Psychologische Landkarte

Neurotisch und offen für neue Erfahrungen: So ticken die Freiburger

Anika Maldacker

Die Freiburger sind etwas neurotischer als die Menschen im Umland. Aber offener als die Menschen im Norden. Woran liegt das? fudder hat mit Michael Wyrwich, der eine Studie zur Persönlichkeitsstruktur der Deutschen gemacht hat, gesprochen.

"Die psychologische Deutschlandkarte" heißt die Studie, die Wissenschaftler der Friedrich-Schiller-Universität Jena angefertigt haben. Darin werden Klischees bestätigt, wie das die Norddeutschen unterkühlt sind und die Süddeutsche gemütlich.


Mehr als 73.000 Personen haben an einem Online-Fragebogen teilgenommen. fudder hat mit Michael Wyrwich von der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Jena, der an der Studie beteiligt war, über die Freiburger und ihr Persönlichkeitsprofil gesprochen.

Herr Wyrwich, Großstädter sind weltoffen, Landbewohner eher zurückgezogen – stimmt das, wenn man die Freiburger mit den Menschen im Umland vergleicht?

Michael Wyrwich: Vergleicht man die Stadtbewohner mit den Menschen aus den Landkreisen Breisgau-Hochschwarzwald, Emmendingen, Ortenau, sieht man, dass die Städter leicht offener sind als im Umland. Der Unterschied ist gering, aber im Vergleich zu anderen Unterschieden in der Studie nicht zu vernachlässigen. Man findet einfach das allgemeine Stadt-Land-Muster auch hier wieder.

Wie offen sind die Freiburger im Vergleich zu Großstädtern wie in Berlin, München und Hamburg?

Freiburg führt die Liste leicht an. Der Unterschied ist aber gering. Man kann sich aber schon wundern, denn eigentlich sind die ganz großen Städte offener als kleinere. Hier ist es anders.

Psychologische Landkarte zum Punkt Offenheit:



Bei der emotionalen Stabilität steht Baden-Württemberg gefestigter da als der Nordosten Deutschlands. Warum ist das so?

Dazu können wir noch nicht viel sagen. Wir haben nur die deskriptiven Unterschiede angeschaut. Die Gründe wollen wir in späteren Forschungen herausfinden. Mutmaßen kann man schon. Emotionale Stabilität ist vom Umfeld geprägt, in dem man lebt. Ist das Umfeld stabil, ist auch die emotionale Stabilität höher.

Freiburger sind wohl sehr verträglich. Wie verträglich sind sie im Vergleich zu Städten wie Stuttgart, München oder Berlin?

Im Vergleich dieser vier Städte sind die Freiburger am verträglichsten. Verträgliche Menschen sind mitfühlend, vertrauensvoll, kooperativ, hilfsbereit oder nachsichtig. Wieso das so ist, ist schwierig zu sagen. Wir haben die Hypothese, dass es in Deutschland diesen Nord-Süd-Unterschied gibt. Eine unserer Theorien ist, dass das auf den Einfluss des römischen Grenzwall Limes zurück geht. Also dass die Menschen nördlich und südlich des Limes eine unterschiedliche Persönlichkeitsstruktur haben. Wieso die Menschen südlicher verträglicher sind als die nördlich des Limes, können wir nur spekulieren. Aber es gibt diese Achse vom Rheinland nach Niederbayern. So wie der Limes ungefähr verlaufen ist, verlaufen viele Persönlichkeitsunterschiede in Deutschland. Das hat uns erstaunt. Klar gibt es im geografischen Verlauf Ausreißer. Wir wollen dieser Spur in der weiteren Forschung nachgehen. Die Frage wird sein: Gibt es einen Limes-Effekt bei der Persönlichkeitsstruktur?

Psychologische Landkarte zum Punkt Verträglichkeit:



Wie emotional stabil sind die Freiburger im Vergleich zu den Menschen im Umland?

Da schneiden die Freiburger schlechter ab als das Umland. Das bedeutet, dass die Freiburger etwas neurotischer als die Menschen im Umland sind. Es gibt diesen Stereotypen aus dem Woody-Allen-Film "Der Stadtneurotiker". Der zeigt sich im Durchschnitt für Deutschland nicht. In dem Freiburger Fall aber schon. Der Unterschied ist klein. Der Wert ist überraschend, weil es in der Regel so ist, dass die Menschen auf dem Land neurotischer sind als in der Stadt. Wir haben insgesamt für die Studie 925 Leute in der Stadt und den drei Landkreis darum befragt. Die Hälfte davon in der Stadt.

Psychologische Landkarte zum Punkt Neurotizismus:



Es heißt in der Studie auch, dass die Unterschiede bei den fünf Eigenschaften wichtige Auswirkungen auf die ökonomischen und sozialen Entwicklungspfade ganzer Regionen haben können. Was ist damit gemeint?

Wir haben in einem anderen Projekt schon das unternehmerische Persönlichkeitsprofil angeschaut. Man sagt in der Theorie, dass ein typischer Unternehmer bestimmte Eigenschaften aufweisen soll. Er soll offen für neue Erfahrungen sein, das braucht er, wenn er neue Produkte in den Markt bringt. Er oder sie soll einen hohen Wert an Extravertiertheit, also Kommunikationstalent haben. Auch die emotionale Stabilität soll sehr stark ausgeprägt sein, also eine hohe Belastbarkeit. Die Verträglichkeit soll etwas gering sein, weil man mitunter aneckt. Die Gewissenhaftigkeit sollte hoch sein. Daraus kann man ein Profil errechnen und schauen, wie die einzelnen Regionen aufgestellt sind. Dann bringt man das in Zusammenhang mit Gründungsbewegungen. Tatsächlich ist es so, dass dort, wo viele Menschen mit diesem Persönlichkeitsprofil leben, Unternehmen gegründet werden. Zwischen Baden-Württemberg und dem Ruhrgebiet gibt es beispielsweise einen großen Unterschied, weil im Südwesten viele Unternehmen gegründet werden.

Die Menschen in Freiburg scheinen laut der Studie sehr gesellig zu sein: Welchen Platz belegen die Freiburger?

Es gibt 107 kreisfreie Städte. Die Stadt Landshut in Bayern ist die extrovertierteste in Deutschland. Freiburg liegt auf Platz 16 von 107, also eine recht ordentliche Position. Generell ist die Extravertiertheit im Süden doch stärker ausgeprägt als im Norden. Das bestätigt gängigen Vorurteile.

Psychologische Landkarte zum Punkt Extraversion:



Wie kann man den typischen Durchschnittsfreiburger nach den Kriterien der Studie beschreiben?

Wenn es um Verträglichkeit und die Extraversion geht, sind die Freiburger überdurchschnittlich. Die Offenheit für Erfahrungen ist sehr stark ausgeprägt. Bei der Gewissenhaftigkeit und der emotionalen Stabilität sind die Werte der Freiburger durchschnittlich.

Psychologische Landkarte zum Punkt Gewissenhaftigkeit:


Big Five

Diese fünf Persönlichkeitsmerkmale wurden in der Studie untersucht:

Extraversion: eine nach außen gewandte, aktive und gesellige Haltung,

Verträglichkeit: Hilfsbereitschaft und Altruismus, also mitfühlende, vertrauensvolle, kooperative, hilfsbereite oder nachsichtige Menschen

Gewissenhaftigkeit: organisierte, sorgfältig planende und zuverlässige Haltung

Offenheit für neue Erfahrungen: durch rege Fantasie, Wissbegierde und eine Vorliebe für Abwechslung gekennzeichnet

Neurotizismus (geringe emotionale Stabilität): eine Tendenz zu Angst, Nervosität und Unsicherheit


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