Nightlife-Guru: Closing Party im 18 Months

Nightlife-Guru

Gestern Früh hat zum letzten Mal ein DJ im 18 Months aufgelegt: Was bei Freiburgs Testosteron-Ravern und Sonnenbankgirls erst zu Ekstase und dann zu einem Anflug von Melancholie führte, verursachte bei unserem Nightlife-Guru leichte Übelkeit. Aber lest selbst.



Die letzten Schritte bis zur Tür

„Es ist dicht gepackt voll, die Musik ist scheiße und acht Euro Eintritt zahlt ihr obendrein“, geben mir Freunde, denen ich am Bertoldsbrunnen begegne, mit auf den Weg. Meine Begleitung und ich tauschen fragende Blicke aus. Wenige Sekunden und ein Schulterzucken später stehen wir vorm Eingang zu den Kellerräumen in der Kaiser-Joseph-Strasse 244. „Geht da nicht hin!“ – der letzte Warnruf verhallt, von uns unbeachtet, in der eisig kalten Januarnacht.

Die Mädels an der Tür

Wer heute Abend auflege, will ich von der übermäßig stark geschminkten, aber gutmütig dreinblickenden Enddreissigerin – Deckhaar aufblondiert und unten drunter schwarz gefärbt – wissen. Bereitwillig gibt sie Auskunft. „Sämtliche House-DJs aus Freiburg spielen heute, bis die Sonne aufgeht.“ In der Hoffnung, kein Showcase der Freiburger Ibiza-Connection serviert zu bekommen, zahle ich acht Euro Eintritt.

Inneneinrichtung und Deko

Wer wissen möchte, wie’s im 18 Months in den letzten einundzwanzig Monaten ausgesehen hat, soll den Bericht meines Vorgängers lesen. Denn genauso sahen auch vorgestern die Kellerräume unter der KaJo aus. Mit einem Unterschied. Der kleine Raum, bekannt für seine klare, grauweiße Leichenhallenästhetik, ist geöffnet. Für zusätzliche Dekoration, den Endzeitcharme kontrastierend, sorgt eine einsame Palme, die trostlos in der Ecke steht. Ihr Dasein weckt mitfühlende und mitleidvolle Gedanken. Was hat sie in den letzten Wochen sehen und durchmachen müssen?

Wer war da?

Die Gäste der Closing Night in nur wenigen Worten zu beschreiben, ist ausgeschlossen. Zu heterogen ist der Menschenpool, in den ich eintauche, nachdem ich mich vorsichtig die Treppenstufen hinabgetastet habe, vorbei an steroidgestählten s.Oliver-Models und teils hysterisch schreienden, teils in Tränen aufgelösten Mädels.

Heute prallen ausgemergelte Raverleichen mit kauendem Unterkiefer, die andernorts längst keinen Einlass mehr finden, auf den Feiertagsclubber, der vielmehr das Co-Enzym Q 10 in Kapseln schmeißt, als sich methylamphetaminhaltige Pillen einzuwerfen.

Auch Raresh, der Siebenbürger Maisproduzent, ist am Start. Ihm wurden kürzlich Fördergelder zugesagt, jetzt will er den deutschen Maismarkt aufmischen. Oana, seine Verlobte, trippelt nervös von einem Bein aufs andere. Meine Angst, sie würde dadurch ihre Kunstwimpern verlieren, ist unbegründet. Das Mastix klebt wie ein Montage-Kraft-Kleber. Kaum drehe ich mich um, laufe ich in die zur Begrüßung weit aufgespannten Arme von Ermad, dessen Vater einen leidlich gut laufenden Import / Export-Handel betreibt.

Er stellt mich seinen Freunden Tolga, Rostam und Oktay vor. Dass ich mit meinem schüchternen „Hallo“ bei ihnen von Anfang an als „Schwuchtel“ unten durch bin, war mir irgendwie bewusst. Denn für sie zählt ausschließlich das ganze ABC der Hip Hop-Gesten und Posen, wie sie das Musikfernsehen besonders in den Nullerjahren vermittelt hat. Daher eine Notiz an mich selbst: bis zum Sommer fleißig Bankdrücken gehen, ein custom made tattoo stechen lassen, und dann bin ich Chef im 18 Months-Nachfolgeclub.



Partyatmosphäre & Klangwaren-TÜV

Röhrende Sägezahn-Synthesizer werden durch die Boxen gepresst, als ich den Hauptraum betrete. Diese Klänge erinnern von fern an das gutturale Röhren und Orgeln eines Rothirschs in der Brunftzeit, dessen Geweih schon ein wenig mit Alterspatina versehen ist. Ach, a propos Brunft: brammig sind die Jungs und Mädels hier unten gleichermaßen, auch wenn die Tekk-Heads einem die Lust am Paarungstreiben rauben können. Zu testosterongeschwängert ist die Atmosphäre. Auch der betörende Duft des neuen Wintertrendparfüms, irgendein „sheer oriental“-Verschnitt, vermag daran nichts zu ändern.

