Nightlife-Guru: Dominik Eulberg & Perc im Alten Stinnes-Areal

Nightlife-Guru

Jetzt, da das Alte Stinnes-Areal sowieso bald schließt, können wir hier auch gleich alles abreißen, mögen sich Dominik Eulberg und Perc am Samstag gedacht haben. Unser Nightlife-Guru hat dankend mitgewütet:



Die Jungs an der Tür

Ich werde sie vermissen, die Stinnes-Bouncer. Den schwergewichtigen Muskelprotz, der immer dreinschaut, als ob er saure Milch getrunken hätte; den milchgesichtigen Schlaks, der immer ein unbeteiligtes Gesicht macht; den Kerl mit den längeren Haaren, der die ganze Szenerie am Eingang scharf beobachtet. Was werden sie tun, wenn das Stinnes Areal geschlossen hat?

Inneneinrichtung und Deko

Leuchtstoffröhren, Betonböden, Stahlgerüste an der Decke. Flugzeughangar trifft Tiefgarage trifft Großraumdisko auf dem Land. Ich werde es nicht vermissen, das Stinnes-Interieur. Dieser Ort wird nie etwas feenhaft Verspieltes an sich haben wie beispielsweise das Fusion-Gelände auf dem ehemaligen Militärflugplatz in Lärz. Da helfen auch keine schlammfarbenen Tarnnetze oder regenbogenbunten Lampions. Außerdem würde ich gerne mal in das Getränkelager oder den Keller gehen, um mich zu vergewissern, dass dort keine Fässer mit dubiosem Inhalt lagern. Falls doch, würde es mich nicht wundern.

Wer war da?

Irgendwann hat sich ein fudder-Autor einmal die Zeit genommen und eine Typologie der Stinnes-Gäste erstellt. Die gilt in ihren Grundzügen auch heute noch. Zum Profi-Raver, Umland-Raver, Ibiza-Clubhopper und den Partyhäschen hinzugekommen, sind allerdings: Der Turnbeutelträger (trägt auch T-Shirts mit dem Aufdruck "Ich tanze also bin ich") und die Bauchtaschenträgerin (trägt oft auch Bauch).

Dazu kommen Typen mit Camp David-Klamotten. Blaues Hemd, auf dem Rücken eine zweistellige Zahl aufgenäht oder aufgedruckt. Hab' ich schon bei Mittnullermarken wie La Martina, Von Dutch und Ed Hardy nicht verstanden, was der Gag daran sein soll. "66" für Route 66, Harley Davidson und ein bißchen Rockerfeeling? "69" für Woodstock, Zungenkünstler oder Fan des Balladenheulers Bryan Adams?

Egal. Jeder hat seinen eigenen Geschmack. So hat man immer etwas zum Beobachten. Deshalb wird's nie langweilig im Stinnes.

Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Hier die Stotterbässe, da die wabernden Synthienebel. Durch sie hindurch kämpft sich eine Rave-Sirene wie die Sonne durch eine graue Inversionsdecke. Minuten später hat sie's geschafft. Breakdown. Hell klingt die Melodie, organisch-warm. Sie erinnert an James Holden, Nathan Fake, Fairmont. Der Border Community 2004-Sound. Der Kerl am Mischpult, wahrscheinlich Dominik Eulberg, beendet sein Set mit einer trancy Nummer. Melancholie steigt mir in die Augen. Ich habe ein Kloßgefühl im Hals. Das war's jetzt, mit dem Stinnes Areal, mit den langen, dreckigen Raves.

Zum Tränen entwickeln habe ich jedoch keine Zeit. Der nächste Disc Jockey, wahrscheinlich Perc, ist an der Reihe und packt Prügeltechno auf die Decks. Bumm. Bumm. Bumm. Die Drums donnern. Jetzt erst einmal hart abfeiern - wie bei den Ostblockschlampen, bei Dettmann oder Gaiser.

An der Bar

Vielleicht ist das vom Club oder Betriebsleiter gewollt, aber: Warum müssen die Mädels an der Bar immer so dreinschauen, als ob sie in eine Zitrone gebissen, an Käsefüßen gerochen hätten? Ein - auch nur angedeutetes - Lächeln hat noch nie geschadet.



Auf dem Klo um halb vier

Seit Jahren hält sich das Gerücht, auf den Stinnes-Klos "gehe so einiges". Wer dieses Gerücht in die Welt gesetzt hat, sollte übel aufs Maul bekommen. Nichts geht da. Nur ein Techno-Kiddie hängt über einer Schüssel und gibt eine Mischung aus Vodka, RedBull und Spinatgnocchi von sich. Oder Salat. Die Spucke, die ihm vom Kinn tropft, sieht jedenfalls grün aus. Sofern man das im Schimmerlicht der Leuchtstoffröhen überhaupt erkennen kann.

Aufheiterle

"Ey, wie geht's deiner Schwester? Was macht die so?" Ein Kerl heftet sich mir an die Ferse. "Ey, du kennsch mich doch noch. Ich war mit ihr auf der Realschule zusammen. Beste Frau." Ich versuche dem Kerl zu erklären, dass er gar nicht mit meiner Schwester zusammen gewesein sein konnte. Ich habe keine. Doch er lässt nicht locker. "Du hast damals immer so auf Beschützer gemacht. Ich war dir halt zu jung, gell?" Irgendwann gehe ich auf ihn ein. Er freut sich. "Mann, dass ich dich hier treffe. Geil. Ey. Richtesch Grüße aus, gell?"

Aufregerle

Weihnachtsfeier- und Weihnachtsmarkt-Publikum, das den Abend "verlängern" will und dann in einem Club landet, mit dessen Musik, mit dessen Szene es nichts anfangen kann.

Fazit

Noch eine Party, dann ist Schluss im Stinnes. Was in Erinnerung bleibt: lange, dreckige Raves; Technologie-Orgien mit Oliver Huntemann und Stephan Bodzin; Chris Milla als Papst. Und vieles mehr. Adieu.

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  [Fotos: Fabio Testa]