Nighlife-Guru: Soundcity 2008

Nightlife-Guru

Freiburgs "lange Nacht der Musik" heisst Soundcity Freiburg. Eine Veranstaltung, bei der sich mit einem einzigen Ticket verschiedene Locations abklappern lassen. Zehn Clubs, fünfzehn Tanzflächen, 30 Disc-Jockeys. Etwas Neues ausprobieren oder auf "alt und bewährt" setzen? Der Freiburger "nightlifeguru" hat sich umgesehen:



(Die Jungs) An der Tür

Gefühlte zwei Stunden stehe ich bereits an, trete, leicht genervt, von einem Bein aufs andere. Endlich. Die lange Schlange der Wartenden setzt sich in Bewegung. Mit erfahrenem Blick mustert mich der muskelbepackte Türsteher, überprüft mich anhand seiner Auswahlkriterien auf meine „Echtheit“ und „Partytauglichkeit“. Eine angedeutete Geste seines Zeigefingers, und ich darf mich glücklich schätzen, zu den wenigen Ausgewählten zu gehören, denen an diesem Abend der Zugang zu den Clubs nicht verweigert wird.

Szenen wie diese, für Clubgänger in Berlin, Frankfurt oder Zürich an der Tagesordnung, kenne ich aus Freiburg nicht. Und so erstaunt es mich auch nicht, dass ich, ob Drifters, Kamikaze, Karma oder Liquid, sofort eingelassen werde. Ja sogar scheint es mir, als ob sich sämtliche Türsteher Freiburgs an diesem Samstagabend darüber freuen, sich wenigstens um einen Partygast kümmern zu können.





Wer war am Start?

Da mein Abend auf den unterschiedlichsten Bühnen des Freiburger Nachtlebens stattfand, zeigte mir die Stadt vom Fashion-Victim bis hin zu Herr und Frau Normalverbraucher eine bunte Vielfalt an Gesichtern, Frisuren, Styles und Trends.

Besonders ins Auge stachen kleinere und größere Grüppchen hübsch gestylter Abiturientinnen. Wohl angeregt durch die warmen Sonnenstrahlen am Nachmittag, liefen sie bevorzugt in Jeans-Mini oder zarten Kleidchen auf.

Unerträglich: Männer oder Frauen, die zur Stag Night, zum Junggesellenabschied, die Freiburger Innenstadt in Horden überrennen und der sonnenverwöhnte Nachmittag ließ sie nur noch zahlreicher die Straßen erobern.

Inneneinrichtung & Deko

Corporate Design“ und „Corporate Identity“ – diese zwei Fachbegriffe aus der weiten Welt des Marketing sehe ich an diesem Abend nur durch die groß angelegte Plakataktion im Vorfeld der Soundcity Freiburg verwirklicht.

Ist es nicht Sinn und Zweck eines (Club-Musik-) Festivals, dass auch und gerade die Bars und Clubs unter einer einheitlichen Inszenierung, einem einheitlichen Profil nach außen wie nach innen auftreten?

Wer sind die Freiburger Clubs? Was zeichnet sie aus? Wie kann mich – beispielsweise ein Drifter’s, Liquid oder Scores – überzeugen, in Zukunft nur noch in ihren Räumlichkeiten auszugehen?

Diesen Fragen bin ich den ganzen Abend, die ganze Nacht hindurch nachgegangen, ohne eine Antwort darauf zu finden. Daher meine Frage an die Leser: Wie erging es euch?





Partyatmosphäre

Ein greller Blitzstrahl zuckt durch das dunkle Gewölbe. Durchfährt meinen Körper. Streckt mich nieder und konfrontiert mich mit der harten Wirklichkeit des Freiburger Nachtlebens: Noch bevor die Sonne aufgeht, ist die Party zu Ende.

Geblendet durch das gnadenlos unsanft hochgefahrene Licht, taste ich mich die Treppenstufen hinauf, an die Bar. „So seht ihr also aus, wenn das Licht an ist“. Mit diesen Worten nimmt die junge Brünette die leeren Bierflaschen entgegen. „Bist Du jetzt enttäuscht?“ Für einen Augenblick schließt sie die Augen, ein Lächeln kommt auf ihren Lippen auf. „Durchaus nicht.“

Ich verlasse den Klub Kamikaze und überlege, wohin ich denn noch gehen könnte. Ein Blick auf die Uhr zwingt mich zur Einsicht. Bis zur Afterhour im „Z“ werde ich noch eine gute Stunde warten müssen.

