Neulich in Freiburg: Vom Schicksal der UB-Aufpasser

Lena Prisner

Lena passieren ständig kleine Sachen: witzige, traurige, schöne, skurrile. Unter dem Titel "Neulich in Freiburg" erzählt sie uns davon. Diesmal wird sie von einer besonderen Kategorie Mensch aufgeweckt: den UB-Aufpassern.



Neulich in Freiburg, mein Kopf ruht auf dem Tisch der Unibibliothek, ich entspanne gerade mein Hirn. Ich liebe es, hier ab und an gepflegt wegzudösen. Es ist praktisch: Nach etwa zwanzig bis dreißig Minuten schläft einer der beiden Arme ein, man wacht automatisch auf und ist wieder fit.


Heute ist mir das nicht vergönnt. Abrupt werde ich aus dem Schlaf gerissen, weil mir jemand auf den Arm tippt. „Entschuldigung“, brummt es. Noch im Halbschlaf überkommt mich eine Mischung aus Wut und peinlicher Berührtheit – ein Gefühl, das jeder kennt, der schon mal beim Dösen ertappt wurde.

Verwirrt schaue ich umher, kann den Mann noch gar nicht richtig sehen, da erklärt er wichtigtuerisch: „Ich sehe in Ihrer Tasche eine Spezi. Gleich ist Schichtwechsel, und mein Nachfolger wird das sicher nicht gutheißen.“

Entschuldigung, aber: What? Ist das sein Ernst? Wie kann er es wagen, mich mit einer solch dämlichen Bemerkung aufzuwecken? Natürlich ist das eine Spezi. Ist sie vielleicht offen und steht hier auf dem Tisch? Nein. Glauben Sie wirklich, Sie kommen als ein besserer Mensch rüber, wenn Sie die Schuld auf ihren Nachfolger schieben? Ich weiß doch genau, dass Sie sich eben noch die Hände gerieben haben, als Sie mich sahen, unbewaffnet schlafend. Um genau zu sein, haben Sie ihrem Nachfolger gerade die Freude genommen, die er gehabt hätte, wenn er mich hätte wecken dürfen. Sie Fiesling, Sie!

Eines Nachts, die UB1 ist nahezu leer, erlaube ich mir eine weitere Regelmissachtung. Mein Kreuz tut weh, ich sitze hier schon ewig, meine Schuhe habe ich ausgezogen. Auf dem Tisch liegt mein Pulli und darauf, sanft ruhend, mein Fuß. Er freut sich, dass das Blut nicht immer nur in ihn hinein, sondern endlich auch kurz wieder herausfließen darf. Aber es kommt anders.

Hinter mir höre ich verdächtige Schritte. Ich ahne, was kommt.

Die schwarzgekleideten UB-Aufpasser lösen in mir ein Gefühl aus, wie es die Schwarzen Reiter wohl bei Frodo tun: Meine Nackenhaare stellen sich auf. Ich versuche, mich unauffällig zu verhalten, blättere konzentriert mein Buch durch, versehe es mit Post-Its. Ich bin mir meines illegal platzierten Fußes durchaus bewusst, weiß aber, dass es zu spät ist. Eine Bewegung wäre jetzt fatal. Nur durch absolutes Stillsitzen kann ich hoffen, dass der Fuß mit dem plüschigen Ringelsocken nicht sein Blickfeld streift.

Doch ich habe vergebens gehofft. Hinter mir, am Geländer, bleibt er stehen, der schwarze Bibliotheksreiter, und gibt mir die Anweisung, die Rechtswidrigkeit schnellstens zu beheben. Kleinlaut deute ich auf meine Plüschsocken, beteuere ihre Unschuld und Hygiene. Aber er hört mich nicht. Das Blut fließt zurück in meinen Fuß, der Mann in Schwarz setzt seinen Streifzug fort.

Ich bin machtlos, aber ein wenig Mitleid habe ich auch. Vielleicht würde ich es ähnlich machen, in seiner Situation. Wer fährt schon gern Streife an einem Ort, wo selbst Fuchs und Hase friedlich nebeneinander an ihrer Hausarbeit schreiben? Bestimmt wünscht er sich nur, wichtig zu sein. Beim Stühle unter den Tisch schieben und Lampen zu Bett bringen stellt sich dieses Gefühl sicher nicht ein. Ich wünsche ihm, dass er auch mal der Held sein darf, in einer ernsthaft bedrohlichen Situation. Es wurden schon zu viele unschuldige Menschen geweckt.

Zur Autorin

Lena Prisner ist 22 Jahre alt und studiert in Freiburg Anglistik und Kognitionswissenschaft. Wenn sie nicht gerade schreibt, was sie sehr liebt, schaut sie gerne Filme, geht ziellos spazieren oder träumt vor sich hin.



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[Symbolbild: © Ermolaev Alexandr - Fotolia.com]