Nightlife-Guru: BalkanBeats im Jazzhaus

Nightlife-Guru

Balkan-Sounds sind immer noch in: Beirut, Gogol Bordello und Shantel mit seinem Bucovina Club machen Musik, zu der bundesweit in Diskos und Clubs rumgehupst wird. Am Freitag war DJ Robert Soko mit seinen BalkanBeats im Jazzhaus. Unser Nightlife-Guru hat den Abend der kritischen Prüfung unterzogen.



Die Jungs an der Tür

An der Kasse geht alles gewohnt easy und unproblematisch über die Bühne. Gegen 6 Euro bekomme ich einen Stempel und kann meine Jacke ohne Warten direkt an der Garderobe abgeben. Ein eher ruhiger Abend scheint sich anzukündigen. Zu späterer Stunde gönne ich mir draußen eine Gauloise, will wieder rein und werde wirsch von einem Typen aufgehalten, den ich mit Robert Sokos Berliner DJ-Partner Marko verwechsle. Ich halte ihm meinen Handrücken ins Gesicht und verziehe mich.

Deko

An der Deko wird sich im Jazzhaus die nächsten 100 Jahre nichts ändern: Karg und ungeschmückt wie eh und je. Nur ab und zu tauchen blaue, rote, grüne und gelbe Strahler die Tanzfläche in psychedelische Farben. Ach ja: da wäre noch die süße Disko-Kugel.



Wer war da?

Immer dann, wenn ich glaube, den Code geknackt zu haben, wenn ich meine, die Zusammensetzung des Publikums verstanden zu haben, sehe ich jemanden, der nicht in mein Schema passt. And that’s it! Es gibt heute Abend weder eine Altersgrenze, noch eine Kleiderordnung – und eine Türpolitik à la Musikarena A5 (R.I.P.) schon gar nicht.

Ich höre ein slawisches Idiom, drehe mich um und sehe eine kleine Wasserstoffblondine, die in kurzem Jeans-Mini und weißen Kunstlederstiefeln steckt. Ihre männliche Begleitung erinnert mich von Statur und Frisur her an Ivan Drago aus Rocky IV. Daneben: mein greiser Mathelehrer, der sich trotz der Hitze nicht wagt, seinen ausgebeulten Strickpullover auszuziehen. Seine Trekking-Sandalen stehen ihm auch heute noch erstaunlich gut – trotz Tennissocken.



Klangwaren-TÜV und Party-Atmosphäre

Als Freiburger ist man in Sachen Balkan-Party vorbelastet: die Weltmusik-Band Äl Jawala dürfen wir stolz unser Eigen nennen, Shantel, der Doyen des Balkan-Beats, ist mit seinem „Bucovina Club“ regelmäßig bei uns zu Gast und vor zwei Wochen erst schaute auch Vladimir Kaminer mit seiner „Russendisko“ an der Dreisam vorbei. Wenn das Jazzhaus also unter dem Label „BalkanBeats“ den Berliner Exil-Bosnier Robert Soko ankündigt, liegt die Messlatte schon verdammt hoch.

Wenn Soko nicht im Berliner Mudd-Club auflegt, ist er in New York, Paris oder London anzufinden. Meine Erwartungen sind also hoch – nicht zuletzt, weil heute Abend die dritte Folge der „BalkanBeats“-Compilations (Eastblok Music) vorgestellt werden soll.

Als sich das Jazzhaus um 3 Uhr anfängt zu leeren und auch ich mich samt meiner Begleitung genervt Richtung Ausgang bewege, frage ich mich, was heute Abend schief gelaufen ist. War es nicht ich, der ausgelassen abgefeiert, gesoffen, gelacht, gejauchzt und geschwitzt hat? Hat der Disc-Jugo nicht abwechslungsreich die gesamte Palette osteuropäischer Musikkultur dargeboten?

Von Anfang an beschwört Soko den Gypsy-Brass und ruft mit Boban Marcović das alljährlich im serbischen Cuča stattfindende Blaskapellen-Festival in Erinnerung. Mehrere Male spielt er den durch Shantel bekannt gewordenen Trompeten-Klassiker „Bucovina“, den meine Freundin noch auf dem Weg nach Hause vor sich her trällern wird; zu späterer Stunde stellt er Goran Bregovićs Stimmungs-Polka „Gas Gas“ vor.

