Nightlife-Guru: Beach-Party in Freiamt

Nightlife-Guru

Die Beach-Party des SC Freiamt zieht seit zwölf Jahren allsommerlich tausende Partywütige nach Freiamt-Mußbach. "Da muss ich auch mal dringend hin", dachte sich unser Nightlife-Guru. Ob er von der wilden Sause verzaubert oder enttäuscht wurde:



Die Jungs an der Tür

"Da kannsch net nunterfahre', aber fix musch sei, di hän noch 370 Karte'!", scheucht mich der bärtige ältere Herr in neonorangenem Dress vor der Einfahrt zur Beach-Party in Freiamt-Mußbach. Allein die Anfahrt ist eine Herausforderung für sich: Über Berg und Wiese bin ich auf der Jagd nach den letzten Karten bergauf, bergab durch den Schwarzwald gerast, und frage mich, wie viele Partygäste auf dem Rückweg wohl bei dieser Strecke alkoholisiert im Bach landen werden. Aber das hier muss gut sein! Es ist schließlich bereits das zwölfte Mal, dass der SC Freiamt diese Party veranstaltet und 4000 verkaufte Karten sprechen für sich.

Ich bereite mich auf einen lustigen, cocktailgelandenen Abend mit Beachfeeling vor. Als ich aus dem Auto steige, weht mir würzige Landluft um die Nase, denn geparkt wird mitten auf dem Acker neben der Kuhweide. Top-Location also. Matsch pur. High Heels definitiv nicht empfehlenswert. Das Gelände sieht von hier relativ klein aus - aber kann ja noch werden. Ich sehe von weitem einen Red Bull-Stand und auch ein Sendewagen von Radio Regenbogen. Die Medien sind da, das scheint ja doch was Ordentliches zu sein. Am Eingang bekomme ich für 8 Euro ("Sie haben ja nicht vorbestellt, da sind es nur 6 €!"), mein lila Armband umgelegt, meine Tasche wird kontrolliert und meinen Ausweis genaustens geprüft. Dann darf ich rein.

Inneneinrichtung und Deko

Es ist 20 Uhr, als ich das Gelände betrete und erstmal etwas verloren in der Gegend stehe. Mir bietet sich ein interessantes Bild: Fünf mobile Getränke- und Bierwagen auf betoniertem Grund, ein Red-Bull-, ein Pizzastand und ein weißes Festzelt. Partydeko kann ich bisher nicht erkennen. Vergeblich suche ich zunächst nach einem Pool. Hier muss doch irgendwo Wasser sein, die Hälfte der Leute scheinen schließlich ihre Badekleidung unter den Ausgeh-Outfits zu tragen. Ich suche das ganze Areal ab und finde trotzdem nichts.

Langsam macht sich erste Enttäuschung bei mir breit, die ich mit dem immerhin kostenlosen Jägermeister, dessen Gutschein ich am Eingang in die Hand gedrückt bekommen habe, runterspüle. Als ich das Festzelt betrete, bin ich dann vollends von den Socken: Auch hier keinerlei Mühe, es gibt einen Cocktailstand, einen Sangriastand, einen Pommesstand - an dem ich die Dame hinter dem Tresen frage, wo denn hier das Wasser sei. "Gibt's nicht - seit vor vier Jahren einer ausgerutscht ist und jetzt im Rollstuhl sitzt, machen wir das nicht mehr!" - Auf meine Frage, wo ich denn hier dann für 8 € Eintritt etwas finden darf, dass dem Motto entspricht, erhalte ich nur einen schweigenden Blick. Insgesamt wirkt alles hier kahl und lieblos.



Ich denke an das Buchholzer Weinfest, das mir etwa viermal so viele Stände und wohl auch mehr Action bietet und auf dem ich nicht mal Eintritt bezahle. Das Einzige, das mit viel Fantasie im entfernten Sinne an Strand erinnert, ist das 5x5 m² große aufgeschüttete Sandquadrat mit 8 Liegestühlen darauf. Palmen (hätten ja auch Töpfe sein können), bunte Fackeln oder Lampions, Sonnenschirme, einfach liebevolle Dekoration, um dem Motto "Beachparty" gerecht zu werden? Fehlanzeige. Mir scheint, es fehlt den Veranstaltern nicht nur an Fantasie, sondern auch an Elan, das Ganze richtig aufzuziehen und es wurde am falschen Ende gespart. Da habe ich woanders schon ganz andere Beachpartys gesehen, die nicht im Geringsten damit vergleichbar sind.

Wer war am Start?

Das Publikum besteht hauptsächlich aus 18-25-jährigen Gästen, die meisten aus den Dörfern und Ortschaften um Mußbach herum, die mal etwas erleben wollen, "weil hier sonst nichts los ist" und Freiburg ja doch ein Stück entfernt ist.

Der Dresscode gemischt bis fragwürdig. Die meisten - testosterongeladenen - Herren vorzugsweise in Badeshorts und T-Shirt, bei den Damen ist vom Sommerkleid bis zum Disco-Glitzeroutfit alles dabei - oft mit dem Bikini darunter, denn man weiß ja nie. Die meisten treffen sich draußen am Auto zum gemeinsamen Vorglühen. Autos, auch campierende Wohnwägen, aus denen Mickie Krause & Co. dröhnen. Alokoholisierte, mitgrölende Kerle, die den vorbeistolzierenden Mädels in knappen Hotpants hinterherpfeifen.



