Neu-Freiburgerin Lena findet: Freiburg bringt's mehr als der Norden

Lena Stang

In Freiburg geht nix? Alles eine Frage der Perspektive! fudder-Praktikantin Lena Stang, 18, ist erst vor sechs Wochen aus Celle nach Freiburg gezogen, und total begeistert. Welche Unterschiede der Ex-Norddeutschen in ihren ersten Freiburg-Wochen aufgefallen sind:



Ich bin seit sechs Tagen in Freiburg, als ich am frühen Abend eines Tages Mitte Mai vor einem großen Platz in der Innenstadt stehe. Was ich hier sehe, habe ich in meiner Heimatstadt im Alltag noch nie gesehen: Menschen, die überall verteilt auf dem Boden sitzen, feiern, trinken, Gitarre spielen und singen. Das muss also dieser Augustinerplatz sein, von dem mir schon so viele Leute erzählt haben!


In Celle gibt es keinen Platz wie den Augustinerplatz. Dort treffen sich Leute in meinem Alter meistens zu Hause in kleinen Gruppen; man ist nur in Diskotheken oder Clubs (von denen es in Celle ohnehin nur drei gibt) in Gesellschaft fremder Leute, mit denen man weiter nichts zu tun hat. Bisher konnte ich mir nicht vorstellen, dass es an anderen Orten anders gemacht wird.

Ich bin 18 Jahre alt und habe 14 Jahre lang in verschiedenen Dörfern im Landkreis Celle gewohnt - kein Wunder, dass ich völlig überfordert von der Situation am Augustinerplatz bin und nicht weiß, wohin ich soll. Setze ich mich einfach mitten rein? Gehe ich lieber außenrum oder mittendrüber, oder gehe ich lieber ganz?

Überall sitzen Leute, grillen, hören Musik

Bevor ich mich entscheiden kann, steht plötzlich ein kleiner, dünner Mann mit einer Kiste Bier und einem Buch vor mir. Beides hält er mir direkt ins Gesicht. Ich gucke ihn fragend an, weil ich nicht weiß, was er von mir möchte, denn so richtig verstehe ich nicht, was er sagt. Nur zwei Worte kommen klar bei mir an: "1 Euro Bier" und "Autobiografie". Letztere lehne ich dankend ab, ein Bier kaufe ich aber, dann verabschiedet der Mann sich mit einem freundlichen "Proscht!". Nach dieser Begegnung bin ich noch mehr verwirrt vom Augustinerplatz und seinen Sitten.

Der durchschnittliche Freiburger scheint grundsätzlich gerne draußen zu sitzen – nicht nur auf dem Augustinerplatz. Als ich das erste Mal durch den Seepark laufe und an der Dreisam entlang spaziere, sitzen auch hier überall Leute, grillen, hören Musik oder liegen einfach nur auf der Wiese. Ganz nach meinem Geschmack! Am Abend meines ersten Augustinerplatzbesuchs mache ich mich auf die Suche nach einem Club, der nicht zu teuer ist und in dem gute Musik gespielt wird – davon gibt es in Freiburg mehr als genug, schließlich ist die Stadt einen Studentenstadt.

Ich gehe durch die Straßen, gehe in ein paar Bars, deren Namen ich nicht einmal mehr weiß, und es ist nirgends ein Platz frei! In Celle ist das anders: Hier gibt es ungefähr einmal im Monat eine gute Veranstaltung; die allermeisten sind so schlecht, dass man es nur mit den richtigen Leuten oder dem richtigen Pegel aushält. In Celle hat man nur eine kleine Auswahl an Bars, in denen man meistens aber auch einen Platz bekommt und die ohenhin nur bis 1 Uhr geöffnet haben. Mit einer Ausnahme: Eine angesagte Bar, namens „Rio's“ hat länger auf, gute Preise und eine coole Location. Außerdem trifft man dort immer Leute, die man sonst nicht so oft sieht.

Hier fühlt man sich freier

An meinem ersten Ausgehabend in Freiburg lande ich auf einer Party im Artik. Hier wird viel getanzt, gelacht und ausgelassen gefeiert.  Als ich morgens gegen 4:30 Uhr nach Hause will, ist mein erster Impuls, mir ein Taxi zu bestellen.  Ein Typ Anfang 20 erklärt mir, dass ich das gar nicht brauche: Hier würden doch Nachtbusse fahren, und wenn nötig auch Anschlusstaxen, wenn man - so wie ich -  etwas außerhalb wohnt.  In Celle war Taxifahren nach der Disko Pflicht. Es wäre sonst unmöglich gewesen, ohne Mitfahrgelegenheit oder Abholservice von Eltern oder Freunden nach Hause zu kommen. Und so fahre ich nach meiner ersten Freiburger Partynacht – wie alle anderen auch – mit dem Nachtbus nach Hause und staune, wie schnell, unkompliziert und günstig es sein kann, nach dem Feiern Heimzufahren.

