Nightlife-Guru: Dance against NATO in der KTS

Nightlife-Guru

Autonome V.I.P.s, Breitband-Rebellion, ein DJ in Markenkleidung und zerschmissene Bierflaschen: Am Samstagabend luden fröhliche NATO-Gegner zur Spendenparty für das geplante Convergence-Center. Zwar ließ unser Nightlife-Guru den Soligroschen stecken, zückte dafür aber Papier und Bleistift.



An der Tür

In der KTS geht’s zu wie im Taubenschlag. Ein Kommen und Gehen, ein Warten und Drängeln. Alles aber überraschend zivilisiert und zügig. Wer solidarisch ist, zahlt 5 Euro; Asis, die hier nichts zu suchen haben, 4 Euro. Da ich heute jeden Cent versaufen will, spar ich mir den Soli-Euro und hoffe, dass sich niemand mein Gesicht merkt.



Inneneinrichtung / Deko

Schon der Weg zum „Kulturtreff in Selbstverwaltung“, dessen 15. Geburtstag man heuer feiert, ist ein Erlebnis: Schleichwege entlang der Bahngleise, Zäune, sich selbst überlassene Gebäude, wildes Gestrüpp, Graffiti und Tags, einsame Unterführungen, schlafende Züge – rote Signallichter in einsamer Nacht.

Der Laden selber ist seit 1999 in einem Bahnbetriebswerk in der Baslerstraße untergebracht. Auch hier: Dystopie. Mit Liebe zum Detail wurde eine Kulisse der Verwitterung hergestellt, in der sich wohl fühlen muss, wer sich als „links“ oder „alternativ“ einstuft.

Im Keller – Dantes Vorhölle, aus der laute Belzebub-Beats gen Himmel klagen – sieht’s nicht viel anders aus. Zur Linken, an den Toiletten vorbei, gelangt man zum großen Hauptfloor. Die Bar scheint improvisiert, der DJ hat sein Equipment auf Biertischen à la Oktoberfest aufgebaut, Banner und Plakate rufen zum Widerstand (gegen wen auch immer) auf und jeder Quadratmeter ist beschmiert, betaggt oder beklebt. Sogar der Freiburger Street Artist VIRUS ist mit einer Überwachungskamera und Totenköpfen vertreten. Sein Kompagnon NESTDAFOE lässt sein stadtbekanntes Monster in den Raum grinsen.

Wer war da?

„Viel Spaß, Kinder,“ schreibt mir noch ein Kumpel, kurz bevor ich losgehe. Wie Recht er haben sollte, ahne ich nur wenige Sekunden, nachdem ich das KTS betrete.

Black Bloc, Linksautonome, Anarchos? Nichts da. Die Basler- ist heute mehr Sesam- als Hafenstraße. KTS going KJG. Der Klassenkampf findet hier zwischen der 12a und der 13b statt. Bürgerkinder versaufen ihr knappes Taschengeld und üben sich stimmbrüchig und ungelenk in Fäkalsprache.

Da gelob ich mir die Punks und Hartgesottenen rechts vorm Eingang: Frauen werden mit Kraftausdrücken bezeichnet, die bei fudder editiert würden, zeremoniell werden Bierflaschen zerschmissen und germanisch-urtümliches Gegröle soll die gut gemeinte Rebellion authentisch wirken lassen – „Gesten der Impotenz“ würde Daniel Richter titeln.



Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Auf dem großen Floor legt ein DJ in un-KTS-lichen Markenklamotten (Burton-Cap, Burberry-Schal, Nike Air Max) schrammeligen Elektro sowie Minimales auf und pumpt die Crowd mit musikalischen Methamphetaminen voll. Dass er dabei weder auf Vinyl noch auf CDs zurückgreift, sondern seinen Sound via Laptop (und der DJ-Software Traktor) in die Revolution schickt, wäre noch zu verzeihen. Schlimm sind aber Tracks wie jener Laid-Back-White-Horse-Remix, die selbst im Karma nicht gespielt würden. Die Leute nehmen es mit Humor und tanzen wie ihnen die Hüfte gewachsen ist.

Nebenan, im Hardtek-Raum, geht’s beschaulicher zu.

Auf einem versifften Sofa machen ein paar Teenies in Grunge-Montur auf gelangweilt, andere hängen an der Bar ab und versuchen, sich schreiend zu verständigen, hinter dem DJ-Pult chillen autonome V.I.P.s in der Anti-Lounge und vereinzelt wird sogar gezappelt. Wenn nicht ins Crash, dann wohl hierhin.

Aufregerle an der Bar

Drinks kosten mit 2,50 Euro zwar nur halb soviel wie sonstwo in Freiburg, schmecken aber auch so. Abgesehen davon hab ich von meinem Gin Tonic nicht allzu viel, wird er doch – kaum abgestellt – von irgendeinem Voll-Honk mit Gleichgewichtsstörungen auf den Boden gefegt. Wenn sein Becher leer ist, darf ich scheinbar auch nichts mehr haben. Praxisbezogener Unterricht in Sachen Kommunismus? Hatte nicht drum gefragt.

Als ein Japaner neben mir den Barkeeper fotografieren will, streckt dieser ihm seinen Mittelfinger entgegen und springt ihm beinahe an die Gurgel. Kann mir ja eigentlich egal sein. Aber: Wenn auf derartigem Niveau gegen die NATO demonstriert wird, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn Militarism nie History wird.



Aufstoßerle – irgendwann vor dem Klo

Gegen die Herrentoilette erscheint jedes Raststättenklo so sauber, als befände man sich auf dem Gäste-WC des Berliner Adlon. Als spießiger Krypto-RCDSler traue ich mich nicht rein, kann aber durch die sperrangelweit offene Tür hineinschauen – Sitten, die wohl zum guten Ton eines Autonomen-Zentrums gehören. Chauvinistischerweise ist die Tür der Damentoilette zum Flur hin geschlossen. Zur Hölle mit der Gleichstellung der Geschlechter! Spätestens seit Andy Baader wissen wir: Es lebe der Machismo!

Fazit

Der 60. Geburtstag der NATO scheint hier die wenigsten zu interessieren. Was dann? Wie immer: Sex, Drugs, Rock n’ Roll.

Mehr dazu:

fudder.de: Serie Nightlifeguru