Nightlife-Guru: 60 Nackte tanzen durchs Freiburger Theater und nichts passiert

Nightlife-Guru

"Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse, Tanztheater dieser Stadt", sang Dirk von Lowtzow einst über unser beschauliches Freiburg - und unser Nightlife-Guru mit ihm. Trotzdem war er am Mittwochabend im Theater bei "A Song to..." - mit 60 nackten Tänzerinnen und Tänzern. Wie's war:



Der erste Eindruck

Etwa 60 Menschen, darunter 16 Profitänzer, der Rest Freiburger und -Innen, die per Aufruf dazukamen, kommen nackt in einen weiten Kreis auf die Bühne – das Saallicht noch an, der Gedanke dazu: dies ist ein Rahmen, in dem man diese Leute nicht unbekleidet wahrnimmt, sondern in einer anderen Sphäre, im Schutz einer weiten Bühne, als Kunstform. Guter erster Eindruck, immerhin.

Dann dreht sich jeder zweite um, sie fangen an, sich an den Oberarmen zu verschränken, sich gegeneinander zu drücken und als das Licht ausgeht, startet ein Theaterabend, der trotz nackter Körper kaum packende Bilder zu bieten hat und mit dem extremen Thema nullkommanull anzufangen weiß: Die Mehrzahl der Nackten verschwindet wieder und es beginnt, bei stark abgedunkeltem weißen Licht, ein gebückt-Stehen, das an den "Hund" aus dem Yoga erinnert – nichts, was ein besonders starker Einfall wäre, aber wie viele schwache Bilder an diesem Abend oft acht Minuten zu lang durchgezogen wird.    

Sie wirken da wie Insekten, oder eine Art Kaulquappen, die aus einer dunklen Ursuppe an Land gehen, manche bilden Gruppen, manche zucken rum, zwei bilden so eine Art "Adam & Eva", links im Hintergrund etwas, was zwischen mystischem Laokoon-Kampf und einem Dreier oszilliert.

Die Choreographie

Der Programmzettel verspricht "Auseinandersetzung mit  (…) Konzepten monumentaler Kunst", man will sich der "Menschheitsgeschichte in all ihrer Ambiguität" widmen. Praktizieren mag man "…ein stilles Aufbegehren gegen ein antropozentrisches Weltbild und appelliert an tiefer liegende Seins-Strukturen jenseits des Menschlichen, bei denen die Frage, ob Mensch, Objekt, Tier oder Amöbe keine Rolle mehr spielt." Menschheitsgeschichte und jenseits davon – darunter nimmt ein "Stadttheater" den Betrieb gar nicht mehr auf, schon klar.

Dann beginnt das erste von zahllosen, episch zelebrierten Nackt-Rennen im Bühnenrund – der Betrachter weiß nicht, ob es um erste olympische Wettkämpfe, Menschen auf der Flucht oder nur die Flitzer der anstehenden EM geht. Eine rothaarige Frau stapft später über die Bühne – eine Referenz an feministischen Protest, vielleicht aber auch ans "Ministerium für komische Gangarten" von Monty Python.

Im Hintergrund an der kahlen Bühnenwand zur Hinterbühne steigen ein paar Nackte einen Haufen nackter Leute hoch, vorne kämpfen derweil zwei Männer bis sie seitlich aus der Kulisse fliegen. Das zeichentrickhafte Scheppergeräusch findet tatsächlich ein Teil des Publikums todwitzig – schön für ein Stadttheater, wenn das Niveau seines Publikums so runtergedimmt ist, dass es sich auf den Humor von Furzkissen, Spritzblume und Sahnetorte einigen kann.

Bei den folgenden Szenen kriechen Leute acht Minuten zu lang rum und man weiß wieder nicht, ob gerade das Robbensterben oder die Schützengräben des Ersten Weltkriegs Thema sind.

