Nightlife-Guru: Blitzer gucken @ Mariotti

Nightlife-Guru

"Wenn abends um zehn die Blitzer in der Kronenstraße von 50 auf 30 geschaltet werden, dann geht es bei Mariotti total ab! Die Leute stehen dann da, trinken Bier, johlen und machen La Ola!" behauptete ein Redaktionsbesucher vor einigen Tagen. Logisch, dass die fudder-Redaktion da den Nightlife-Guru hinschickt. Ob und wie's sich unter den orangefarbenen Strobo-Blitzern der Kronenstraße abhängen lässt:




(Die Jungs und Mädels) hinter der Theke

Viertel vor zehn an einem lauen Samstagabend in Freiburg. Mein Herz ist noch immer schwer von den Ereignissen des Nachmittags im Dreisamstadion, als ich auftragsgemäß mit meiner Begleitung beim Eiscafé Mariotti in der Kronenstraße eintreffe. Das Eiscafé ist geschäftig, aber nicht überfüllt. Auf den Monblock-Gartenstühlen vor der Tür sitzen vielleicht ein Dutzend Gäste, zumeist Familien mit Kindern. Nach kurzer Wartezeit komme ich dran. Ich bestelle bei einer freundlichen jungen Dame ein Spaghettieis, meine Begleitung bei einem älteren Herrn zwei Kugeln in der Waffel. "Stracciatella und Mandel", sagt sie. "Vanille?" fragt er. "Nein, Mandel." "Vanille?" "Nein, Mandel!" Mandel befindet sich in der Auslage direkt neben Vanille. "Vanille?", fragt er noch einmal, während er die Kugel schon auf's Eis drückt.  "Ja, ja. Vanille." Macht aber nichts. In dem Moment ist das sogar sehr lustig.



Inneneinrichtung & Deko

Meine Begleitung und ich nehmen uns zwei Monoblöcke, setzen uns an die Straße, auf der recht wenig Verkehr herrscht, essen unser Eis und schauen auf die Uhr beim ehemaligen Bauer-Hochhaus. Es wird zehn Uhr. Welche magischen Vorgänge jetzt wohl in den beiden Blitzern, die stadtein- und auswärts am Straßenrand stehen, stattfinden?



Traffipax heißen die beiden fetzigen Beleuchtungsanlagen übrigens. Wer denkt sich wohl  solche Namen aus? Und wie funktionieren diese Dinger eigentlich?Wo ist die Sendung mit der Maus, wenn man sie braucht?



Wer war da?

Und dann geht sie tatsächlich los, die Blitzerei. BLITZ! Zuerst trifft es einen deutlich zu schnell stadtauswärtsfahrenden Wagen mit NL-Kennzeichen. Der orangefarbene Blitz der Radaranlage erhellt den gesamten Straßenzug. BLITZ! Direkt danach trifft es einen stadteinwärtsfahrendern Franzosen, der ebenfalls deutlich zu schnell fährt. Kurz darauf einen Offenburger, BLITZ! dann einen Freiburger. BLITZ! "Der müsste es doch wissen!" entfährt es mir. Ich bin offensichtlich innerhalb von Minuten zum Verkehrserziehungsspießer mutiert.

Meine Begleitung und ich sind übrigens die einzigen, die mit so viel Innbrunst  Verkehrsbeobachtung betreiben. Hier gibt es kein johlendes Nachtvolk, das den geblitzten Autofahrern bei Bier und Eis La Ola-Wellen hinterherschickt. Aber wo keine Party ist, da machen wir halt eine.

Um besser zu sehen, ziehen meine Begleitung und ich erstmal an eine strategisch günstigere, weil übersichtlichere Stelle zwischen den beiden Blitzern, einige hundert Meter die Kronenstraße hinunter, gegenüber der Einmündung in die Rehlingstraße. Dort beziehen wir - bestens gelaunt - Lauer auf einer Gartenmauer.

Vorbeifahrende Radfahrer bemerken uns schnell, und wissen sofort, weshalb wir dort hocken. "Allez! Allez! Allez!" feuern wir sie an, damit sie die 30km/h-Grenze zu knacken, und entlocken den meisten ein Lachen. Auch ortskundige Autofahrer hupen uns zu, winken oder grinsen. Ob die auch alle hier schon mal gehockt sind? Blitzergucken, des Deutschen geheimstes Lieblingshobby?

Rumhängatmosphäre & STVO-TÜV

Auf unserem Mäuerchen sitzend fühlen meine Begleitung und ich uns an unsere Jugendzeit auf unterschiedlichen Dörfern in verschiedenen Ecken der deutschen Provinz zurückversetzt: Bei Bier und Zigaretten an der Bushaltestelle sitzen und darauf warten, dass etwas passiert! Ach damals! Heute abend sitzen wir bei einem Eis auf einer Mauer und warten, das etwas passiert.

Wir freuen uns über jeden orangenen BLITZ!, und den gibt es einigermaßen regelmäßig. Sonst passiert auch nicht allzu viel. Das Verkehrsaufkommen ist relativ gering, und wenn bei einer grünen Ampelperiode eine ganze Kolonne vorbeifährt, werden wir oft enttäuscht: Sobald einer abbremst, machen es ihm alle nach. Wir sinnieren über die Ähnlichkeit von Autofahrern mit Lemmingen.

Es ist langweilig auf der Mauer, aber irgendwie auch lustig, den Verkehr zu beobachten. Unsere Blicke schärfen sich, schon von Ferne erkennen wir Kandidaten für den Blitzer. Eigenartig, was die  Ereignislosigkeit mit uns macht: Schadenfroh feuern wir die Autos auf der Zielgeraden an und freuen uns wie Kinder, wenn es blitzt. "Uuuuuuuuund drin isser'!", rufe ich aus, und mache dazu eine extrem peinliche, schwungvolle Armbewegung. BLITZ!

Catering & Getränkekarte

Bis elf Uhr gibt's Eis bei Mariotti, die Kugel für 80 Cent. Auf der Mauer diskutieren wir, welches Eis der Stadt das beste ist. Meine Begleitung und ich können uns nicht einigen, aber Mariotti ist ganz klar in den Top drei. Irgendwann haben wir Lust auf Alkohol, erwägen einen kurzen Gang zur Tankstelle an der Basler Straße doch erinnern uns rechtzeitig an die Alkoholsperre. Kurz überlegen wir, Pischko anzurufen. Ob der wohl schon mal Bier an diese Mauer gebracht hat?



Aufheiterle

Der Fahrer eines tiefergelegten Autos größerer Bauart mit Emmendinger-Kennzeichen zeigt uns das Victory-Zeichen lacht uns zu, lässt den Motor seines Autos röhren. Und dann: BLITZ!

Aufregerle

Auch nach einer Stunde Feldforschung erschließt sich uns das Muster nicht, nach dem der Blitzer aktiviert wird. Es scheint nicht einmal ein System dahinter zu stecken. Offensichtlich zu schnell fahrende Autos werden nicht geblitzt, die röchelnde 45-PS-Kiste bringt es mit geschätzten 31 km/h zu einem Foto. Meine Begleitung und ich fangen an zu spekulieren - ob die Kamera nachladen muss?

Manche Autos witschen direkt hinter dem Geblitzten durch, manche erwischt es doch. Theorie widerlegt. Immerhin trifft es - neben dem albernen Emmendinger - viele dicke Protzautos - da ist die Freude doppelt so groß. Die Autos mit ausländischen Kennzeichen bekommen unser Mitleid; völlig unbedarft cruisen die armen Touristen in die Radarfalle. Ob diese Strafzettel überhaupt verfolgt werden?

Insgesamt bleibt ein Nachgeschmack: Was zum Teufel nützt ein Blitzer, der scheinbar selektiv blitzt?



Fazit

Nach gut 90 Minuten beschließen wir, die Blitzerparty an der Kronenstraße für heute zu beenden. Das war genug Spießertum für mindestens die nächsten drei Monate.

Am Montag erfahren wir, dass die beste Blitzerparty der Stadt an diesem Abend woanders getobt haben soll: vor dem Walfisch, scheinen St.Pauli-Fans nicht nur den Sieg ihrer Mannschaft gefeiert zu haben, sondern auch die Autofahrer, die der dortigen 30er-Zone erlegen sind. Angeblich mit Bier, Johlen und La Ola-Wellen.