Neuvertrautes: Erkennst du dein Freiburg?

Ines Ploskal

Freiburger zeigen ihren Gästen gern die "historische" Altstadt. Doch hat Freiburg seinen mittelalterlichen Ruf zurecht? Wie historisch sind die Bauten der Innenstadt wirklich? Ines war gestern, am Tag des Offenen Denkmals, bei einer Stadtrallye der anderen Art dabei. Kajo revisited.



Treffpunkt

Kalt aber schön ist es am Sonntag, als ich mich zur „Führung der etwas anderen Art“ unter den Arkaden der Galeria Kaufhof einfinde. Vielleicht etwas zu kalt oder doch zu früh? Lässt der Titel „Tag des offenen Denkmals“ nicht doch eher eine dröge Geschichtsstunde erwarten? Jedenfalls kommen außer mir nur noch ein Ehepaar mit seinen beiden Kindern zur Veranstaltung. Schade, auch für die beiden Organisatorinnen vom Amt für Denkmalpflege Antje Rotzinger und Gitta Reinhardt-Fehrenbach, die sich mit ihrer liebevoll vorbereiteten Fotorallye für Jugendliche ab 12 Jahren viel Mühe gemacht haben. Motto: „Erkennst du dein Freiburg?“

„Wir wollen heute mal einen anderen Blick auf die Kaiser-Joseph-Straße und ihre Gebäude werfen, als es die klassischen Stadtführungen normalerweise tun“, so Antje Rotzinger. Sie greift in ihre Tasche und holt einen Stapel aminierter Originalaufnahmen des Freiburger Stadtarchivs hervor, welche die Stadt in der Vorkriegszeit, kurz nach der Zerstörung sowie nach dem Wiederaufbau zeigen. Immer wieder hält sie die Fotos während der Führung in die Höhe. Es gilt, sie dem heutigen Stadtbild zuzuordnen.



Lange Gass

Wir erfahren zunächst, dass die Kajo im Jahre 1777 Kaiserstraße hieß, davor, im Mittelalter, „Große Gass“ beziehungsweise „Lange Gass“. Bereits damals bildete sie die Haupteinkaufsstraße der Stadt. Auch der Markt wurde dort abgehalten. Im Dritten Reich benannten die Nationalsozialisten die „Kaiserstraße“ in „Adolf-Hitler-Straße“ um, ehe sie nach dem Krieg ihren heutigen Namen „Kaiser-Joseph-Straße“ erhielt.

Am 27. November 1944 wurde bei dem großen Luftangriff auf Freiburg etwa 80% der Altstadt zerstört. Einzig das Martinstor und seine angrenzenden Häuser, sowie die bereits aus Beton gebauten Gebäude der heutigen Volksbank und die Fassade der Sparkasse sowie ihrer links angrenzenden Nachbarhäuser blieben weitgehend unversehrt und sind somit die ältesten noch erhaltenen Gebäude der Kaiser-Joseph-Straße.



Auf einem Originalfoto sehen wir, dass das Stadtbild der Altstadt in den 1920er und 1930er Jahren geprägt war von vielen kleinen, aneinandergereihten Geschäften, die erst durch Ankauf der Nachbarhäuser zu einem großen Gebäudekomplex erweitert wurden, wie wir sie noch heute vielfach auf der Kajo sehen können. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden sich in der Stadt hingegen viele kleine so genannte Behelfsbauten, die die Löcher im Straßenbild stopften, die durch die Zerstörung und die abgebrannten Häuser entstanden waren.

Statt in prächtigen Kaufhäusern mussten die Menschen nun vorübergehend hier ihre Lebensmittel und ihre Kleidung kaufen. Kaum noch vorstellbar, wenn man sich heute auf der Kajo umsieht und die großen, schön dekorierten und mit Fahnen geschmückten Geschäfte sieht. Ganz so leicht ist es nicht, die historischen Bilder zuzuordnen. Denn es wird schnell klar, dass sich da nach dem Wiederaufbau doch einiges verändert hat oder heute gar nicht mehr in der ursprünglichen Form existiert. Auf den alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen deutlich zu erkennende Brunnen oder Tore fehlen heute, ganze Straßen scheinen verschoben. So führt uns, nach kurzem Rätselraten und fragenden Blicken auf die Fotos, die erste Station unserer Tour zum Sparkassengebäude.



Kaufhaus Knopf

Wir erfahren, dass dort in den 1930er Jahren das Kaufhaus Knopf ansässig war, dessen Besitzer, der Jude Salli Knopf, durch Ankauf der beiden linken Nachbarhäuser sein Geschäft zum größten Kaufhaus der Stadt machte. Zudem verband er die Häuser durch eine kleine Brücke, die man heute noch an der Sparkasse sehen kann. In den 1950er Jahren, also nach dem Krieg, entstand hier das Kaufhaus für Alle. In Anlehnung an die ursprünglich aus den 1930er Jahren stammende Jugendstil-Fassade hat man das Gebäude links der Sparkasse heute wieder errichtet.

In Freiburg entschied man sich beim Wiederaufbau des Stadtkerns für die alte mittelalterliche Form anstelle einer modernen Stadt. Und so erzählen uns die beiden Damen mehr über die wohl wichtigste Person im Zuge der Entwicklung und des Wiederaufbaus Freiburgs: Joseph Schlippe. Als damaliger Leiter des städtischen Bauamts entwarf er bereits in den 1930er Jahren Pläne für die Neugestaltung der Innenstadt, die er dann nach dem Krieg als Leiter des Wiederaufbaubüros und in den 1950er Jahren als Leiter der staatlichen Denkmalpflege Südbadens umsetzen konnte. Die Pläne dienten als Vorlage für die Rekonstruktion der mittelalterlichen Altstadt.



Zähringer Hof

Wir gehen weiter zum Bertoldsbrunnen, dem Zentrum der Kajo, einem bereits in den 1930er Jahren sehr stark frequentierter Platz, auf dem sich Autos, Straßenbahnen, Fahrradfahrer und Fußgänger tummelten und befinden uns nun vor der Galeria Kaufhof, einem Gebäude, in dem früher das Kaufhaus Blust und davor der Zähringer Hof, das erste Hotel am Platz, ansässig waren.

Die noch heute sichtbaren Arkaden kamen erst nach dem Zweiten Weltkrieg nach den Plänen Schlippes hinzu, wie fast überall in der Straße, da sie für Schlippe ein typisches Element des Mittelalters darstellten und zudem den Fußgängern eine ungestörte Einkaufsmöglichkeit neben all den Autos und Straßenbahnen boten.



Joseph Müller

Das vorletzte Foto zeigt eines der wenigen Häuser, das die Teilnehmer sofort zuordnen können, da es noch heute so aussieht wie vor dem Zweiten Weltkrieg: Der Volksbank-Komplex. In den 1920er Jahren gehörte es Joseph Müller, der dort Herrenbekleidung verkaufte. Das Gebäude wurde, ebenso wie die komplette Zeile bis hinunter zum Martinstor, im Gegensatz zu den anderen Häusern in der Straße bereits 1938 nach Plänen von Schlippe umgebaut und mit Arkaden versehen.

Das Haus blieb als einziges nach dem Bombenangriff von 1944 fast unversehrt, einzig der Dachstuhl brannte aus. Die Häuserzeile links der Volksbank wurde nach dem Krieg wieder aufgebaut. Zum Schluss werfen wir noch einen Blick auf ein Foto des 1206 errichteten Martinstors und stellen zu unserem Erstaunen fest, dass das ursprüngliche Tor viel kleiner war als heute.



Es wurde um 1900, zur Zeit, als auch die erste Straßenbahn in Freiburg in Betrieb genommen wurde, deutlich vergrößert, da man es als mittelalterliches Stadttor zu klein und zu wenig imposant ansah, sodass man es aufstockte in einer Art, wie man sich um die Jahrhundertwende ein mittelalterliches Stadttor vorstellte. Die Häuser links und rechts des Tors kamen ebenfalls hinzu und sie gehören, gemeinsam mit dem Martinstor, bis heute zu den ältesten noch erhaltenen Gebäude der Altstadt.



Neuvertrautes

Nach einer guten Stunde endet an dieser Stelle unsere Stadtführung. Sie war bereichernd: Ein historischer Stadtkern, der gar nicht mal so historisch und alt ist, wie man bisher vermutet hat, sondern in weiten Teilen einfach nur wiederaufgebaut wurde nach Plänen, wie man sich eine mittelalterliche Stadt vorstellte. Die noch erhaltenen Gebäude zeugen von einem Freiburg, das viele gar nicht kennen oder sich vorstellen können und das auch ein bisschen in Vergessenheit geraten ist.

Mit dem zu Anfang versprochenen „anderen Blick auf die Gebäude“ schlendere ich über die heutige „moderne“ und mir vertraute Kajo nach Hause. Und doch fällt die Vorstellung noch immer ein bisschen schwer, dass sich in einem der heute größten Kreditinstitute in den 1920er Jahren ein Herrenausstatter befunden hat und das Gebäude eines großen Kaufhauses ein Hotel beherbergte.