Neulich in Freiburg: Der Zeitlupen-Grinser

Lena Prisner

Lena passieren ständig kleine Sachen: witzige, traurige, schöne, skurrile. Unter dem Titel "Neulich in Freiburg" erzählt sie uns davon. Diesmal macht sie nachts Bekanntschaft mit einem Herren, der in Zeitlupe grinst. Und nicht nur das:



Neulich in Freiburg, da wollt' ich in die Bar Erika gehen. Es war eine laue Freitagnacht. Oben vor der Treppe, im Hinterhof der Kartäuserstraße, tummelten sich einige Menschen. Ich stieg die Stufen hinunter und öffnete die Tür, doch weit kam ich nicht. Ein Herr mittleren Alters blockierte den Eingang, dort, wo direkt hinter der Tür ein Vorhang ist – der soll vermutlich verhindern, dass frische, rauchfreie Luft nach innen dringt.


Der Typ sagt: „Sorry Leute, könnt ihr vergessen“ und zeigt in die Menge, die hinter den Nebelschwaden gerade so zu erkennen ist. Tatsächlich: Es ist brüllend voll, vor lauter stehenden Menschen sieht man kaum, dass dahinter auch noch welche sitzen.

„Bist du hier der Türsteher?“, erkundigt sich meine Begleitung halb scherzhaft. „Noch schlimmer: der Besitzer!“, sagt der Typ und grinst – da schießt mir plötzlich das Bild von Schauspieler Jürgen Vogel in den Kopf. Ich frag mich, wieso, denn ähnlich sind sich die beiden nicht.

"Sicher gefährlich!"

Es muss das Grinsen sein. Ja, auch der angebliche Besitzer vermisst ein paar seiner Beißer, aber sein offenbar nicht mehr ganz nüchterner Zustand verleiht dem Ganzen eine Langsamkeit, die gruselig ist. Ein Grinsen in Zeitlupe ist immer gruselig, weil man automatisch an Protagonisten aus Horrorfilmen denkt, kurz bevor sie die Kettensäge anschmeißen.

Aber er ist harmlos. Er hat eher etwas von einem Hund, denn er lässt nicht mehr von uns ab. Begleitet uns nach oben, deutet auf die Terrasse, die hinter der Speisekarte im Dunklen schlummert. „Kommt ma' tagsüber vorbei, dann könnta in' Biergarten kommen. Ham ab drei geöffnet.“

Wir versprechen ihm, dass wir das unbedingt tun werden. Gehen zurück zur Straße. Er folgt uns. Ein Hund mit Maulkorb rempelt uns fast um. Sein Frauchen und Herrchen, kurz Pärchen, ziehen ihn weiter. Verdutzt schaut uns Besitzer, Türsteher, Jürgen Vogel an. „Der is' sicher gefährlich!“

Am nächsten Tag steht in der Straßenbahn der gleiche Mann. Glaube ich, denn er trägt eine schwarze Sonnenbrille. Der Rest passt. Er grinst unbeirrt. Gerade, als wir uns fragen, ob wir ihn grüßen sollten, nickt er uns zu – in Zeitlupe, versteht sich – und steigt aus.

Zur Autorin

Lena Prisner ist 22 Jahre alt und studiert in Freiburg Anglistik und Kognitionswissenschaft. Wenn sie nicht gerade schreibt, was sie sehr liebt, schaut sie gerne Filme, geht ziellos spazieren oder träumt vor sich hin.



Mehr dazu:

[Collage: Johannes Litschel]