Neues aus der Spickzettel-Forschung

Adrian Hoffmann

Es gibt Studenten, denen nützt offenbar nicht einmal ein Spickzettel etwas. Und davon gibt es nicht wenige. Nikolaus Nestle, Prüfer der Bauingenieure der Technischen Universität Darmstadt, lässt bei der Physikklausur offiziell Spickzettel zu, ein beliebig beschriftetes Blatt im A4-Format - und trotzdem fällt mehr als die Hälfte der Teilnehmer durch. Nestle hat dieses Phänomen untersucht. Seine Forschungsfrage: Was bringen Spickzettel wirklich? Was dabei herausgekommen ist, verrät er euch in unserem fudder-Interview.





Wieso erlauben Sie Spickzettel?

Weil Auswendiglernen von Formeln oder Inhalten, die man später nur selten braucht, in einer Informationsgesellschaft keinen besonderen Sinn macht. Die werden für die Prüfung gelernt und sind einige Wochen später vergessen. Wichtiger ist, sich das in einem Fachgebiet enthaltene Wissen so zu erschließen, dass man dann schnell darauf zugreifen und es für Problemlösungen anwenden kann.

In Ingenieur-Fächern sind erlaubte Spickzettel vielerorts üblich, weil gerade da viel derartiges Wissen abgeprüft wird.

Heißt das, der Spickzettel an sich nützt so überhaupt nichts?

Ein gut gemachter Spickzettel kann durchaus helfen. Und die Überlegungen, die man in die Erstellung eines solchen Spickzettels investiert, auch. Dazu ist es nämlich zunächst einmal notwendig, die essentiellen Lerninhalte zu identifizieren, die einem wahrscheinlich in der Prüfung begegnen werden. Wenn man sich diese Mühe macht, dann ist der Lernerfolg bei der Spickzettelerstellung schon so groß, dass man den Spickzettel in der Prüfung selbst vermutlich kaum benötigt.

Cut-and-paste oder Kopieren vom Kommilitonen ist dagegen praktisch nutzlos. Ein guter Spickzettel ist mind-map-artig und damit sehr individuell.

Dann würde das auch bedeuten, dass es Lehrern ja egal sein könnte, wenn ihre Schüler einen Spickzettel benutzen. Oder?

In der Schule muss das Einstiegswissen in viele verschiedene Gebiete vermittelt werden. Deshalb ist die Menge an Wissen, die zum Bearbeiten einer Klassenarbeit benötigt wird, viel geringer. Außerdem wird durch ein intensiveres Üben vermutlich auch die Identifikation des essentiellen Lernstoffs einfacher.

Was universitäre Prüfungen anbelangt, wäre ich dagegen versucht, zu sagen, dass dem Prüfer die Nutzung von Spickzetteln wirklich fast egal sein kann.

Wieso sollten Spickzettel nicht helfen?

In den Klausuren der meisten Ingenieurwissenschaften sollen die Studierenden zeigen, dass sie in begrenzter Zeit in einem begrenzten Themengebiet Probleme erkennen, einen Lösungsweg finden und die Lösung fehlerfrei ausarbeiten können.

Spickzettel helfen definitiv nicht, wenn sie FALSCHE Informationen enthalten.

Spickzettel helfen nicht viel, wenn einige wenige prüfungsrelevante (und richtige) Informationen in vielen irrelevanten Informationen versteckt sind. Dann verliert der Prüfling zu viel Zeit mit Suchen.

Spickzettel oder Fachliteratur sind nützlich, wenn die Studierenden damit die Lösung schneller finden oder mit diesen Hilfsmitteln Fehler vermeiden.

Wie sind sie auf die Idee gekommen, diese Vermutung zu überprüfen?

Zunächst war keine Vermutung da. Nur die Neugier, was in den Spickzetteln so drin steht. Und die kam während einer Klausur mit erlaubten Spickzetteln auf.

Wie sah diese Überprüfung dann genau aus?

Wir haben einen Teil der Spickzettel fotografisch dokumentiert und nachher ausgewertet. Außerdem haben wir einige Interviews mit Studierenden geführt, die ihre Klausur bereits abgegeben hatten.

Was kam bei der Auswertung heraus?

Dass viele Spickzettel-Produzenten kein Gefühl für die wirklich entscheidenden Fragen für die Klausur hatten. Dass erstaunlich viele falsche Informationen in den Spickzetteln enthalten waren, und dass oft nach dem Motto "Viel hilft viel" einfach der gesamte Inhalt der Übungsaufgaben mit cut-and-paste auf den Spickzettel befördert wurde. Der Spickzettel musste nicht handschriftlich sein.

Was machen die Studenten auf ihren Spickzetteln falsch?

Die fachlichen Fehler, die wir gesehen haben, waren sehr unterschiedlich.
Manche trivial, manche eher seltsam. Ein besonders netter war:
"1 Watt = 1kW = 1000 000 W".

Wenn wir das hinkriegen würden, könnten wir mit einem Fahrrad-Dynamo einige hundert Wasserkocher betreiben.

Gibt es Studenten, die einen Nachteil dadurch haben, dass sie einen Spickzettel benutzen?

Ja; eben genau die, die falsche Informationen darauf stehen haben, oder die, die zu viel Zeit damit verlieren, versteckte Informationen in einem Wust von Überflüssigem zu suchen.

Wie sieht der ideale Spickzettel aus?

Siehe oben: Er muss die essentiellen Punkte eines Fachgebiets so darstellen, dass schnell und flexibel während der Prüfung nachgeschaut werden kann. Das kann je nach Fachgebiet eine knappe Formelsammlung und/oder ein mindmap sein. Außerdem enthält ein idealer Spickzettel nur sachlich richtige Infos.

Und wo versteckt ein Student am besten seinen Spickzettel, wenn dieser nicht erlaubt ist?

Das fragen Sie am besten die Leute, die sich mit der Jagd nach verbotenen Spickzetteln abmühen. Ich habe da keine Erfahrung.