Einigen scheint das sowieso in den Wind geschossene Beach-Motto so egal zu sein, dass das hier einfach kurzerhand zum Ballermann-Ersatz umfunktioniert wird. Doch es gibt auch andere. Vier junge Leute, die mit Euphorie und Vorfreude und 45 Minuten Anfahrt aus Bad Krozingen gefahren kamen und nach 2 Stunden voller Enttäuschung mit einem "Wir haben uns das hier irgendwie anders vorgestellt!" wieder Richtung Freiburg verschwinden, um in die Nachtschicht zu gehen.

Party-Atmo und Klangwaren-TÜV

Die gesamte Atmosphäre wird nicht nur durch die mangelnde Deko, sondern vor allem durch die Musik bestimmt. Neben der Wolfgang Petry-Compilation läuft auch mal die Ballermann Hits-CD durch. Da kann jeder Promillegelandenen fein mitsingen. Ein DJ ist da wohl irgendwo am Werk, nur leider ein bisschen kontraproduktiv.



Ab und zu mischt er einen R'n'B-Song oder etwas wirklich Tanzbares dazwiscen. Chillige Reggaetöne oder entspannte Cafe del Mar-Sounds, wie man sie eigentlich auf seiner Party erwartet, erschallen an diesem Abend nicht aus den Lautsprechern. Schade eigentlich. Wenn nicht hier, wann dann?

Catering & Getränke

Irgendwann knurrt der Magen. Ich habe die gesunde Auswahl zwischen Pommes Frites, Bratwurst, Flammkuchen und Pizza, und entscheide mich für Ersteres. Zum Preis von 2,20 Euro bekomme ich ein Pappschälchen voll, von dem ich nicht satt, aber gesättigt werde. Ich hätte mir passenderweise etwas Tropisches gewünscht. Ein Eis, frischer Obstsalat oder sogar ein am Strand sonst nerviger Kokosnuss-Mann wären jetzt super gewesen.



Die Getränkeauswahl ist schon etwas besser. Für 30 Euro bekomme ich einen 5l-Eimer geschmacklich überraschend guten Sangria mit frischen Erdbeeren, Orangen und Zitronen, von dem locker 5 Leute etwas haben. Kreativität zeigt sich bei der ausgehöhlten Ananas, in der der Pina Colada serviert wird. Daumen hoch dafür. Schön und originell. Mehr von dieser Art wäre absolut wünschenswert gewesen.

Aufheiterle

Wie jedes Jahr gibt es auch eine Bühne, auf der normalerweise Mister und Miss Beachparty, durch verschiedene Spiele und auch unter anderem Bikini-Schaulaufen, das von dem Publikum mit Stimmzetteln bewertet wird, gekürt werden. Der Gewinner bekommt immerhin satte 1.111 € auf die Kralle mit nach Hause. Interessant und auch ein bisschen aufregend.



Aufregerle

Die Anfangsatmosphäre und Enttäuschung liegt mir auch um Mitternacht, als ich die Party verlasse, schwer im Magen. Außerdem tut mir der Hintern weh und mein Outfit ist schmutzig, da ich den Großteil des Abends auf der Wiese sitzen musste, da die wenigen Liegestühle leider nicht für alle Leute ausgereicht haben. Spezielle Busse fahren in einige Ortschaften und zurück in die Stadt, dennoch sind viele aufgeschmissen und auf einen privaten Abholservice von anderen Leuten angewiesen. Die Verkehrsanbindung lässt also zu wünschen übrig. Nun gut, Freiamt ist auch weit ab vom Schuss. Vielleicht ist auch einfach der Veranstaltungsort falsch.

Auf dem Klo um halb eins

Auch das muss irgendwann sein, bei mir allerdings schon weitaus früher, da ich mir diese Party bis um halb eins nicht antun konnte und wollte. Vier Bauwägen, jeweils 4 Damen- und Herren-Toiletten, die gegen elf Uhr natürlich nicht mehr so ganz im Top-Zustand sind. Dennoch absolut ausreichend, Schlangestehen trotzdem inklusive.

Fazit

Wenn eine Beach-Party angekündigt wird, erwarte ich eine Beach-Party. Auch wenn klar ist, dass das im Schwarzwald allein schon aufgrund geographischer Gegebenheiten wohl nicht ganz zu 100 Prozent umsetzbar ist. Aus dem Thema ist weitaus mehr herauszuholen, als das in Freiamt in diesem Jahr getan wurde. Wasser wäre ein guter Anfang, egal in welcher Form, und sei es der Gummipool aus dem Baumarkt. Genug Sicherheitskräfte vom Roten Kreuz waren ja vor Ort. Der Titel "Ballermann-Party" oder einfach "Mußbacher Fest" wären besser und vor allem fair gewesen, um potentiellen Besuchern von vorneherein zu vermitteln, was einen dort erwartet. So fehlt an Mühe und Fantasie bei der Umsetzung. Ich hatte den Eindruck, dass man des öfteren am falschen Ende gespart hat: es gab so vieles, das man für denselben finanziellen Aufwand hätte anders und besser machen können.



Natürlich wird sich nicht viel ändern, solange die Gästezahl stimmt, denn die Veranstalter scheinen sich dessen bewusst zu sein, dass das Fest vielmehr von jungen Leuten besucht wird, die im oberen Schwarzwald einfach mal einen Abend Action haben wollen, als von solchen, die von weither anfahren und wirklich eine Beach-Party erwarten. Wohl einfach eine moralische Frage. Wie das Fest seit 12 Jahren bestehen kann, bleibt mir - wie so vieles im Nachtleben - ein Rätsel.



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[Fotos: Andreas Schmieg]