Nightlife-Guru: Beim Kaiserstuhl-Rave in den Ihringer Weinbergen

Nightlife-Guru

Wild und frei war der Nightlife-Guru am Wochenende: Er trank Granatapfelsekt, Mate-Tee und Dosenbier - und wanderte auf einen Ihringer Weinberg, um zu Drum'n'Bass zu raven. Warum dabei das Pinkeln in den Reben tricky und die Musik magnifique war:



Das Outfit

Raven ist – den Hipstern sei Dank - ja nun wieder gesellschaftsfähig geworden. Ich und alle anderen dürfen unsere Raverliebe nun endlich wieder offen zelebrieren, und wenn wir es möchten mitsamt Plateauschuh und Tattookettenwürger. Als waschechtes ehemaliges Teeniegirl aus den Neunzigern weiß ich aber, welcher Trend schon damals über alle Maßen panne an mir aussah und so stecke ich anstatt in der Schlaghose in der schwarzen Röhre und anstatt den Buffalos in geblümten Sneakern.

Wild und frei wie ich heute bin, traue ich mich auch bauchfrei zu tragen, das harmoniert bestens zu dem massiven Armeerucksack, in dem zwei Liter Granatapfelsekt, vier Dosenbiere, zwei Matetees und ein Hüttenpullover auf ihren Einsatz warten. Tonight is the night, es ist alles möglich und überhaupt hat es 42 Grad.

Der Aufstieg

Im zauberhaft malerischen Ihringen am Kaiserstuhl steigen wir bergauf 50 Minuten lang rot gemalten Katzengesichtern auf dem Boden hinterher. Unser Ziel soll heute der Ort der Magie sein, der Outdoor-Rave zwischen Weinreben. Die Lichter des Städtchens flimmern im Dunkeln, unsere Stirnlampen flackern den hoch rasenden Autos hinterher, unsere sektgetränkten Herzen schlagen bald im Takt der Bässe, die über die Hügel scheppern. Utz utz utz – meine Euphorie wird verstärkt durch die französische Roaming-Sms auf meinem Handy. Ich bin wohl gerade nach Frankreich gelaufen - magnifique!

Dancefloors und Deko

Der Drum´n´Bass Floor am Eingang wummst laut und saugt mich ein wie eine funkelnde Blase, in bunten Flimmerlichtern und rotierenden Lasern zieht es mich auf den Steinboden vor das, im Fenster der Hütte reinimprovisierte, DJ Pult. Schnell tanze ich ein bisschen Impulsivität raus, bevor mich die Blase auf den von einer Art Fischernetz-Neonwolle-Wäscheleinenwirrwarr überdachten Technohügel spuckt.

Hier war eindeutig großer Tüftlerzauber am Werk, darüber hinaus mit wohl wahllosen Dingen, die leider geil aussehen, wenn man sie nachts unter dem Sternenhimmel zwischen Bäumen aufhängt. Und da man sich nicht für Kunst entschuldigen soll, ziehe ich kunstwürdigend an einer der heraushängenden Schnüre, die gesamte Netz-Dachkonstruktion wippt auf einmal im Takt, die bunt bestrahlten Bäume lassen ihre Blätter zittern, Hände gehen nach oben, Pupillen werden größer, „Wooooos“ und „Yeeeeahs“ sind zu hören. Bin beeindruckt. Entertainment kann so easy sein.

Wer war da?

Die Crème de la Crème der Techno-Stereotypen. Barfüßige Lebemänner in bunten Hosen und mit nacktem Oberkörper. Sonnenbebrillte halbstarke Pumper in engen Shirts, Caps und Turnbeuteln. Philosophen mit Birkenstocks und Cargohose wippen mit geschlossenen Augen unter ihrer Rundglasbrille. Der Typ im Blumenhemd ruft ekstatisch „Lauter! Schneller! Härter!“, während er  seelenruhig auf dem Floor steht und spitzbübisch einen Joint dreht. Ein braungebranntes wildes Mädchen tanzt nur im Bikini, ihr langhaariger Nebenmann wird zunehmend nervöser und zappeliger auf dem Floor. Er geht sich den Kopf unter dem Wasserhahn kühlen und kommt mit drei Bieren wieder.

Während die DJs hektisch versuchen, den jetzt zweiten Stromausfall in ihrem Set zu beheben, lege ich mich zu den Träumern am Rand des Floors ins trockene Gras. Die Arme weit ausgestreckt, barfuß und immer noch viel zu aufgeheizt von der flirrenden Nachtluft, merke ich, dass ich mich pudelwohl fühle. Schön hier. Der Boden fängt wieder an zu vibrieren, Strom und Rhythmus sind wieder da. Sommer. Amore!

Partyatmosphäre & Klangwaren-TÜV

Die Location ist Trumpf! Hier ist Platz für jedes Wesen, jeden verspulten Film, jeden ausladenen Tänzer, jedes Outfit. Die OpenAir KTS, der größere Susikeller, der Garten Eden, den wir nie hatten. Die Wohnhäuser sind so weit weg, dass einen deren verstreute gelbe Lichter in der Nacht ganz melancholisch machen. Der kühlende Wald hinter den Floors, die Aussichtsplattform mit Sonnenuntergangsblick deluxe zu wummerndem Bässen.



Das Set der D'n'B-Djs wie Keulendub Soundsystem oder der KFCrew ist laut, grantig und schmettert mich zum Tanzen an. Wunderbar! Auf dem Technohügel ist's da eher gediegener, der Bassknopf ist wohl noch nicht gefunden worden, die Musik ist stellenweise so leise, dass man sich beim Gespräch der Leute 5 Meter weiter noch einklinken könnte. Aber genau für diesen Fall haben wir ja den grölenden Typen im Blumenhemd.

Aufregerle

5.30 Uhr: Mein Mate Tee ist leer, es hat noch immer über dreißig Grad, die Flasche Wasser kostet 3 Euro. Noch vor dem Sonnenaufgang ist das Wasser ausverkauft, hartes Feilschen um halbleere Wasserflaschen auf dem Gelände beginnt. Das nächste Mal gerne das Bier teurer machen, aber schenkt Wasser an die Leute aus, bitte! Wer zwischen Wein feiert, kann auch Wasser stellen!

Aufheiterle

Auf'm Technofloor, die Sonne knallt schon wieder heiß und grell, ein Typ mit Zylinder tanzt stampfend und kriegerisch. Ich sehe ihn an, er sieht mich an. Er nimmt meine Hand, schaut mir tief in die Augen und fragt: „Hab ich dir meinen Hut schon vorgestellt?“

Auf dem Klo um halb vier

Der verlodderte Ruf des Klohäuschens eilte ihm ausschweifend voraus und so pieselt man lieber klammheimlich und dekadent unter einer Weinrebe. Tricky: Man fühlt sich zwischen den Reben nur im Stehen ungesehen, in der Hocke erst bemerkt man den Fehler und muss den peinlich berührten Augenkontakt mit jemandem oder einen blanken Po drei Reben weiter aushalten.

Fazit

Mein Hüttenpullover lacht mich höhnisch an als ich wieder am Rucksack bin. Alles glüht und klebt, meine Füße sehen aus wie die einer Gladiatorin -  dreckig, aber heroisch. Sieben Stunden Tanzen, Sternschnuppen gucken, Blick auf die sonnengefärbten Vogesen, zirpende Vögel und lustwandeln in den Weinreben. Ohne die Umhüllung der dunklen Nacht sind manche Gesichter hier nicht mehr ganz so schön und freundlich wie im Flimmerlicht, aber wer mit den konsumierenden Traumtänzern klarkommt – that's the place to be.

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