Nightlife-Guru: Donaueschinger Musiktage 08

Nightlife-Guru

Am vergangenen Wochenende besuchte unser Partyexperte das Mekka der Neuen Musik. Was er sah und hörte in der sanierungsbedürftigen Donauhalle A, ist sehr lesenswert: Vorhang auf für geistige Orgasmen, alt-ägyptische Schminktechniken und den Diri-Soldier Pierre Boulez.



Die Jungs an der Tür

25 Euro kostet ein Ticket für das Freitagskonzert der Donaueschinger Musiktage. Kein Pappenstiel. Und dabei ist noch nicht mal garantiert, dass man einen guten, geschweige denn einen Sitzplatz bekommt. Sicher ist nur, dass man einige der gefragtesten Komponisten der Neuen Musik gehört haben wird, gespielt von einem der führenden Orchester auf diesem Gebiet und dirigiert von einer 83jährigen Legende. Soweit zumindest die Erwartung.



Inneneinrichtung / Deko

Im Foyer der Donauhalle A drängen sich Veranstalter und Mitwirkende dem Publikum an improvisierten Ständen auf: den SWR kennen wir aus Freiburg, die Gesellschaft der Musikfreunde Donaueschingen interessieren eigentlich genauso wenig wie das Avantgarde-Label Neos; am ansprechendsten ist noch der Festival-Stand, wo neben peinlichen Devotionalien wie Alt-Oma-Basecaps, Regenschirmen und 90er-Jahre-Krawatten auch Info-Material, Festschriften und Postkarten erstanden werden können: „Liebe Grüße aus dem Gestern. Hier staubt’s fürchterlich. Freu mich auf Freiburg. Der Nightlife-Guru.“



Die Mehrzweckhalle selbst hat die Ausstrahlung eines Deichmann-Schuhkartons. Hinter der Bühne hängt verloren ein Festivalplakat; ansonsten riecht es im über 30 Jahre alten Saal beizend nach Provinz.

Wer war da?

Die zum Klischee gewordenen Rollkragenpullis und Hornbrillen der Adorno-Leser und Stockhausen-Hörer werden immer seltener. Schwarz und Grau hat sich allerdings gehalten; Schlips darf immer noch nicht getragen werden.

Die Ladies geben sich dagegen gern exzentrisch: hohe Schaftstiefel aus schwarzem Lack, knallrotes Medusenhaar und alt-ägyptische Schminktechniken. Musiker, Musik- und Kompositionsstudenten sowie eine Hand voll Schüler verjüngen das Publikum. Komponisten und Berühmte scharren Bewunderer um sich und geben den Festival-Besuchern das Gefühl, Teil einer bedeutsamen Veranstaltung zu sein.



An Komponisten sehe ich Wolfgang Rihm, dessen Stücke in Freiburg mittlerweile zum Standardrepertoire gehören. Aber auch Gerhart Baum, Bundesinnenminister der Regierung Schmidt und Mitglied des Festival-Kuratoriums, ist anwesend.

Alexander Dick, Kulturchef der Badischen Zeitung, wird die schrägen Töne in harmonische Phrasen übersetzen. Einzig der illustre Schirmherr der Donaueschinger Musiktage, Heinrich Fürst zu Fürstenberg, ist dem Abend ferngeblieben. Normalerweise sitzt er prominent in der allerersten Reihe.



Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

So feiern also die Intellektuellen, die Cordsakko-Träger und Rotweintrinker. Wenn kein Jazz, wenn keine Stones, dann wohl das hier. Musik, die so rational ist, dass ihr alles Sinnliche abgeht. Aber es soll ja auch geistige Orgasmen geben.

Am DJ-… pardon: Dirigentenpult steht Pierre Boulez, ein altgedienter und hochdekorierter Neue-Musik-Soldier, der dem Publikum schon gleich zu Beginn ordentlich eins auf die Ohren gibt: Der Sound des argentinischen Komponisten Fabián Panisello („Aksaks“) erinnert mit seinen repetitiven Pattern an die akustische Einspielung von House-Klassikern durch das Sonar Kollektiv Orchester („Guaranteed Niceness“); das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg steht dem SKO heute Abend in nichts nach. Dunkle Verheißungen werden ausgesprochen, bedrohlich donnern die Pauken und knattert die Tuba – und plötzlich, mit einem lauten Knall, ist’s vorbei.



Wenn zwischendurch leise Töne angeschlagen werden, wenn’s chilliger wird und man sich zurücklehnt, hört man das regelmäßige Surren der Beleuchtung. Auch der Gesamtklang lässt in der sanierungsbedürftigen Donauhalle A zu wünschen übrig. Der Saal schluckt wie d’Sau und selbst das noch so esoterische Geigenvibrato erreicht den Zuhörer trocken und welk.

Dafür erheitern Stücke wie Enno Poppes „Altbau“ sogar das kritischste Gemüt: Fünf Drummer sorgen hinter dem Orchester für rhythmisches Backup und hämmern sich – bum, bum, bum – in meine Gehörgänge. Drängende, maschinenartige Wiederholungen und brachiale Gewalt erinnern mich an die letzte Techno-Platte, die ich meiner Musiksammlung einverleibt habe: Carl Craigs und Moritz von Oswalds Bearbeitung von Ravels „Bolero“ und Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ („Deutsche Grammophon ReComposed, Vol. 3“).



Es folgen das philosophische Orchesterstück „Ich und Du“ der in Freiburg wohnhaften Isabel Mundry und Pierre Boulez’ „Figures – Doubles – Prismes“, das vor einem halben Jahrhundert hier uraufgeführt worden ist. Mundry haut mich nicht gerade vom Hocker und Boulez ist mittlerweile ein Klassiker – und nicht mehr unbedingt Neue Musik.

Partyatmosphäre? Wo sind sie, die „Buh“-Rufe, das „Runter-von-der-Bühne“ und „So-ein-Scheiß“? Das war’s doch, was Neue Musik so interessant machte. Warum so bürgerlich? Habt ihr mit Joschka Fischer eure Turnschuhe gegen Maßschuhe von John Lobb vertauscht? Ich will Action, ich will Radau und Handgreiflichkeiten. Nichts. Das Publikum klatscht brav und feiert sich selbst.

Catering

Die Bar im Foyer erinnert mich an Zeiten, in denen wir in der Schule an improvisierten Ständen selbstgemachte Waffeln zur Finanzierung unserer Klassenfahrt verkauft haben. Die rüstigen Bedienungen tragen schwarze Hemden mit dem Logo der „Gesellschaft der Musikfreunde Donaueschingen“. Sexy.



Getrunken wird (proletarisch) Fürstenberg, (jugendlich) Fanta und Cola, (krypto-alkoholisch) Sekt-Orange, (intellektuell) Rot- und Weißwein und (asketisch) Mineralwasser. Alles unter 3 Euro. Der kleine Hunger wird mit warmen Snacks bedient.

Abgesehen davon bieten zahlreiche Gasthöfe, Hotelrestaurants und Kleinstadtcafés fabelhafte badische Küche und eine große Auswahl an Kuchen an, so zum Beispiel der – von Musikern und Komponisten gerne frequentierte – Hirsch und – nachmittags, zu Kaffee und Kuchen – der Hengstler.

Aufregerle

In ihren Anfängen war es erklärte Aufgabe der Neuen Musik, politische und gesellschaftliche Kritik zu äußern, zu provozieren und den akademischen, klassischen Musikbetrieb zu sprengen. Dies scheint über die Jahre verloren gegangen zu sein, so dass es manchmal schwer fällt, zu entscheiden, wer langweiliger geworden ist: die Musik oder das Publikum.

2010 soll die Sanierung der Donauhalle fertig sein, so dass eine der renommiertesten Veranstaltungen für Gegenwartsmusik endlich einen würdigen Aufführungsort bekommt. Nächstes Jahr werden wir uns also noch einmal mit Turnhallenqualität zufrieden geben müssen.

Aufheiterle

…gibt es beim Anhören Neuer Musik in Hülle und Fülle. Witziger ist nur der Besuch im Schützen, DEM Italiener vor Ort. Restaurantchef Toni hat ein Auge auf eines unserer Mädels geworfen („Ma quanto sei bella!“), so dass bis in die frühen Morgenstunden beste italienische Weine und feinster Grappa auf Kosten des Hauses ausgeschenkt werden. Toni, der übrigens mit dem Besitzer der Freiburger Pizzeria San Marino in Littenweiler befreundet ist, unterhält dazu die Gesellschaft mit Witzen über Gorbatschow, Deutsche und Ehefrauen.

Fazit

Eine interessante, bizarre, manchmal inspirierende, oft aber verstaubt-bürgerliche Angelegenheit, die frischen Aufwind bekäme, wenn sie sich auf ihre Wurzeln besinnen würde. Und: Partymachen müssen wir noch mal üben, gell?

Mehr dazu:

Web: Donaueschinger Musiktage
fudder.de: Serie Nightlifegurus