„Ich zieh’ los, alles ist ruhig und schmoove und ich geh’ wie auf Watte…“ Die Worte des Songs des Hamburger Musikers Jan Delay „Die Party ist zu Ende“ in den Ohren trete ich den Weg nach Hause an.

Ein junges blondes Mädchen kommt mir entgegen. Sie scheint tatsächlich „wie auf Watte“ zu gehen, denn sie hat ihre Schuhe ausgezogen und läuft barfuß über den Asphalt. Vor Überhitzung gerötetes Gesicht, bläulich verfärbte Lippen, führt sie ein heiteres Gespräch. Mit sich selbst. Nähe- und liebesbedürftig scheint sie zu sein, warum wohl würde sie sonst einen Fahrradsattel zärtlich streicheln?

Wieder zurück in den Klub Kamikaze, Eddy Constantin an den Decks. Sein Set ist geprägt durch die Kölner / Hamburger Elektro-/Minimal-Schule und insbesondere der Piemont-Remix von Richard Belsoms „Banshee“ lässt mich mit seinen daddeligen Elementen für einen kurzen Moment Raum und Zeit vergessen. Die Crowd geht gut ab zu seinen Sounds, kein Bein bleibt ruhig und als Jan Ehret und Carla Commodore den Floor mit „Nu-Rave“-Wellen aus dem Hause Kitsuné, Ed Banger oder Institubes überfluten, gehen die Hände in die Luft.

Orts- und Szenewechsel. Die Maria Bar. Nur noch wenige sitzen an den Tischen, halten sich an einem Heineken oder White Russian fest. Aus der Körpersprache übersetzt: „Wir wollen noch bleiben.“

Nur viel zu selten sehe ich, dass auch in Bars getanzt wird. So ist es nicht verwunderlich, dass die Belegschaft auf eine kleine Gruppe junger Männer und Frauen (herab-)blickt, die sich zu den ausgewählten Disco- und Boogie-Songs von Shaddy & Kowski bewegen.

Takte später stehe ich auf der Straße.

Entsprechend der Aufforderung der Veranstalter „wage ich mich in neue Gefilde“ und gehe ins Scores. Ersten Verdacht schöpfe ich, als mich der Türsteher übertrieben freundlich begrüßt. Mein Verdacht verfestigt sich, als mir auf der Treppe ein junger Mann begegnet. „Ich geh’ jetzt ins / in die Nachtschicht. Hier ist mir zu wenig los.“

Er hat recht: Die Tanzfläche ist, wie der ganze Club, bis auf ein paar wenige Jungs und Mädels leer. Ich vermute: leergefegt durch die DJs, die den Floor mit ihrem Sound durchkneten. Einer der DJs beschreibt seinen Musik-Stil auf seiner MySpace-Seite mit folgenden Worten: „Im Moment sehr elektro-lastig.“ Für wahr, diese Musik sägt kräftig an meinem Hörnerv.

Eine Viertelstunde später stehe ich auf der Straße und nehme wieder Kurs auf bekanntere Gefilde…





Catering & Getränke

Im Scores löse ich den Getränkegutschein ein, beziehe mein Freigetränk. Eine künstliche Blondine reicht mir eine Dose mit Strohhalm über den Tresen.

Ich bekomme RUSHH. Ein Energy Drink, der, den Medienberichten zufolge, vor allem von Hollywoods Sternchen getrunken wird. Paris Hilton, Lindsay Lohan oder P. Diddy gelten als werbeträchtige Aushängeschilder. Doch der „exklusive Energy Drink…im hochpreisigen Premiumsegment“, so jedenfalls die Herstellerangaben, verursacht bei mir Unwohlsein in der Magengegend. Künstlichkeit auch hier.



Kleine Dramen am Rande des Geschehens

Eine Handvoll Abiturientinnen schmachtet uns im Kamikaze sehnsuchtsvoll an. Sie versuchen, sich in Szene setzen, Blickkontakt herzustellen, schenken uns ein Lächeln. Süß. Immer wieder stecken sie die Köpfe zusammen. Tuscheln, treffen Absprachen, die Claims werden abgesteckt. Enttäuschte Gesichter, als wir gehen. Doch bin ich sicher, dass sie an diesem Abend ihr Glück noch gefunden haben.

Fazit


Die sechste Soundcity Freiburg zeichnet sich durch viele Einzelveranstaltungen aus, deren einziger äußerer sowie innerer Zusammenhang aus dem Kombi-Ticket besteht. Was die Veranstalter dazu bewegt, gedrängt hat? Ich werd’s wohl nie erfahren.

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