Egal, man muss automatisch an Harald Schmidts Rubrik "modernes Tanztheater" denken (damals in "Schmidteinander": er und Feuerstein im Glaskasten, typischer schwarzer Tanz-Einteiler und barfuss, dazu die immergleiche Zwölftonmusik, eingeblendet wurde dazu jede Woche ein neues Thema, etwa "Tschernobyl") Und man erinnert sich des Textes "Ein bisschen lauter, bitte!" von Woody Allen, in dem dieser bekennt, dass er bei Pantomimen auch nie weiß, was er gerade gezeigt bekommt: "Entweder blies er Glas oder er tätowierte die gesamte Studentenschaft der Northwestern University. Es hätte aber auch ein Männerchor sein können – oder jener große, ausgestorbene Vierfüßler, dessen versteinerte Überreste im Norden bis zur Arktis gefunden wurden."

Wer war da?

Vor Ratlosigkeit schaut man sich im Saal um, – unten ist immerhin fast jeder Platz der ersten von nur zwei Aufführungen belegt, die Ränge sind gar nicht erst in den Verkauf gegangen – ob irgendwer das spannend findet.

Man ist schließlich zu Gast in einem Gemischtwarenhaus, das von Urban Gardening über Sonnenaufgänge bis zu Parkinsontagungen bereits so ziemlich alles zu Theater umgerubelt hat und jetzt mit dem Nackttanz den ultimativen Pfeil aus dem Köcher zerrt: Hinter uns in der drittletzten Reihe gähnt eine Studentin, das alternative Kulturehepaar nebendran richtet tatsächlich zwei gewaltige Ferngläser auf die Bühne, hey, es geht doch um Nähe zur Kunscht!

Und dann?

Sechzig von rund fünfundsiebzig unspannenden Minuten sind rum, es wird gerannt, gerobbt, gekost und gekämpft, Menschheitsgeschichte mit Mensch, Objekt und Tier eben, zwischendurch wird als einziger Sound mal ein Brummen eingespielt, das Licht ist mal heller und mal dunkler weiß, die Bühne so nackt wie die Darsteller und alles so magathös qualvoll, wie man sich einen Abend mit sovielen Nackten nie ausmalen hätte wollen – aber dann geschieht doch noch etwas:

Eine der Frauen, Mitte 40, verlässt die Bühne und schreitet durch den frei gehaltenen Platz zwischen der teuersten und zweitteuersten Preiskategorie von links nach rechts durch die Zuschauer, aus den Saaleingängen des Großen Haus kommen nun nach und nach die ganzen anderen, äh, Tänzer und nehmen Kurs aufs Schlussbild Richtung Bühne (wo dann wieder ein wenig gerannt wird).

 

Die nackten Freiburgerinnen und Freiburger

Erleichterung zum einen, Erkenntnis zum anderen: Das hier ist ein toller Abend für Leute, die sich etwas trauen. Einmal nackt auf der Bühne und auf den Fluren im Stadttheater stehen, Hut ab, das ist Mutprobe XL – zehnmal so verrückt wie ins nächtliche Schwimmbad einsteigen, sich ausziehen, über die Wiese wälzen und eine Arschbombe machen – wobei dort auch keiner 20 bis 27 Euro fürs Zugucken zahlt und kein Programmtext zu "zwiespältigen Dynamiken der Masse" bereit liegt.

Entsprechend wohlwollend und ja, wofür-auch-immer frenetisch fällt der Schlussapplaus der Allesversteher und Angehörigen für die lokalen Helden aus. Sie haben sich der Idee der Choreographin Mia Habib ausgesetzt, die dafür stattliche sechs Veranstalter sowie 12 weitere Kooperationspartner und Unterstützer aus ganz Europa herbei subventioniert hat.

Fazit

Der Kreislauf war dann irgendwann einmal zu Ende, die Verbeugung machen alle Akteure wieder in ihren zivilen Klamotten. Letzter Gedanke: Noch weniger herzeigbar wäre das nur gewesen, wenn sie was angehabt hätten. Und ein Abend mit 60 Nackten, einer leer geräumten Riesenbühne, mit nur drei Lichtstimmungen, ohne jegliche Requisite, Musik oder gar Humor hat etwas ziemlich Radikales – es bleibt ein ewiges Geheimnis, wie man daraus ein derart unprovokatives, unterhaltungsarmes und fades Tanzklimbim machen kann.

Mehr dazu:

Was: "A Song to..."
Wann: Freitag, 10. Juni 2016, 19 Uhr
Wo:
Theater Freiburg

[Foto: Fudder]