Nightlife-Guru: Beim Tuntenball auf dem Hans-Bunte-Areal

Nightlife-Guru

Wenn alle Netzstrumpfhosen und Bodys in Freiburg ausverkauft sind, steht der Tuntenball an. Das diesjährige Motto: "Rokoko Apokalypse. Trash & Techno". Der Nightlife-Guru war am Samstag auf dem Hans-Bunte-Areal dabei.

Der Tuntenball ist das Ereignis, das dem Nightlife-Guru im vom Clubsterben geprägten Freiburg gefehlt hat. Die Party könnte die Lücke zwischen Clubsterben und überdimensionalem Angebot an 90er-Jahre-Veranstaltungen wieder gutmachen. Der Nightlife-Guru hat trotzdem etwas Bedenken. Schließlich ist es auch für ihn ungewöhnlich, auf einer Party viel Haut zu zeigen und gefühlt nackt zu gehen. Es fühlt sich für ihn an, als hätte er vergessen Hose und Oberteil anzuziehen.


Wie frei sind die Freiräume auf dieser Party, fragt sich der Nightlife-Guru? Was ist, wenn jemand eine Grenze überschreitet? Doch die Freunde des Guru nehmen ihm seine Skepsis. Beim Tuntenball "wird Awareness groß geschrieben", versichert eine Freundin. "Wenn ein Partyspace sicher ist, dann der Tuntenball". Die Vorfreude wird noch größer. Die Devise für den Abend lautet: Techno und Nacktheit.

Tüll, Samt, abgeklebte Nippel

In der Schlange wird der Guru fast erschlagen von Tüll, Samt und natürlich abgeklebten Nippel. Viele Glitzersteinchen kleben in Gesichtern. Man spielt mit den Geschlechterrollen. Sofort ist klar: Die Tuntenball-Besucherinnen und -Besucher haben die Regeln, Sitten und Gebräuche des Alltags über Bord geworfen. Der Nightlife-Guru kommt aus dem Staunen nicht heraus. Was jetzt kommt, ist pure Reizüberflutung.

Die Deko zwischen den Floors geben der Veranstaltung eine mystische Aura. Der Guru fühlt sich geheimnisvoll und verrucht. Alles ist dunkel. Orientieren ist schwierig, irgendwie sieht alles gleich aus. Es gibt einen Darkroom. Freiheit und Lust scheinen die maßgeblichen Gefühle des Abends zu sein. Der Nightlife-Guru fühlt sich an keinen Dancefloor gebunden und zieht alleine mit seiner Flasche 7-Euro-Sekt von Tanzfläche zu Tanzfläche.

Es ist so gemütlich, dass man seine Nacktheit vergisst

Der Nightlife-Guru bleibt beim Techno hängen und lässt die Musik und die Leute auf sich wirken. Alle wirken, als würde die Freiheit des Tuntenballs ihnen mehr Sicherheit geben, sie selbst zu sein. Die Gesichter wirken zufrieden. Die Stimmung färbt auf den Guru ab. Er lässt sich treiben und entspannt. Das liegt wahrscheinlich auch am Pegel. Sein Gehirn braucht eine Pause. Zum Runterkommen geht er in eine Art Zelt, das durch den roten Samt an Wand und Boden an eine warme Höhle erinnert. Dort fühlt er sich sicher, behütet und gleichzeitig befreit. Er vergisst die Angst wegen seiner Nacktheit. Alle laufen herum, wie sie möchten und er fällt inmitten von Glitzer, Latex und Spitze kaum auf.

Für die nächsten vier Stunden hört er nur fette Bässe und gibt sich seiner Liebe zu Techno hin. Die Soundanlagen auf den Tanzflächen zerstören sein Gehör, aber der Sound ist unfassbar genial. Doch irgendwie fühlt sich die Veranstaltung nicht so einzigartig an, wie sie ihm angekündigt wurde. Mit etwas mehr Klamotten würde sich der Tuntenball nicht von einer normalen Techno-Party unterscheiden. Was macht den Tuntenball so einzigartig? Die besondere Atmosphäre entsteht durch die Menschen, die sich voll und ganz der Lust hingeben. Sei es in einem Kleid im Rokoko-Stil oder mit einer Leine am Hals. Es geht darum, den Menschen einen Raum zu ermöglichen, indem sie sich ohne gesellschaftlichen Druck und Zwänge ausleben können. Dort, wo jeder auf seine Art und Weise anders sein darf und toleriert wird, gibt es keinen Scham. Man kann sich frei fühlen. Und das ist die größte Erinnerung, die ich vom Tuntenball mitnehmen werde. Die Freiheit, zu sein wie ich will auszusehen, wie ich will und zu machen, was ich will, solange ich niemand anderen damit gefährde.
Du liest gerne fudder?

Damit fudder jungen Journalismus aus Freiburg bieten kann, bitten wir Dich um Deine Unterstützung. Werde Mitglied in fudders Club der Freunde.

Als Bonus gibt’s für Dich exklusive Veranstaltungen und Gewinnspiele und vieles mehr: Elf Gründe, warum wir Dein Geld wert sind.

Freiburg braucht mehr Partys wie den Tuntenball. Die Mischung aus weitläufiger Location, Toleranz und Sex scheint den Freiburgern den Wunsch nach mehr zu geben. Einen Ort, an dem man ohne Bedenken feiern und sich ausleben kann. Das sollte eine Party ausmachen: Zwanglos und befreit, aber auch respektvoll und harmonisch.

Mehr zum Thema: