Nicht vergessen: Der Papst war da! Papstbänke in der Bank

Martin Jost

Schon wieder was mit Papst. Der Papst war ja vergangenes Jahr in Freiburg, übrigens. Gefühlt das größte und großartigste Ereignis, das je auf dieser Stadt abgeladen wurde. Hinterlassen hat der heilige Stuhl einen Haufen Sitzbänke. Weil man aber gar nicht so viel sitzen kann, wie es Bänke gibt, wird aus ihnen jetzt sogar Kunst gemacht. Und in einer Bank ausgestellt.



Ich besichtigte mal mit meinem Neffen eine barocke Kirche. Er wollte alles antatschen, die Oberflächen jeder Putte ertasten, jede steinerne Jungfrau berühren. Als einziger Erwachsener in der Nähe fühlte ich mich berufen, ihn ständig zu ermahnen: „Nicht anfassen! Nicht anfassen!“ Kurz hinter uns betrat eine geführte Gruppe Blinder die Kirche. Ihr Anführer bat sie: „Schwärmen Sie einfach aus und befühlen Sie erst einmal alles in Ruhe.“ So ähnlich muss sich Bollschweils Bürgermeister Josef Schweizer gefühlt haben. Er musste im Frühjahr ziemlich einstecken, nachdem er mit seinem Kolleg’ eine Papstbank durchgesägt hatte.


Zur selben Zeit erlaubten sich sechs Künstler viel Schlimmeres mit ihren Papstbänken. Mitunter lässt sich nicht mal mehr auf den Stücken sitzen. Ihnen widmen die Erzdiözese Freiburg und die Sparkasse eine Ausstellung. „5m Zeitgeschichte. 6 Künstler. (Kunst)Papstbänke. Und eine (Foto)Ausstellung“, so der Titel des Projekts. Das Wortspiel „Bänke in der Bank“ sitzt einsam im Wortspielhimmel und weint, weil es als einziges niemand in den Flyer getextet hat.



Seit der Papst wieder weg ist, stehen sie überall in der Gegend herum: die fünf Meter langen fetten Holzbänke in Schienbeinhöhe finden sich auf Plätzen, in Gärtchen oder Foyers. 5.000 nummerierte Exemplare aus 2.000 Bäumen wurden für die Papstmesse auf dem Flugplatz vergangenen September hergestellt. Weil Freiburg die grünste Stadt des Erdkreises ist, wurden die Bänke nach dem Gottesdienst als Einzelstücke verkauft, wie auch die LKW-Plane der Altarinsel in hippen Umhängetaschen recyclet wurde.

Übrige Bänke wurden zu Kunst gemacht. CW Loth hat eine blau lackierte Papstbankplastik („Demut im eigenen Haus“) gezimmert, Johannes Bierling eine rot lackierte („Himmelsleiter“). Loths Alleinstellungsmerkmal ist die Verarbeitung von Holzteilen mit der Kettensäge zu beweglichen, aber nicht auseinander lösbaren Stücken. Bierling hat sich für seine hoch ragende Leiter/Kette irgendwas mit zwölf Gliedern und christlicher Zahlensymbolik überlegt, schreibt die Erzdiözese in ihrer Interpretationshilfe. Aber mal ehrlich: Haste eine bunte Holzplastik im öffentlichen Raum gesehen, hastese alle gesehen.

Gefälliger ist da schon Tobias Eders „DialogBank“, die im Wesentlichen noch die gute alte PapstBank ist, nur mit PapstSprüchen und KirchenZukunftsZitaten und sogar KritischenStimmen. Immerhin was ZumLesen.

Marco Schuler macht sich übergriffiger an christliche Symbole ran: Er hat das Gipfelkreuz auf dem Kandel, Symbol für die „Christianisierung des Sehnsuchtsorts Gipfel“, komplett in einer aus Papstbänken gezimmerten Skulptur namens „Orbi“ im Telefonzellen-/Festivalklo-/Beichtstuhl-Look eingefasst. Weil man die Originalskulptur im Gegensatz zu den anderen Stücken schlecht kaufen kann, gibt es einen Fotoabzug (2.100 Euro) oder kaffeebechergroße Replikas (750 Euro) zu erwerben. Ein Teil des Erlöses aus allen verkauften Ausstellungsstücken wird an die Demenzhilfe der Freiburger Caritas gespendet.

Herausragend sehenswert sind übrigens die 31 Fotos von Klaus Polkowski. Er hat vor allem die schweißtreibenden Arbeiten hinter den Kulissen des Papstbesuches dokumentiert, in denen profane Werkzeuge wie Kräne oder Muskeln noch an der Geste von Übermenschlichkeit dieses Events heruminszenieren. Was Verarbeitung und Nachbereitung des Papstbesuchs angeht, bringen seine starken Bilder vielleicht am meisten.

Wobei nicht abzusehen ist, wann der Papstbesuch von 2011 eigentlich endet. Wir freuen uns schon auf die unvermeidliche Ausstellung von Coladosen, die an jenem Sonntag leer getrunken wurden.

Mehr dazu:

Was: Ausstellung „(Kunst)Papstbänke“
Wann: bis Freitag, 5. Oktober 2012
Wo: Meckel-Halle der Sparkasse Freiburg, Kaiser-Joseph-Straße 186 (Lichthof hinter der Schalterhalle der Hauptfiliale)
Eintritt: frei