Nightlife-Guru: Das erste Mal im Kagan

Nightlife-Guru

Unser Nightlife-Guru war am Freitag zum ersten Mal im Kagan und wollte dem Schickimicki-Klischee auf den Grund gehen. Er war ein "Despacito" davon entfernt, bereits nach einer halben Stunde zu gehen.

Heute Nacht bin ich ein Kagan-Girl

Ich habe sie bisher immer misstrauisch beäugt: Die Mädchen in den engen Kleidern, die am Gleis Eins des Freiburger Hauptbahnhofs holprig in ihre High-Heels schlüpfen. Der Absatz so hoch wie ihre Sekt-Dose aus dem Penny. Typisches Kagan-Publikum. Doch stimmen die Klischees über den Club tatsächlich – Schickimicki-Leute, Schampus und eine wunderschöne Aussicht?

Irgendetwas muss der Club über den Dächern Freiburgs doch an sich haben – und ich möchte herausfinden was. Also ziehe ich meinen roten Lippenstift nach und zupfe mein Kleid zurecht. Für heute Nacht bin ich eine von ihnen: ein Kagan-Girl.

Die Jungs vor der Türe

Vor dem Eingang: Kein roter Teppich, sondern betrunkene Mädchen, die mit ihren nackten Schenkeln auf dem kalten Boden liegen. Kotze statt Kameras und Blitzlicht. Dabei dachte ich, das Kagan sei gehoben und lässt niemanden rein, der nicht anständig wirkt. Von wegen!

Einer der Türsteher schaut auf meinen Ausweis, lächelt mich an und winkt mich rein. Fertig. Das war’s. Ich bin drin – und enttäuscht. Ich dachte, das sind knallharte Türsteher, die sich genau überlegen, wen sie in ihren Edel-Schuppen reinlassen. Doch der Türsteher hat weder meine Tasche durchsucht, noch mein Outfit eines Blickes gewürdigt. Woher soll ich jetzt wissen, ob ich Kagan-like angezogen bin?

Ich bezahle acht Euro Eintritt an der Kasse und klackere in meinen Schuhen in den Aufzug. Doch auch dieser erfüllt meine Erwartungen nicht: Kein Spiegel – kein letztes Mal abchecken, ob die Haare sitzen.

Inneneinrichtung und Deko

Ich öffne die Eingangstüre, Chart-Musik dröhnt in meine Ohren. Diskokugeln spiegeln das bunte Scheinwerferlicht und beleuchten die Frauen, die auf der Coach sitzen. Sie wühlen in ihren Michael-Kors-Taschen. Ihr Highlighter glänzt.

Schicke Möbel, zugegeben. Das Interior ist stimmig, wenig kitschig und die einzelnen Bereiche wie Tanzfläche, Bar und Raucherbereich sind gut abgegrenzt. Eine sehr schöne Location.

Style-Check

Popowackelnd steht ein Mädchen an der Theke und wirft ihre blonde Mähne hinter sich. Sie beißt sich lasziv auf die Unterlippe. Der Rock ist so lang, wie die Schuhe hoch sind. Die Ohrringe klimpern, das Bauchnabelpiericng blitzt hervor. Auch die Kellnerin bevorzugt ein knappes Outfit: Schwarzer Minirock, riesiger Ausschnitt. Die Devise des Kagan-Dress-Codes: Mehr Make-Up, weniger Anziehsachen. Außerdem: Girls, die sonst im KGII in der zweiten Etage so tun, als würden sie Jura studieren.

Zu den Männern: Die meisten tragen Hemd, einer sogar eine Fliege. Sie haben viel Gel in ihren Haaren und schütteln immer wieder das Handgelenk, an dem ihre übergroße Armband-Uhr gebunden ist. Einer von ihnen schnippt mit den Fingern und nickt der Kellnerin zu. Ein paar Sekunden später stellt diese eine Schale, gefüllt mit Eiswürfeln, Red-Bulls und einer großen Flasche Wodka auf den Tisch. Die Mädchen freuen sich, blinzeln mit ihren langen Wimpern und lächeln.

Die meisten Besucher sind Anfang 20, nur vereinzelt sieht man Ü-40-Leute umherschlendern.

Aufregerle

Männer tanzen Frauen an, diese gehen zur Seite, doch die Männer rücken nach. Hallo? Selbst die deutlichste Abfuhr nehmen einige der Männer nicht wahr. Auch ein knapper Minirock ist kein Freifahrtschein für einen Lapdance. Sprüche wie "Ihr seid uns sofort aufgefallen!", helfen übrigens nicht weiter.

Party-Atmosphäre und Klangwaren-TÜV

Der DJ scheint nicht zu wissen, was Übergänge sind. Beyonce, Justin Timberlake, Taio Cruz und Flo Rida trillern nach und nach aus der Anlage - wie im Radio. Ab und zu wird Deutschrap eingespielt. Es könnte auch die Spotify-Playlist "Partyhymnen 2017" laufen. Ich bin ein "Despacito" davon entfernt, bereits nach einer halben Stunde zu gehen.

An der Bar

Ich bestelle für sechs Euro (ein Euro Pfand) ein Desperados. Mir wird ein Salitos in die Hand gedrückt. Was wohl passiert, wenn ich mir eine Coca-Cola bestelle. Bekomme ich dann Tri-Top-Sirup mit Leitungswasser?

Fazit

Gewollt ist nicht gekonnt. Das Kagan war oder möchte ein Edel-Club sein, der Champagner im dreistelligen Bereich anbietet, aber keinen vernünftigen DJ hinterm Mischpult hat– und dafür acht Euro Eintritt verlangt. Wer nobel sein will, muss auch an der Türe strenger sein und genau schauen, wer reinkommt. Barkeeper sollten sich in ihrem Handwerk auskennen und nicht die Cola mit Eis im Cocktail-Shaker schütteln, weil sie dabei cool aussehen. Das Kagan ist das Freiburger P1 – für Arme. Es scheint sich mit dem Reiz des "Sehen und gesehen werden" über Wasser zu halten. Dabei könnte die Location so viel bieten.

Das Ende

Als "La Macarena" von den Los Del Rio eingespielt wurde, bin ich übrigens gegangen: Das "Despacito" aus dem Jahre 1993.