Der Tanzkeller wird zwar nicht brechend voll und auf das Podest verirrt sich nur eine Gruppe Exzentriker, die ich letztens noch auf einer Goa-Party gesehen habe – der Stimmung tut dies aber keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die schwitzenden Körper können durchaus mit dem Mehr an Platz umgehen und tanzen in immer und immer größeren Kreisen. Wie Beschwörungsrituale aus fernen Zeiten kommen mir ihre Bewegungen vor; meine Goldstarmedaille aus dem Tanzkurs ist hier mehr als Fehl am Platz.

Gegen 0:15 Uhr – ich lehne gerade an der Bar und versuche cool auszusehen – fällt mir fast mein Longdrink aus der Hand: Soko spielt Shantels Chart-Kracher „Disko Partizani“. „Zu früh!“ schrei ich verzweifelt in die lauten, pumpenden Bässe. Die Crowd erkennt den Hit zwar, ist aber gerade noch dabei, sich warmzuschunkeln.

Und so geht’s munter weiter: anstatt sein Set sauber aufzubauen, es auf Höhepunkte beziehungsweise auf den Höhepunkt hinzuführen, reiht der DJ wahl- und – so scheint es fast – herzlos eine Nummer an die andere. Als ob er wie auf einer schlechten WG-Party einfach nur seine iTunes-Playlist durchlaufen läst. SevdahBABYs verdubbtes „Do U Like It“ steht zusammenhangslos zwischen ukrainischem Karpaten-Ska von Russkaja und Zigeuner-Jazz vom Schlage einer Mahala Raï Banda. Der einzige Trost: Soko erweist seinen quasi-Gastgebern Äl Jawala die Ehre und bringt ihren „Heymischen Bulga“ (Garage-Mix 2004).

Catering

Mein Gin Tonic schmeckt eher nach Tonic Water als nach Gin. Für 5,20 Euro hätte ich mich auch über eine Zitronen- oder Limettenscheibe gefreut. Aber wenigstens wird mir der Drink kalt serviert.

Der Wodka Lemon meiner Freundin kostet das selbe und könnte ebenfalls ein wenig stärker sein – aber: Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten. Um uns herum wird vor allem Bier (in den ästhetisch nicht gerade überwältigenden Jazzhaus-Plastikbechern) und Weißwein getrunken – oder mir auf die Hose geschüttet.



Auf dem Klo um halb vier

Gähnende Leere und westliche Sauberkeit. Während ich noch am Pissoir stehe, höre ich Fanfare Ciocărlias Brass-Version des Steppenwolf-Klassikers „Born to be wild“. Ich habe einen jener raren Momente klarster Erleuchtung, die man nur in den heiligen, befliesten Hallen eines Klos haben kann: Verdammt. Der Soundtrack des Kultfilms „Borat“.

Kaum wieder auf der Tanzfläche, riecht es verdächtig süßlich. Die Hippie-Mucke muss irgendjemanden zu irgendetwas inspiriert haben.

Aufregerle und Aufheiterle

Es passiert nichts großartiges heute Abend. Aufregen kann ich mich immer wieder über Pogo tanzende Alternative, die ich am liebsten persönlich eine Türe weiter – ins Crash – umsiedeln würde. Bei aller Extase würde ich es spießigerweise begrüßen, wenn ich das Glas an den Mund setzen könnte, ohne um meine Schneidezähne zu bangen. Lustig ist es aber dennoch, wenn irgendjemand wieder einmal eine Bierdusche abkriegt. Und: Mit wildfremden Josfritz-Stammgästen Sirtaki zu tanzen, war dann doch irgendwie aufheiternd.



Fazit

Ein Abend ohne Höhen und Tiefen. Ein kompetenteres, leidenschaftlicheres DJing – vielleicht mit ein Paar blöden Animier-Sprüchen à la Shantel! – hätte der Party vielleicht zum Exzess verhelfen können. Ansonsten kann man auch zu Hause bleiben und selbst die „BalkanBeats“-Compilations in den CD-Player legen.

[Fotos: 1, 3, 5 - Slavonic Dances, 2, 4 - Nightlife-Guru]