Nerv-Ei wird zehn - fudder gratuliert nachträglich

Anselm Müller

Das Tamagotchi ist eine perfide Erfindung der japanischen Spielzeugindustrie. Trotzdem entwickelte es sich zum Renner. Ein Rückblick zum zehnjährigen Bestehen.

Im Oktober 1996 stellten sich japanische Kinder ein Spielzeugwesen namens Tamagotchi in ihre Zimmer. Der Neologismus besteht aus den japanischen Wörtern Tamago (Ei) und Chi (Zuneigung). Ein liebenswertes Ei also. Nach Deutschland rollte es erstmals am 12. Mai 1997.


Sobald man das eiförmige Spielzeug aktivierte, erschien ein kleines Ei auf dem grob gepixelten LCD-Schirm des Billigcomputers. Die winzige Auflösung war ein Graus, die Spielidee lies manchen Spieler an die Grenzen des Wahnsinns stoßen. Dieses Küken, anfangs vielleicht noch süß, entwickelte sich zu einem penetranten Quälgeist, der einem den Tag versaute.

Nicht nur, dass das Vieh gefüttert und umsorgt werden wollte (Windelwechsel!). Nein, das Ding meldete sich um 4 Uhr morgens. Dann fiel ihm plötzlich ein, dass es Liebe braucht.

Leider implantierten die Hersteller dem Tamagotchi soviel künstliche Intelligenz, dass es wusste, zu welcher Uhrzeit sein Herr und Meister gewöhnlich schlief. Das Tamagotchi wusste auch, dass man frühmorgens überhaupt keine Lust hatte, zu knuddeln. Erst die spätere Version hatte eine Pausenfunktion.

Trotz seines eher abstoßenden Verhaltens verkauften deutsche Händler im Jahr 1997 das kleine Monster zwei Millionen Mal.

Schulen riefen bald das Tamagotchi-Verbot aus, da einige Eleven sich mehr ums Küken kümmerten, als um den Unterricht. Sogar gescheiterte Selbstmordversuche von Tamagotchi-Haltern wurden in dieser Zeit kolpotiert. Freitodgrund: der Quälgeist war verstorben. Eltern wollten ihre Kinder Tamagotchi nennen, was glücklicherweise von den Standesämtern unterbunden wurde.

Im Internet bildeten sich Tamagotchi-Friedhöfe. Heute, zehn Jahre nach der ersten Version, gibt es unzählige Plagiate (Nanopets, Dinky Dino, Fin Fin, Furby) und drei weitere Versionen des ursprünglichen Tamagotchis: Tamagotchi Plus, Tamagotchi Connexion Version 2 und 3. Wer den ganzen Wahnsinn erleben will, bitteschön. Vor Folgeschäden sei gewarnt.

Glücklicherweise gibt es auch Gegner des Quälgeist-Hypes. Joschi Krüger und Siegfried Carl haben eine Anti-Tamagotchi-Kinderoper geschrieben und vertont.

Inzwischen fristet die Nervenpiepse nur noch ein Randdasein. Wer steht nachts schon gern zum Schmusen auf, wenn der zu Schmusende nicht aus Fleisch und Blut ist?