Auch die Leute erscheinen mir unkomplizierter, hier im Süden: Sie gehen viel aufgeschlossener und freundlicher aufeinander zu als im Norden. Das merke ich besonders, wenn ich in den Bus einsteige und die Busfahrer immer ein freundliches Lächeln für mich bereit halten, was man im Norden nur selten erlebt.

Ich bin einem Supermarkt in Kirchzarten, als ich an der Kasse folgende Szene erlebe: Ein Mann will seine Einkäufe bezahlen, aber ihm fehlen 80 Cent. Kurzerhand gibt eine Kundin ihm das Geld – ohne zu zögern und ohne dass er gefragt hatte. So was habe ich noch nie erlebt! Ich bin richtig gerührt vom Verhalten der Frau. Mir kommt es vor, als wenn Freiburger gerne mit Fremden teilen und weniger Vorurteile haben als Norddeutsche. Hier fühlt man sich freier – und das gefällt mir besonders gut.

Doch Freiburg ist mehr als seine Feierkultur und die netten Leute. Ich war schon oft hier, weil ein Großteil meiner Familie hier lebt, aber seit meinem Umzug verstehe ich immer mehr, warum so viele Leute hier leben wollen: Hier ist es verdammt schön. Selbst der Alltag fühlt sich ein bisschen an wie Urlaub, weil die Landschaft so traumhaft ist. 

In meiner alten Heimat ist alles flach, überall Straßen, Häuser und ab und zu ein Feld. Natürlich gibt es auch schöne Plätze, Seen und Kiesteiche, an denen man im Sommer viele Leute trifft und natürlich haben wir die Lüneburger Heide. Aber in Freiburg ist alles von Grünflächen, Bergen, Flüssen, Bächlein und Wäldern umgeben. Wenn ich morgens aus dem Fenster gucke, ist das erste, was ich sehe, Felder, Berge und Tiere. Ich komme mir vor wie in einer Ferienwohnung – dabei ist das hier mein neues Zuhause.

Die Leute teilen alles mit einem, wenn man nett fragt

Wobei das mit dem Zuhause hier nicht so einfach ist. Mir war schon vor meinem Umzug klar, dass die Wohnpreise hier um einiges höher sein würden. Aber dass die Miete so teuer sein würde, habe ich nicht erwartert. Meine erste Wohnung in Celle war 42 Quadratmeter groß, hell, neu und hatte alles was das Herz begehrt für 400 Euro warm. In den ersten Tagen halte ich zuerst Ausschau nach einer vergleichbaren Wohnung, bis ich begreife, dass ich meine Erwartungen stark zurückschrauben muss. Es gibt kaum provisionsfreie Wohnungen, und wenn sie provisionsfrei sind, ist die Miete unverschämt hoch. Wenn ich Pech habe, werde ich einige meiner Möbel verkaufen müssen, damit sie alle in eine neue Wohnung oder vielleicht in ein WG-Zimmer passen. Das nervt mich.

Im Moment wohne ich zur Zwischenmiete im Dreisamtal und habe eine 2,5-Zimmer-Wohnung für 330 Euro warm - ein absoluter Glücksfall, klar. Meine Suche nach einer passenden Wohnung geht aber weiter!

Mittlerweile bin ich schon mehr als sechs Wochen in Freiburg. Der Augustinerplatz ist mittlerweile für mich völlig normal. Auch der mysteriöse Mann mit Buch und Bier ist immer da, jetzt weiß ich, dass er „Pischko der Biermann“ ist und eine kleine Berühmheit in Freiburg. Mir gefällt die ausgelassene Stimmung, dass die Leute alles mit einem teilen, wenn man nett fragt, und man braucht keine Angst zu haben, etwas Falsches zu machen.

Natürlich habe ich oft noch Heimweh. Meine Freunde, meine Mama, meine Schwester und mein Hund fehlen mir, aber ich fühle mich langsam Zuhause und von Tag zu Tag wohler. Im Großen und Ganzen habe ich in den ersten Wochen rundum positive Erfahrungen gemacht und bin glücklich, endlich sagen zu können: „Ich wohne in Freiburg!“, wie ich es mir schon lange gewünscht habe.

Lena Stang, 18, ist Anfang Mai aus Celle nach Freiburg gezogen.

fudder-Debatte

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[Foto 1: fudder-Archiv, Foto 2: Marius Notter]