Ein paar muskelbepackte Hartnacken stehen auf der Tanzfläche und führen mit ihren Oberarmen pumpende Bewegungen aus. Sieht aus wie eine Trockenübung, um tags darauf im Fitnessstudio beim Bankdrücken besser abzuschneiden. Nicht minder hochfrequent ist die Beinarbeit der Mädels, die sich um die Jungs in Position gebracht haben. Sie treten fleißig auf der Stelle. Gelenk- und rückenschonend ist das nicht, aber wenigstens setzen sie den für das neue Jahr gefassten Vorsatz, endlich Bauch, Beine und Po zu trainieren, sogar im Club in die Tat um. Respekt!

Raumwechsel. Kleiner Raum. Zum wiederholten Mal werde ich gefragt, weshalb ich nicht lache. „Musch glücklich sein, Alter. Happy!“, lallt mir ein stark verschwitzter Jugendlicher ins Ohr. Ein für allemal: ich lache, wann und wo es mir passt. Doch zu dieser vorgerückten Stunde ist mir vielmehr nach Heulen zumute. Mehrere Stunden habe ich hier bereits zugebracht, zahlreiche DJ-Wechsel erlebt, doch noch immer poltern dieselben monotonen Stampf-Bassdrums, gepaart mit einer Snare und ein paar schrillen Beckensounds. Einzig die Lautstärke hat sich verändert. Ab jetzt tut’s nur noch weh. Ich muss nach draußen, um diesen Abend voll geloopter Langeweile schnell wieder aus meiner Hirnschleife zu kicken.

Catering & Getränkekarte

Lager leersaufen und sich vollaufen lassen für fast lau ist trotz Schließung des Clubs nicht drin. Die innere Ruhe und Gelassenheit der Mädels hinterm Tresen ist bewundernswert. Auch mit den alkoholinduzierten Sprachstörungen total überdrehter Nachteulen kommen sie zu Rande. Eröffnete ich einen Club in Freiburg dieser Tage, würde ich sie übernehmen.

Auf dem Klo um halb vier

Der Weg zum Klo ist verstopft mit merkwürdigen, teilweise sehr unsympathischen Gestalten. Die unterirdisch platten Dialoge und ihre Macho-Posen erinnern mich stark an das durchgedrehte Geschehen, wie es sich allabendlich an den Bushaltestellen der Problemviertel präsentiert. „Wir gehen uns kurz ficken“, grölen mir zwei Halbstarke entgegen, die gemeinsam in einer Klokabine verschwinden. Und ob ich mitkommen wolle, fragen sie mich. Ich lehne dankend ab und ziehe es vor, wieder auf die Tanzfläche zu gehen. Harndrang unterdrücken oder ausschwitzen, lautet in dieser Nacht die Devise.

Aufregerle

Nervende Muckibudenprolls, „Vokuhila is da killa“-Kids und Sonnenbankgirls in Jogginghosen. Eine brutal übersteuerte Anlage, vermatschter Bassbrei und zu viele belanglose Tracks. Jedes erwartete Klischee wurde erfüllt. Warum also aufregen?!



Aufheiterle

„Ey, Alda, voll geil dich hier zu treffen. Haben uns schon ewigs lange nicht mehr gesehen, Määään. Kennsch mich noch? Ich bin der…“ Sein Name geht im Umgebungslärm unter. „Letzte Nature One, war das geil, Määään“, schreit er durch den Club. Ich kenne ihn nicht, diesen wasserstoffblonden Netzhemdraver. Und schon gar nicht war ich auf der Nature One. Er zählt jedoch zu den wenigen Gästen, die eine unglaublich positive Energie ausstrahlen. So nennen wir uns alte Freunde und umarmen uns herzlich zur Begrüßung.

Fazit

Mit dem 18 Months verliert Freiburg eine Einrichtung, die – so das Selbstverständnis der Betreiber – von Beginn an den Kampf gegen die musikalische Eintönigkeit angetreten ist. So verstehe ich nicht, dass trotz Mehrfach-DJ-Wechsel die Musik durchweg gleichförmig, monoton und deshalb auf Dauer ermüdend war. Erinnerungswürdig war das Finale leider nicht. Tiefbleibende Eindrücke hat der Abend auch nicht hinterlassen. Egal. Ich habe überlebt. Die Lücke, die der Club hinterlässt, gilt es sehr schnell zu schließen, irgendwo müssen die Leute ja feiern.