Nightlife-Guru: Audimax-Besetzung

Nightlife-Guru

Seit Montagabend ist das Audimax der Uni Freiburg besetzt. Auch über Nacht verbringen mehrere hundert Studierenden im größten Hörsaal der Stadt. Grund genug für unseren Nightlife-Guru, die Lage vor Ort mal abzuchecken.

 

(Die Jungs) An der Tür

Tiefschwarze Dunkelheit, eisige Novemberkälte, schneidender Wind. Keine angenehmen Bedingungen, um sich in eine Schlange Wartender einzureihen, denken wir uns auf dem Weg in die Nacht. Wenig später. Menschenmassen unterschiedlichen Alters treten von einem Bein auf das andere, führen gedämpfte Gespräche, rauchen selbstgedrehte Zigaretten und warten zwischen ein paar verstreuten Bierflaschen, auch aus PET, und Bauzaunteilen auf Einlass.

Über allem ragt geradlinig und markant empor ein beeindruckendes Bauwerk aus dem vergangenen Jahrhundert, dem die Nacht etwas Abweisendes und Bedrohliches verleiht. An der Tür angekommen blicken wir in die uns so wohlbekannten, traumverloren dunkel glänzenden Augen des härtesten Türstehers der Welt.

Halt. Das war am vorvergangenen Wochenende.

Jetzt stehen wir nicht vor Berlins Feier- sondern vor Freiburgs Bildungskathedrale, dem Kollegiengebäude „KaGe“ II, auch wenn das Ausleseverfahren hier mitunter genauso gnadenlos und hart erscheint und die Stunden mit Schönfelder und Sartorius nicht minder schweißtreibend sind als ein Set von Dettmann oder Klock.

Inneneinrichtung und Deko

Kaum betreten wir das KG II, verliert der Raum seine Bedrohlichkeit. Hinter dem martialischen Gesicht verbirgt sich eine gut beheizte Eingangshalle beziehungsweise Lounge, die etwas unstrukturiert, dafür umso liebevoller ausgestaltet und geschmückt ist. Info-Stellwände, Computer-Desks und sogar der Fußboden und die Treppengeländer wurden wild plakatiert und beklebt.

„Besetzt“ lautet der meistverwendete Schriftzug des nicht mehr ganz so jungen aber immer noch dynamisch auftretenden Veranstaltungskollektivs. Dieses führt die Corporate Identity auch auf dem Main Floor, dem Audimax, durchgängig fort. Viele bunte Rucksäcke und Schlafsackrollen stapeln sich neben Sitzkissen und Sofateilen entlang der Rondellwand. Hingucker schlechthin ist ein knallgelbes Transparent, welches wiederum mit dem Label „Besetzt“ versehen, wie ein 70er-Jahre-Läuferteppich die Arena mittig trennt.

Wer war da?

Zeitgleich mit uns betritt Lena-Kathrin, eine energisch auftretende junge Frau, das Audimax. Ihr äußeres Erscheinungsbild verrät sie sofort und lässt darauf schließen, dass sie es heute Abend nicht weit hatte. Sie trägt einen eierschalenfarbenen Trenchcoat in der linken und eine zum Platzen volle Longchamp-Tasche in der rechten Hand. Ihr frisch gewaschen duftendes Haar ist streng nach hinten gekämmt und zum Pferdeschwanz gebunden, die Süsswasserperlenohrringe glänzen hell. Sie will nur wissen, „was da so geht“ und wer sich seit einigen Tagen ihrem Fakultätsgebäude häuslich niedergelassen hat.

Der Bildungsstreik selbst und seine Hintergründe interessieren sie ansonsten reichlich wenig, da sie, auf Staatsexamen studierend, nicht persönlich davon betroffen ist.

