Nightlife-Guru: Boris Hutton bei Tageins

Nightlife-Guru

Die tageins-Partys im Waldsee und die Anwohner, die sich durch die Geräusche der heimkehrenden Partybesucher belästigt fühlen, sorgen diesen Sommer für Gesprächsstoff. Grund für unseren Nightlife-Guru, die aktuelle Lage zu checken. Hier sein Bericht von heute Nacht.



Die Jungs an der Tür

Ein vergleichbares Szenario habe ich zuletzt am Flughafen von Los Angeles erlebt: Graustählerne Absperrgitter, viel Sicherheitspersonal, Ausweiskontrolle. Auch ich, beinahe zum Inventar von Tageins gehörend, habe mich der Personenkontrolle zu unterziehen.

Zudem wird der Inhalt meiner Tasche untersucht. Als ungefährlich eingestuft, darf ich das Gelände des Waldsee betreten. Draußenbleiben muss, wer keinen Ausweis bei sich führt oder unter 21 Jahre alt ist. Diese Türpolitik sorgt zwar hin und wieder für lange Gesichter, tut der Veranstaltung jedoch gut. Feiern ohne Testosterongeschädigte in der Balzphase.



Inneneinrichtung / Deko

Jürgen Oschwald, langjähriger Hofdekorateur von Root Down und Tageins, hat auch heute Abend den Innenraum des Waldsee mit Fragen aufwerfenden Installationen versehen. So abgefahren wie vor ein paar Wochen, als meterlange Bahnen Toilettenpapier den Raum durchzogen, war’s aber leider nicht.

Wer war da?

Semesterferien: der Anteil feierwilliger Studenten ist noch etwas höher ist, als sonst. Daher ist auch die Flirtbereitschaft, Aufgeschlossenheit und Kontaktfreudigkeit auf einem überdurchschnittlich hohen Level.

Partyatmosphäre & Klangwaren-TÜV

Hände gehen in die Luft, Jungs und Mädels bilden spontan knäuelförmige Gebilde, es wird wild getanzt und geknutscht. Agent Schwiech und Boris Hotton, der Gast-DJ des heutigen Abends, drehen die Knöpfe, schieben die Regler am Mischpult und gehen zu dem von ihnen gespielten Stück Rushing To Paradise ebenfalls gut ab. Kaum, dass der letzte Ton verhallt ist, geht das Licht an und auf das musikalische Feuerwerk folgt unvermittelt die Ansage „Danke, dass ihr gekommen seid. Seid bitte, bitte leise auf dem Nachhauseweg.“

tageins und das Lärmproblem

Seit Wochen muss die Veranstaltung tageins, auf ihren emotionalen Höhepunkt zusteuernd, jäh unterbrochen werden. Es ist, als ob die kleine Schwester oder der kleine Bruder plötzlich im Zimmer stehen. Ein Coitus Interruptus für die Party.

Das ist auf Dauer ungesund, denn man kann sich nicht richtig fallen lassen, genießen und das intime Zusammensein auf der Tanzfläche auskosten.

Aber vielleicht schauen die Anwohner und die Entscheider der Stadt Freiburg einmal persönlich bei Tageins vorbei, vielleicht vermag die beschriebene Szenerie ihr Herz erweichen und sie gewähren der Veranstaltung eine Stunde mehr?



Stunden zuvor steht Boris Hotton einsam an den Plattenspielern, groovt sich und das Waldsee mit einem feinen Housesound ein, angereichert mit zahlreichen Jazz- und Soulsamples. Auf die 120 bpm zusteuernd, regt er mit seiner Auswahl erste Gäste zum Tanzen an, meist Jungs, die sich im Housedance versuchen. Sehr viele befinden sich derzeit noch auf der Terrasse und im Biergarten am See.

Zu schön und zu selten sind doch die Nächte, in denen man dies tun kann. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich, die Lautstärke der Gespräche ist gedämpft.

Hocks der freiwilligen Feuerwehr oder von Narrenzünften, die sich ebenfalls bis weit nach Mitternacht ziehen, erreichen da ganz andere Schallpegel.

Drinnen arbeiten die beiden DJs intensiv am Groove, wie es sich eben arbeiten lässt, wenn seit neuestem auch noch die Bässe abgeregelt werden müssen. Warum wird etwas von einem Tag auf den anderen zu einem Problem höchster Priorität heraufgestuft, was Jahre zuvor noch nicht einmal Anlass war, Worte darüber zu verlieren?

Ich stehe am Rand der Tanzfläche, beobachte die tanzende Menge. Von ganz ferne erscheint sie, die verträumte Pianomelodie von „Rushing To Paradise“, und ich wünsche mir nichts sehnlicher zurück als die Zeit des paradiesischen Urzustandes, in der diese Euphorie auf der Tanzfläche bis zum Sonnenaufgang angedauert hat.



Catering & Getränkekarte

Es ist warm und daher greifen die Gäste an diesem Abend vermehrt zu leichtem Alkohol. Gutedel, Grauburgunder oder Spätburgunder, Becks oder Freiburger, vereinzelt ein paar Cocktails und Kurze wandern über den Bartresen.

Auf dem Klo um halb vier

Ist das Licht aus. Oder habt ihr etwas anderes erwartet?

Aufregerle

Wo ist der kleine Bauwagen, ausgestattet mit Kühlschrank und Grill? Ach so, ich vergaß, der wurde von der Stadt unlängst auch verboten, auch wenn die wahren Gründe sich bis heute keinem so recht erschließen. Ein herber Rückschlag, denn der mitternächtliche Verzehr von frischem Grillgut trug wesentlich zur besonderen Atmosphäre auf dem Gelände des Waldsee bei. Bedauernswert, dass auch dies nun der Vergangenheit angehört.

Fazit

Trotz steifen Gegenwinds und zahlreicher unverhältnismäßiger Auflagen und Beschränkungen ist Tageins noch immer eine Institution des Freiburger Partylebens. Das soll auch so bleiben, denn eine gewisse Leichtigkeit und Unbeschwertheit des Lebens lassen sich kaum besser erfahren als hier. Und deswegen wünsche ich mir noch viele weitere solche Nächte, auch wenn ich altersbedingt schon längst den Dancefloor geräumt habe.

Mehr dazu: