Nightlife-Guru: DJ Antoine in der Nachtschicht

Nightlife-Guru

DJ Antoine, internationales Aushängeschild der Schweizer House-Szene, hat zwischen Gigs in Aiya Napa, Dubai oder Singapur auch in Freiburg Halt gemacht und dabei die Nachtschicht im Bermuda-Dreieck bespielt. Anlass und Grund genug für den Nightlifeguru, auch einmal in diesem Feiertempel vorbeizuschauen.





Die Jungs an der Tür

„Eeey, was geht? Du auch hier?“ Künstlich überdreht und aufgekratzt begrüßt ein junges Mädchen einen Kerl mit blonder Kakadu-Haube, der vor mir in der mehreren Meter langen Schlange an der Tür zur Nachtschicht ansteht. Ob er seinen Ausweis dabei habe, will das Mädchen wissen. Denn: „Voll krass eeey, den Enver haben die Typen einfach nicht reingelassen.“ Minuten später stehen auch meine Begleitung und ich vor „den Typen“, zwei bärig kräftigen Bouncern mit breiten Schultern und Schaufelhänden. Warum ich so eingeschüchtert dreinblicke, will einer von ihnen wissen. Die Nachtschicht sei für ihre harte Tür bekannt, erwidere ich. „Aber Du darfst heute mit Deiner Begleitung bei uns feiern“, beruhigt er mich. Zur Bekräftigung seiner Worte tätschelt er meine Schulter kameradschaftlich, und schiebt mich weiter.



Inneneinrichtung / Deko

Unser Weg führt mehrere Treppenstufen hinab, vorbei an der Abendkasse und dem Stempelmann, bis wir endlich in der Freiburger Unterwelt ankommen. Hier warten gleich drei Partybereiche, kurz Areas genannt, auf ausgehhungrige Jungs und Mädels aus Freiburg und dem Umland. Gleich rechter Hand befindet sich der Garderoben- und Loungebereich, die Plaza. Hier geht’s auch zum Klo. Dementsprechend prädestiniert ist dieser Ort zum sehen und gesehen werden, für heiße Flirts und krakeelig lautstarke Auseinandersetzungen zwischen vermeintlichen Platzhirschen.

Nicht minder leise geht’s im unmittelbar angrenzenden „Vibes Club“ her. Hier ist es jedoch die Musik, welche die Ohren betäubt, denn dieser Raum verfügt über zusätzliche Subwoofer. Schwarz und rot sind die vorherrschenden Farben, doch die paar wenigen Lichtquellen tauchen den Raum in eine beinahe unnatürlich purpurrote Atmosphäre.



Vorbei am Bartresen des „Vibes Club“ gelangen wir auf einen kleinen Vorplatz. Ein paar Treppenstufen weiter unten wartet der Mainfloor auf die Besucher. Sehr funktional, auf’s Tanzen ausgelegt. Zudem stoßen wir in dieser Nacht auf Schritt und Tritt auf Promo-Stände eines weltweit bekannten Tabakwarenkonzerns, dessen Cowboys auch heute noch durch die Wüste Arizonas reiten. Die Mitarbeiter an den Ständen reagieren panisch auf jede auf sie gerichtete Kamera. Einer von ihnen besteht sogar darauf, dass ich mehrere Bilder lösche, fast so, als ob er hier unten im Auftrag der US-Armee Soldaten für den Hindukusch anwürbe.

Wer war da?

Dass der junge Enver heute Abend draußen bleiben musste, wissen wir bereits. Nicht jedoch, dass er in dieser Nacht von Berat und Skender, seinen Cousins 2. Grades, würdig vertreten wurde.

Um neben diesen beiden auf einem Partyphoto nicht ganz daneben auszusehen, sind geshreddete Jeans, ein weißes Hemd, eine schwarze Weste sowie Unmengen an „Power Shaper Extra Strong“ im Haupthaar Pflicht. Doch aus einem gemeinsamen Erinnerungsphoto für Kwick und ähnliche Portale wird es leider nichts. Berat und Skender sind nämlich in Begleitung von Chantal und Angelina am Start. Richtig schick haben sich die beiden für DJ Antoine gemacht. Ihr Fummel stammt aus der diesjährigen „Eternal Summer“-Kollektion von Forever18 und sie umgibt eine Wolke „Tropical Mango“. Dass sie einen goldfarbenen geflochtenen Gürtel tragen, versteht sich ja von selbst. Zudem hat das Tussi-Hörnchen, diese aufgebauschte Haartolle über der Stirn, bei ihnen Zuflucht gefunden.

Mal abgesehen davon: das Gros der anwesenden Leute ist völlig Durchschnitt und daher nicht erwähnenswert.

Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

„Alda, die will dich heute Abend. Go, go, go!“ Ein gutgebauter Mittzwanziger spricht seinem Kumpel Mut zu. Seine Antwort geht im brutal auf uns hereinbrechenden Trommelhagel aus den Boxen unter. Es scheint, als ob er von der Idee seines Freundes, heute Abend eine abzuschleppen, nicht besonders begeistert ist. „Komm schon, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“, ermutigt ihn jedoch dieser. Inzwischen spielt Robert Heart, Freiburgs Vorzeige-Ibiza-Houser, „Found A Place“ von Tony Lionni bereits zum zweiten Mal. Wohl seine Platte des Jahres. Aber niemand will dazu so richtig tanzen.



Raumwechsel. Mainfloor. Zwar ist die Musik hier noch nicht einmal annähernd so hip wie im kleinen Raum, aber der DJ scheint mit seiner Musikauswahl den Geschmack und insbesondere die Hüften der anwesenden Leute zu treffen. Auf den Treppen, an der Bar und auf der Tanzfläche gibt es kaum ein Durchkommen. Wer hier nicht weiß, seine Ellenbogen strategisch einzusetzen, wird vom Sog der Menschenmassen gnadenlos mitgerissen und an irgendeiner anderen Stelle im Club wieder ausgespuckt. Hier begegnen meine Begleitung und ich zum wiederholten Mal Chantal und Angelina, letztere mit ziemlich verheultem Gesicht. War Berat doch nicht die wahre Liebe? Und groß kann sie auch nicht gewesen sein. Denn einen Tequila Sunrise später stehen beide Mädels auf einem der Tanzfläche zugewandten Podest und tanzen eng auf eng. Wo bleiben das Leopardenfell und die Gitterstäbe?

Über allem thront und wacht der Schweizer Star-DJ Antoine. Er wirkt ein wenig lebenssatt hinter dem Mischpult, auch ein wenig ausgelaugt von den ungezählten zerfeierten Nächten, die seinen Lebenslauf zieren. Dennoch weiß er mal mit eigenen Produktionen und Remixen, mal mit Eric Prydz & Co. einzuheizen. Und damit bekommt er alle Hände in der Luft.

Catering & Getränkekarte

Vier oder noch mehr Bars laden ein zum stilvollen Absturz. Ich bestelle mir einen Spätburgunder, „s’Vierteli“ zu 3.80 Euro. Kaum drehe ich mich vom Bartresen weg, blicke ich in die glasigen Augen einer jungen Frau. „Bisch du schwul oder was?“, fragt sie mich. Wie sie denn darauf komme, möchte ich wissen. „Heja, du trinksch Rotwein“, nuschelt sie mit schwerer Zunge in mein Ohr, um sich Sekunden später ein „Desderado“ zu bestellen.



Auf dem Klo um halb vier

Die Männer führen die üblichen Gespräche rund ums Kampftrinken und das andere Geschlecht. Bei den Frauen ist die Spülung defekt und Zukunftssorgen bestimmen den Small Talk. „Oh Gott, hast du die gesehen? Auf keinen Fall will ich so enden wie die Klofrau.“

Aufregerle

Die meisten Jungs, die sich an diesem Abend in der Nachtschicht rumtreiben, sollten sehr schnell einen respektvolleren und höflicheren Umgang mit Frauen aneignen. Dass man sich im Gedränge schnell mal auf die Zehen tritt, steht außer Frage. Doch ein „Sorry“ oder gar ein Lächeln auf den Lippen würde dies viel angenehmer machen.

Aufheiterle

Siehe Catering / Getränkekarte.

Besondere Verdienste

Trotz randvollem Club, trotz teilweise hohem Testosteronspiegel gepaart mit gesteigertem Aggressionslevel unter den männlichen Anwesenden, lässt sich sehr friedlich feiern. Dies ist insbesondere auf die überaus wachsame und reaktionsschnell eingreifende Security zurückzuführen. Sie lässt solch spätpubertär rauschhaften Kämpfe gar nicht erst entstehen und befördert unangenehm auffallende Gäste ins Freie, ohne dabei mit der Wimper zu zucken.

Fazit

Wer bereit ist, bei Gesprächen inhaltliche Abstriche in Kauf zu nehmen, wer bei Flirts schnell auf den Punkt kommt und keine Angst hat, tags darauf neben einer Stil- und Modesünde aufzuwachen, der wird sich in der Nachtschicht besonders wohlfühlen. Eines muss man dem Club jedoch lassen: sein Personal hat den Auftritt des großen DJ-Stars vorbildlich gemeistert.

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