Niemand darf ihn tunken

Roger Graf

Nie ist Bond so verletzlich gewesen, nie so ambivalent, nie so hart und nie so gut. Mit "Casino Royale" beginnt eine neue Bond-Ära, in der die Produzenten beinahe alles wegräumen, was die bisherigen und besonders die jüngsten Filme zu einer Parodie ihrer selbst verkommen ließ.



Pierce Brosnan spielte Bond so snobistisch und überheblich, dass alles von ihm abprallte. Die Glaubwürdigkeit zu allererst. Die Gadgets, die er nutzte, wurden immer abgefahrener und lächerlicher. Die Unterhaltung des Publikums äußerte sich eher durch leichtes Schmunzeln denn durch Spannung. Nun gibt Daniel Craig den Bond. Blond, blauäugig, aber genial. Er lässt sich schwer mit den anderen Darstellern vergleichen, da er die Rolle völlig anders angeht, sie quasi neu erfindet. Außerdem bewegt er sich innerhalb einer abgewandelten Thematik.


007 steht in Casino Royale noch am Anfang seiner Karriere und muss sich seine Sporen erst verdienen. Das tut er auf schmerzhafte Weise, physisch wie psychisch.

Im neuen Abenteuer erfährt der Zuschauer endlich, wie Bond zu dem wurde, was er ist. Weshalb er keine wahren Gefühle zulassen will. Weshalb er niemandem vertraut. Craig spielt den Agenten herrlich zerrissen.

Einerseits selbstverliebt und arg von sich überzeugt. Andererseits sich ständig fragend, welchen Weg er eingeschlagen hat und ob es der richtige ist. Wenn er vorm Spiegel steht, das Blut aus dem Gesicht waschend, nachdem er gerade zwei Männer getötet hat und sich selbst in die Augen sieht, meint man die Frage zu hören: Was hast du nur getan? Diese Zerrissenheit zieht sich durch den ganzen Film. Als M ihm einbläut, er solle auch über die moralischen Konsequenzen seiner Taten nachdenken, stellt Bond trocken fest: „Sie wollen also, dass ich halb Mönch, halb Killer bin.“ Dieser Satz trifft es genau.

Trotz aller Zweifel geht 007 seinen Weg. Dass er dabei Fehler macht und einige Male in die Bredouille gerät, macht ihn nur menschlicher.

In Zeiten, in denen jeder Held Gefühle zeigt und von Zweifeln geplagt ist, muss auch ein Superspion erkennen, dass er nur Mensch ist. Früher konnte man davon ausgehen, dass Bond das alles locker schafft. Ab jetzt fragt man sich aber nicht nur ob, sondern auch wie er alles schaffen will. Eine neue Spannung entsteht.

Worum geht es überhaupt? James Bond hat eben erst die Lizenz zum Töten in Empfang genommen, da hat er auch schon seinen ersten Auftrag. Er soll Le Chiffre stoppen, den Geldverwalter einer internationalen Verbrecherorganisation. Bond soll ihm sein gesamtes Geld beim Pokern in besagtem Casino Royale abnehmen. An des Agenten Seite steht die attraktive Vesper Lynd (Eva Green), die aufpassen soll, dass Bond nicht das gesamte Geld verspielt und England somit indirekt den internationalen Terrorismus unterstützt.

Bonds Chefin M (Judi Dench) ahnt natürlich noch nichts von dessen Charme. Vesper und James verlieben sich und los geht’s mit den Komplikationen.

Trotz der neuen Gefühle bleibt dem Film genug Platz für krasse Actionszenen, spannende Duelle (das gut inszenierte Pokerspiel und die Folterszene, die genauso in Ian Flemmings Romanvorlage steht), machoeske Dialoge („Sie sind nicht mein Typ.“ „Zu klug?“ „Single.“) und Product Placement. Letzteres zum Glück nicht gar so penetrant wie beim Vorgänger. Auch M ist wie erwähnt wieder mit von der Partie, dafür mussten Q, R und Monypenny ihren Platz räumen. Sprüche, böse, charismatische Gegner, schöne Frauen, exotische Drehorte, all das ist zum Glück geblieben.

Dafür gibt Craig seinem Bond ein variationsreicheres Mienenspiel als Bösgucken und Smartlächeln. Casino Royale ist einer der besten Actionfilme des Jahres und mit großer Wahrscheinlichkeit einer der besten Bondfilme bisher. Und wenn 007 am Ende des Films endlich den Satz sagt „Bond. James Bond“, freut man sich wie schon lang nicht mehr auf den nächsten Film mit dem Geheimagenten.