir“ (75 Grad) was für Pussies ist.

Letztere fehlen übrigens gänzlich, so dass mir die Saunalandschaft zum Gay-Paradise wird. Die Typen sind meist um die 40, entweder Til Schweiger oder Reiner Calmund – ich lieg' aufgedunsen irgendwo dazwischen. Wenn mal eine Ische am Start ist, glotzen die Spanner gleich schamlos drauflos und laufen ihr „unauffällig“ hinterher. Ich, der Voyeur, schaue auffällig vorbei und geb’ mir lieber im Pseudo-Hamam ’ne ordentliche Eukalyptus-Dröhnung Was mir bei alledem fehlt: Das sanfte Eso-Gedudel, das ich aus der Musikhalle der Vita Classica in Bad Krozingen kenne.



Wer war da?

Das Publikum ist jünger als erwartet. Klar: Rüstige Damen und Herren kurieren routiniert Knochen und Seele. Aber auch junge Mütter und mittelalte Bürohocker entspannen was das Zeug hält. Juvenile Pärchen lassen sich siamesisch treiben und treiben’s kryptisch unterhalb der Wasseroberfläche. Ein Vokuhila-Kandidat, der mir im Club dumm gekommen wäre, gibt mir wohl erzogen Auskunft. Ich höre Franzosen, Schweizer, Italiener und Amis. Flirts sind hier genauso unangebracht wie Arschbomben und Hahnenkämpfe.

Catering

Im Bistro neben der Saunalandschaft gibt’s Herzhaftes zum Fuddern und Alsterwasser zur Förderung der Durchblutung. Alles zwischen 2 und 6 EUR. Stimmung: siehe Krankenhauskantine.



Aufheiterle

Irgendwo liegt ein „Lahrer Anzeiger“ rum. Schlagzeile: „Verbot von Himmelslaternen.“ Die Dinger sind mir auf den letzten drei Hochzeiten dermaßen auf den Sack gegangen, dass mich die Nachricht den ganzen Abend über euphorisiert.

Aufregerle

Will man von der Saunalandschaft in den Badebereich, muss man unbequem durch den Eingangsbereich latschen. Halbnackte treffen auf Angezogene, es zieht und als blutiger Anfänger hab ich natürlich keine Adiletten dabei.

Aufm Klo …

… war ich nicht. Ratet mal, wieso.



Fazit

Der Flirt- und Fleischfaktor ist zwar im sommerlichen Freibad höher; dafür muss man da aber ins Kinderbecken, um halbwegs annehmliche Wassertemperaturen vorzufinden. Das Bistro bräuchte mal ’nen Pep-Up und ’n bisschen Sound irgendwo wäre auch gut. Wer sich aber von durchzechten Partynächten erholen will, sollte hier unbedingt vorbeischauen.

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