Nightlife-Guru: Das Holi Color Open Air in Freiburg

Nightlife-Guru

"Ich spüre einen leichten Luftzug. Ich sehe Körper und Gesichter. Ich hebe den Kopf. Der Nebel reißt auf." Unser Nightlife-Guru war auf dem Holi Color Open Air in Freiburg. Was er gut fand, und was nicht, und warum er beim Gedanken an die Technobunker der Neunziger Jahre nostalgisch wird:



Die Jungs und Mädels an der Tür...

...reißen Witze, ulken, lachen. "Du bist noch ganz jungfräulich weiß", sagt die junge Frau, die mir das Festivalbändchen ums Handgelenk bindet. "Nicht mehr lange", sagt ihr Kollege. Ein Dritter zeigt auf orange-gelb-grün-blau eingepuderte Jungs, die auf uns zulaufen. "Scho glii gsehsch us wie die. Willsch des wirklich?" Ja, will ich. Sekunden später stehe ich auf dem Festivalgelände.

 

Festivaleinrichtung und Deko

 
Esszelt, Trinkzelt, Werbe- und Aufklärungszelt: Das ist mein erster Eindruck vom Holi Color Open Air in Freiburg. Der Platz vor der Neuen Messe gleicht, nun ja, einer Art Messegelände. Er ist fast schon poesielos nüchtern und steril, wäre da nicht das mikrofeine Farbpulver, das sich wie ein hauchdünner Film auf die Kieselsteine und den Betonboden legt. Mir persönlich fehlt da ein wenig der verspielte Geist des Sommers, der Hippie- und Techno-Kultur, in deren Schoß auch der Holiparty-Gedanke hervorgegangen ist.

Aber gut: Der Star ist die Farbe, und diese kommt bestens zur Geltung. Ein wenig fühle ich mich in die Zeit zurückversetzt, als ich mit Straßenmalkreide die Bürgersteige meiner Heimatstadt mit bunten Dreiecken, Kreisen, Linien und Punkten verziert habe (Fotos: Holi Color Open Air in Freiburg, zum Ersten).

Video: So toll war das Holi-Festival



Wer war da?

 
Jens aus Teningen, Simone aus Bötzingen, Micha aus Freiburg; dazu Jungs und Mädels aus Lörrach, Offenburg, Straßburg, Donaueschingen und Basel. Das Holi Color Open Air vereint Jugendliche und junge Erwachsene aus ganz Südbaden und den angrenzenden Regionen für ein unbeschwertes Zusammensein bei Musik, Tanz und Farbpulverwerfen. Die Mehrzahl der Besucher ist zwischen 17 und 23 Jahre jung, weiblich und sehr auf das äußere Erscheinungsbild bedacht, denn Smartphones und damit eine erweiterte Öffentlichkeit sind stets mit dabei.



Holi-Atmosphäre und Klangwaren-TÜV

So muss es sich anfühlen, wenn man erstickt: Ich hole tief Luft, atme ein, halte die Luft an, schließe die Augen. Das Farbpulver verklebt trotzdem meine Nase, die Luftröhre und die Lungenbläschen. Ich atme schwer, huste, röchle. Ich öffne die Augen, versuche, mich an meinem Gegenüber festzuhalten, und sehe nichts. Alles ist in einer farblosen, bisweilen graubraunen Wolke verschwunden. Ich spüre einen leichten Luftzug. Ich sehe Körper und Gesichter. Ich hebe den Kopf. Der Nebel reißt auf. Ich sehe einen blauen Himmel und pink, gelb, blau, grün und orange bestaubte Figuren. Ich atme ein, atme aus und stelle fest: ich lebe noch (Video: Das Farbpulverwerfen beim Holi Color Open Air Freiburg aus der Ich-Perspektive).

Kaum ist der "Big Toss", der kollektive Farbpulverwurf vorbei, wird der Bass wieder lauter. Auf der Bühne stehen Rampa und &Me vom Label keinemusik. Ihr Tech House ist druckvoll, rhythmisch, perkussiv, fordert zum Tanzen auf. Doch kaum hat sich das Farbpulver gelegt, geht die Menge erst einmal auseinander. Die Jungs und Mädels trinken, essen, manche rauchen eine Zigarette und - ganz wichtig! - decken sich mit neuem Farbpulver ein. Vor dem Wurf ist nach dem Wurf. Da ist auch völlig egal, dass der einstige Mannheimer und Wahlberliner Ray Okpara mit Cesaria Evoras "Angola" im Carl Craig Remix Spannung aufbaut und den Bassdrop wie einen Orgasmus hinauszögert. Wie geschrieben: Der Star ist die Farbe, das Pulver, der Instagram-Moment, dem die Besucher alles unterordnen.



 

Catering und Drinks

   
Grillwürste, Pommes, indische Reispfanne, Tacos, Crêpes und Eis, "für jeden was", hatten die Veranstalter versprochen. Das Versprechen haben sie gehalten. Tacos mit Hühnerfleisch, dazu Refried Beans und Guacamole, kosten zum Beispiel 7 Euro, für die Art der Zubereitung, den Geschmack und die Präsentation wirklich fair. Long Drinks wie Gin Tonic oder Sekt auf Eis gibt's für sechs beziehungsweise fünf Euro.

Organisatorisch scheint alles gut zu laufen, weder an der Bon-Ausgabe noch bei den Getränke- oder Essensständen - Ausnahme: die Pommesbude - musste ich  lange warten. Kleiner Tipp für's nächste Mal: Essen und Drinks holen, wenn alle zum gemeinsamen Farbpulverschleudern Richtung Bühne eilen.

     

Aufheiterle

     
"Hey, bist Du nicht... Endlich sehen wir uns mal in Farbe, äh, in echt". Begrüßungen wie diese höre ich immer wieder einmal Es scheint, als ob das Holi Color Open Air in Freiburg auch Facebook-Freundschaften auf eine analoge Ebene holt.

     

Aufregerle

     
Okay, organisatorisch gab's nichts zu beklagen. Aber: Leute, mehr sexuelle Spannung bitte! Blauer Himmel, Sonne, Alkohol, elektronische Tanzmusik, und dann auch noch Farbpulver - eine so schöne Steilvorlage für Augenaufschläge, begehrliche Blicke, kleine Gesten, verstohlene Berührungen bekommt ihr so schnell nicht wieder. Und was macht ihr daraus? Werft Farbpulver in die Luft und freut euch, wie es auf euch darniederrieselt. Manchmal wünsch' ich mich da in einen düsteren Technobunker der Neunziger Jahre zurück.



Um halb acht auf dem Klo

     
Nix los. Siehe "Aufregerle".

       

Fazit

       
Gute und entspannte Organisation, angenehmes und entspanntes Feiervolk, sommerliches Wetter und in den Sonnenuntergang hinein ein großartiges Live-Set vom Hamburger Elektronikmusiker Martin Stimming: Feierherz, was willst Du mehr? Wäre doch schön, wenn auf dieser Grundlage weitere Events dieser Größenordnung, mit oder ohne Holi-Pulver, in den nächsten Jahren in Freiburg stattfinden können.

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