Nichts als Gespenster: Schönheit von Traurigkeit

Alexander Ochs

Man nehme einen Bestseller als Vorlage, schnappe sich die Crème de la Crème der deutschen (Jung-)Schauspieler, drehe in fünf Ecken der Welt – und heraus kommt…was eigentlich? Ein lakonisches, handwerklich brillantes Roadmovie. Gestern war Regisseur Martin Gypkens im Friedrichsbau zu Gast.



USA, Deutschland, Italien, Island und Jamaika. Das sind die Schauplätze für fünf parallel erzählte Geschichten, die unterschiedliche Figuren auf Reisen zeigen. Auf der Suche.

  Ein junges Paar durchquert die Vereinigten Staaten, wie Fremde reisen Ellen und Felix nebeneinander her. Zwei Beziehungsgefrustete, Irene und Jonas, besuchen Freunde in Island. Zwei Freundinnen, Nora und Christine, relaxen auf Jamaika, in Erwartung des großen Hurrikans.

Caro bändelt in der deutschen Provinz mit dem Schwarm ihrer besten Freundin Ruth an, dem coolen Raoul – der Albtraum jeder festen Beziehung, vielleicht aber auch der Traum für jeden One-Night-Stand. Eine Frau, gerade 30 geworden, läuft sich die Hacken wund in Venedig – und hat dabei unter ihren Eltern und einem irritierenden Kerl zu leiden.



Alle diese Storys bebildern die Normalität und das Nomadentum der 30- bis 40-Jährigen. So fängt der Film das Lebensgefühl einer Generation ein: der Thirty-Somethings. Alle Figuren haben etwas gemeinsam: Sie sind unterwegs, sie wollen etwas erleben, sie sehnen sich – aber wonach? Ja, nach dem Abenteuer, dem Glück, der Liebe. In zwei Stunden entfaltet Regisseur Martin Gypkens langsam und leise ein Panorama der Landschaften, der Gewohnheiten, des Alltäglichen.

Die fünf Handlungsstränge sind verschieden eingefärbt, die Temperaturunterschiede der gezeigten Landschaften extrem – brütende Schwüle auf Jamaika, Schnee in Island –, doch der Seelenzustand bleibt gleich, atmosphärisch dicht, zugleich gespenstisch in der Schwebe. Möglich macht dies der faszinierend gute Schnitt des Films. Und obwohl dieses Roadmovie von Schnitten nur so wimmelt, ist es ein ruhiger, melancholischer, ja handlungsarmer Film.



Der Schnitt ermöglicht es, dass der Zuschauer sanft durch die episodische Struktur gleitet. Handwerklich ist der Film brillant. Banales Beispiel für den schnittigen Schnitt: Ein Paar beim Sex. Nächste Einstellung: Billardspiel, eine Kugel wird eingelocht.

Der 38-jährige Martin Gypkens hat für seinen zweiten Kinofilm fünf Kurzgeschichten der Bestsellerautorin Judith Hermann verfilmt. „Die Bücher fand ich extrem visuell und sehr filmisch. Das war der Auslöser“, meint der Regisseur im anschließenden Gespräch im prallvollen Kinosaal des Friedrichsbaus. „Ich wollte das Alltägliche zeigen und das ‚Dahinter’: der Versuch, Innerliches darzustellen“.



Ein aufwändiges Projekt, eine logistische Meisterleistung der Produktion, wie Gypkens selbst sagt. Obendrein prominent besetzt.

Denn auch die beeindruckende Schauspielerriege ist Garant dafür, dass der Film funktioniert: August Diehl, Stipe Erceg, Fritzi Haberlandt, Janek Rieke, Jessica Schwarz, Maria Simon und Wotan Wilke Möhring. Sie transportieren und vollenden das Konzept des Regisseurs – „die Schönheit von Traurigkeit“, wie er sagt.



Und was meint das Publikum? Eine Zuschauerin aus den hinteren Reihen: „Ich hätt’ halt gern mal ’n Film, wenn ich ins Kino geh’, der ’n Anfang hat und ’n Ende.“ Das Ende, so gibt der Regisseur zu bedenken, bleibt offen. „Aber immerhin gibt es eines!“, fügt er schelmisch hinzu. O-Ton Gypkens: „Einfach sitzen und gucken.“ Die Lücken schließen muss der Zuschauer.

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  • "Nichts als Gespenster" läuft im Friedrichsbau von Freitag (7.12.) bis Mittwoch (12.12.) jeweils um 21.20 Uhr