So scheint sie sich auch vielmehr für die Jungs zu interessieren, die sich mit ihren Slalom-Skateboards an uns vorbeidrängen und in den dicht besetzten Sitzreihen Platz nehmen. Hier präsentiert sich die Freiburger Studierendenschaft als ein bunter Blumenstrauß an Menschen. Von der knapp gekleideten Erstsemester-Bachelorette bis hin zum vergeistigt wirkenden Langhaarstudenten haben sich Interessierte und Interessenvertreter, seien es Geisteswissenschaftler oder Naturwissenschaftler, eingefunden, um gemeinsam über Verbesserungsmöglichkeiten das Bildungssystem betreffend zu diskutieren.



Diskussionsatmosphäre & Thesen-TÜV

Ungezählte Hände fliegen in die Luft und wedeln nach links und nach rechts. Doch nicht, weil ein DJ nach einem ausgedehnten Break endlich wieder Beats und Bässe einblendet. Hands up in the air bedeutet am heutigen Abend Zustimmung. Zustimmung zu einem Vorschlag, zu einem Änderungsantrag, zu was auch immer. So ist gewährleistet, dass es im Audimax die ganze Veranstaltung über verhältnismäßig ruhig bleibt und die Anwohner nicht in ihrer nächtlichen Ruhe beeinträchtigt werden.

House, Hip Hop oder Heavy Metal spielen für einmal keine Rolle. Die Setlist besteht aus folgenden fünf Punkten:
  • Gerechte Anerkennung von Studienleistunge
  • Freiheitliche Gestaltung der Studiengänge
  • Vollständige Finanzierung der Hochschulen
  • Abschaffung von Bildungsgebühren
  • Wiedereinführung der Verfassten Studierendenschaft
Einfache und aussagekräftige Diskussionsthesen zur gegenwärtigen Bildungs- und Hochschulpolitik, auf das Wesentliche konzentriert, genauso wie die Musik der eingangs erwähnten DJs Dettmann und Klock. Auf die Sache eingeschworen und angespannt konzentriert sitzen geschätzte siebenhundert Studierende im Audimax und beteiligen sich rege und mit sachbezogener Leidenschaft an der Diskussion. Zum nachlesen, verinnerlichen und um sich seine eigene Meinung dazu bilden zu können, empfiehlt der Nightlifeguru das Blog der Freiburger Bildungsstreiker.

Catering & Getränkekarte

Am heutigen Abend gilt: jeder bringt mit, was er selbst verzehren möchte. Viele erscheinen mit einem Sixxer unter dem Arm. Ob sie diesen gemütlich über die ganze Nacht verteilt trinken oder ob sie sich damit innert kürzester Zeit wegballern wollen, um die Diskussionsrunde besser zu ertragen, erschließt sich uns weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick.

Einige versüßen sich die langen Stunden mit selbst gebackenem Kuchen und salzigen Häppchen. Draußen, in der Eingangshalle, stehen mehrere Kartonkisten mit Obst, Äpfel und Birnen. Ein loses Stück Papier mahnt an, die Streikenden mit Spenden zu unterstützen. Verwendet wird hierfür der Facebook-Sprech: Please make a donation!



Aufheiterle, die Erste

„Ey, was soll die Scheisse da? Was macht ihr da, häh?“ Überaus aggressiv werden wir von einer jungen Frau verbal angegangen. Sie möchte sicherstellen, dass sie auf keinem Foto zu erkennen ist. Wir versuchen, sie zu beruhigen, wollen jedoch gerne von ihr wissen, warum sie beim Anblick einer Kamera so gereizt reagiere. „Weil ich kein Bock auf die Scheisse habe, ja, oder?“ antwortet sie lakonisch.

Aufheiterle, die Zweite

Ein paradiesvogelartig gekleideter Mittvierziger baut aus leeren Plastikflaschen und den Gegenständen, die er in seiner Jackentasche findet, ein kleines Türmchen. Da seine Konstruktion mehrmals einstürzt und er sie wieder von Neuem errichten muss, bringt er Unruhe in seine Sitzreihe. Seine Baumeisterspiele sind jedoch nicht von langer Dauer. Ein Student eilt nach vorne, greift sich ein Mikrophon und stellt den Antrag, dass dieser Mann das Audimax umgehend verlassen möge. Grundlage: „das Hausrecht, das wir uns verliehen haben.“