Nightlife-Guru: Afterhour im KGB-Klub

Nightlife-Guru

"Sie küsst mich. Wir küssen uns." Endlich! Nach Wochen lustvoller Fantasien kommt unser Nightlife-Guru endlich mal tatsächlich zum Stich! Oder zumindest zu so was ähnlichem. Was es dafür gebraucht hat? Die Dorfpunkx-Afterhour im KGB-Klub:



Die Jungs an der Tür

Sonntagmorgen, Holzmarkt. Eine Seniorengruppe in Outdoorbekleidung wartet auf die Straßenbahn nach Günterstal. Angestellte der städtischen Reinigung treiben zwei, drei Zigarettenstummel mit einem Laubbläser vor sich her. Einige Rennradfahrer frühstücken bei K&U. Nichts weist darauf hin, dass im Keller eines der Häuser eine Afterhour-Party stattfindet.

Nur eine junge Frau scheint nicht so recht in diese Szenerie zu passen. Sie trägt beige Hot Pants und hat eine zeitgemäße Undercut-Frisur. Sie lehnt im Türrahmen zum KGB-Klub und raucht. "Zur Afterhour?", frage ich sie. Sie nickt und streckt mir ihre Hand entgegen. "Komm mit", sagt sie, und: "Ich heiße Kristin. Und du?"  

Inneneinrichtung und Deko

Ich betrete den KGB-Klub das erste Mal nach dem Betreiberwechsel im Januar 2011. Damals entflammte eine hitzige Diskussion zu Frage, ob der neue Inhaber etwas am Interieur verändern dürfe oder nicht. Und weil Freiburg in Sachen Clubveranstaltungen und Veranstaltungsorte besonders konservativ ist, lautete der Tenor einstimmig: Nein, es soll alles so bleiben, wie es ist.

Entsprechend schwer fällt es mir, bauliche oder gestalterische Neuerungen auszumachen. Nur ein paar schwarz-weiße Pixelgesichter grinsen mir von den Wänden und Lüftungsrohren entgegen. Diese Deko-Elemente tragen jedoch die Handschrift der Bassblüten- und Dorfpunkx-Leute, die sich für ihre Clubnächte stets ein kleines Deko-Element ausdenken. Nichts Übertriebenes, aber dennoch ein optisch ansprechender Akzent.  

Wer war da?

Auf einer guten Afterhour und damit auch bei den Dorfpunkx sind stets anzutreffen: Erstens, ein Techno-Kevin. Er ist höchstens 21 Jahre alt, trägt bevorzugt weiße Jeans, Sonnenbrille, Gel-Frisur und ein T-Shirt mit dem Aufdruck "The Kids Want MNML". Ach ja, zum 1. Januar 2012 hat er seine Bling Bling-Stecker gegen Flesh Tunnels ausgetauscht. Zweitens, eine Goa-Mia mit offen getragener Löwenmähne, luftigen Röcken und einem weiten T-Shirt mit Trompetenärmeln. In einer Hand hält sie eine Wasserflasche, in der anderen den Stummel einer konisch zulaufenden Selbstgedrehten. Sie tanzt gerne barfuss, auch durch Whisky-Cola-Pfützen und Bierglasscherben. Wer mit ihr ins Gespräch kommt, erfährt noch vor ihrem Namen, dass sie's gerne Französisch mag.

Außerdem stet's anzutreffen: drittens, Holger, den Zukunftsforscher. Er ist groß gewachsen, hat eine schwammige Figur mit leichtem Männerbrustansatz, dünnes Haar und eine Nickelbrille. Vor ihm sollte man sich in Acht nehmen, denn er ist sehr redselig und verwickelt jeden, auch den Barmann, in popkulturelle Diskurse und die neuesten Suhrkamp-Erscheinungen. Früher war er mal Lebensmittelchemiker, doch seit ihn die UFO's... Ach!

Schließlich wird man immer auch einer Jessica begegnen. Sie ist ungefähr 1,70 Meter groß, trägt Dickies-Chinos, ein Schmetterlings-Tattoo am Nacken und einen Delfin, der zum Sprung über den Venushügel ansetzt. Sie gilt es zu bewahren vor den Jungs, die unablässig auf ihren tanzgestählten Hintern glotzen. Ansonsten: Freiburg hat nun wirklich keine eingeschworene House- und Techno-, geschweige denn Afterhour-Szene. Doch das ist nicht weiter schlimm und trägt dazu bei, dass die unterschiedlichsten Sub- und Feierkulturen im KGB-Klub aufeinander treffen.

Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Irgendjemand hat einmal geschrieben, dass die Musik auf einer Afterhour etwas ganz besonderes sei. Sie sei so anders und so leicht - womöglich war es Tobias Rapp in "Berlin, Techno und der Easyjetset", dieser unsäglichen Lobeshymne auf die Berliner Feierkultur. Don Kanalie sei Dank, entspricht die Musik im KGB-Klub nicht der Rapp'schen Beschreibung. Das Bar25-Geplucker braucht wirklich kein Mensch!

Das Dorfpunkx-Oberhaupt zieht vielmehr ein Rave-Brett nach dem anderen aufs Deck. Schwere Kickdrums bollern aus den Boxen, dicke Bässe drücken auf den Brustkorb, immer wieder wehen Dub-Chords durch den Raum. Aus diesen Loops knüpft Don Kanalie ein hypnotisierendes Netz, das alle einfängt, sobald sie den Raum betreten. Wer dazu nicht tanzt, ist entweder schon hinüber oder noch nicht so recht angekommen.

Techno-Kevin kümmert sich mit einem unnachahmlichen Stampfschritt um die Abnutzung seiner Hüft- und Kniegelenke. Jessica wippt mit ihrem Becken, hebt zwei Mal links, dann zwei Mal rechts den Fuß, und wieder von vorne. Das ganze erinnert an Trockenübungen auf dem Step-Gerät im Fitnessstudio. Goa-Mia ist der Sound zu hart. Auch die trancey Harmonien können sie nicht mehr auf der Tanzfläche halten. Sie verlässt den Raum, geht nach draußen, dreht sich eine Zigarette - und hat kein Feuer. Ich helfe ihr aus. Das war ein Fehler.

Sie umarmt mich, presst ihren Körper an den meinen und flüstert: "Ich bin so underfucked." Ich kann mich kaum aus ihrer Klammerumarmung lösen. Sie packt mich an den Handgelenken. "Komm schon", sagt sie und zieht mich zurück in die Dunkelheit. Meine Rettung heißt Alkohol. Ein Bekannter von Goa-Mia steht am Treppenende, in der Hand zwei Drinks. Er reicht ihr einen. Sie leert ihn mit zwei, drei hastigen Zügen. Zeit genug, um zu verschwinden.

Auf dem Klo um halb elf

Wer mit wem und was - das bleibt ein Geheimnis!

Catering und Getränkekarte

Eine Bitte, nein, ein Befehl an das Bar-Team: Zur nächsten Afterhour müssen auch Heißgetränke ausgeschenkt werden. Kaffee, Grüntee oder Verbena-Tee, heißes Ingwerwasser und dergleichen. Schließlich gibt es auch Clubgänger, die straight edge leben!

Aufregerle

Das "Aufregerle" steht draußen vor der Tür. Dabei handelt es sich um einen hoch aufgewachenen Kerl mit Gel-Frisur à la Guttenberg. Passend dazu: Sein khakifarbener Cord-Janker mit Lederflicken an den Ellenbogen. Er bittet mich um eine Zigarette. Ich reiche ihm eine. "Du bist Freiburger", sagt er. Und weiter: "Nur Provinznasen rauchen diese Marke." Er setzt zu einer Schimpftirade auf die Stadt, den Breisgau und den Schwarzwald. Alles öde, alles scheiße. Woher er denn komme, will ich wissen. "Hamburg", behauptet er. "Nicht auf die Bucerius geschafft?", frage ich ihn. Seine Antwort: "Arschloch!" Hach.

Aufheiterle

Auf einmal steht sie neben mir. dunkle Haare, schmale Lippen, ein paar Schweißperlen auf der Stirn. Wir tanzen einige Minuten nebeneinander. Immer wieder treffen sich unsere Blicke. Sie lächelt kurz. Ich erwidere das Lächeln. Wir tanzen weiter, schauen uns wieder an, ich lächle, sie erwidert es. Es folgt die Frage nach einer Zigarette. Noch während ich ihr eine geben möchte, legt sie ihre Hand in meinen Nacken. Sie küsst mich. Wir küssen uns. Und bald darauf verlassen wir den KGB-Klub. Kann es wirklich so schnell gehen?

Fazit

Die Dorfpunkx-Afterhour war eine ausgezeichnete Wahl, die Samstagnacht ausklingen beziehungsweise den Sonntag beginnen zu lassen. Die Heterogenität der Crowd hat der Feierei keinen Abbruch getan. Im Gegenteil. Alle waren gekommen, weil sie etwas suchten. Und viele wussten dabei noch nicht einmal, was sie suchten.

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[Symbolbild: fudder-Archiv]