NEON: Die Geschichte hinter einer "ehrlichen Kontaktanzeige"

Christina

Das ist Christina, 22. Sie studiert in Freiburg Sportwissenschaft und Französisch. Und sie ist Single. Noch. In der Augustausgabe von NEON schaltete sie mit diesem Foto als sportychrissi eine "Ehrliche Kontaktanzeige". Wie es dazu kam und was seitdem passiert ist, hat sie uns erzählt.



April 2009

Der Umstand, eine NEON–Abonnentin als Mitbewohnerin zu haben, ist dafür verantwortlich, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Stapel NEON-Ausgaben in der Hand halte. Im Inhaltsverzeichnis stoße ich auf den Terminus der ehrlichen Kontaktanzeige. Neugierig kämpfe ich mich durch Kurzberichte von jungen Menschen, die sich alle in der gleichen Situation befinden wie ich: Sie sind Single und wollen das ändern. Ich lese von Mädels, die in der Liebe nur Flops erlebt haben, von Typen, die beim Date nicht stillsitzen können sowie von anderen, die nach alter Bettwäsche und Mundgully riechende Männer verehren.

Mensch, warum soll ich`s nicht auch mal probieren, da reinzukommen?

Gesagt, getan: mail geschrieben, Antwort erhalten. Der Termin für das Telefoninterview steht. Ich bekomme die Info, das Ganze solle schon über „Ich bin halt zu anspruchsvoll“ hinausgehen. Wir werden sehen.

26. Mai 2009

Es ist Abend. Ein bisschen aufgeregt bin ich schon. Gleich wird mich eine wildfremde Person anrufen, der ich dann gleich mal Intimitäten meines Privatlebens preisgeben soll. Aber ich wollte es ja so.

20 Uhr: „Ja, hier ist die A. von der NEON. Wir hatten das Telefoninterview vereinbart. Soll ich dir noch mal den genauen Ablauf erklären?“

Die Fragestunde beginnt: wie bist du denn so? Was geht denn gar nicht bei Männern? Wo wirst du schwach? Welche Macken hast du? Und was kritisierte dein Ex an dir? Wie aus dem Nähkästchen plaudere ich mit einer mir unbekannten Person über mein Seelenleben, meinen Tick, Rosinen aus dem Müsli zu picken und meine Vorliebe für den Tango. Knapp eine Dreiviertelstunde lang. Dann sollten die Informationen für ein Kurzportrait reichen. Zum Schluss erfahre ich noch, dass sich ein Fotograf bei mir melden wird, der ein möglichst authentisches Bildchen von mir machen soll.

Einige Tage später

...finde ich den fertigen Bericht in meinem Postfach vor. Die ein oder andere Kleinigkeit wird auf meinen Wunsch hin noch abgeändert. Denn ein „Mannsweib“ bin ich nun wirklich nicht.



17. Juni 2009

Fototermin. Mir wird immer mehr bewusst, dass ich wirklich bald in dieser Zeitschrift abgebildet sein werde.

Der Fotograf ist natürlich nicht extra von München, wo die NEON-Redakteure sitzen, nach Freiburg gekommen. Es ist ein Auftragsfotograf, der ein Bild machen soll, das zu mir passt. Die Anlagen rund um die Sportuni (USC) scheinen dafür geeignet zu sein, wegen meiner Sportaffinität (Ich bin Triathletin).

„Hoffentlich kennt mich da jetzt niemand im Stadion“, schießt es mir durch den Kopf. Immer die Sportuni, die Sandgrube, Hürden, die Tartanbahn oder das Fußballfeld mit im Bilde, entwickelt sich ein wahres Fotoshooting. Irgendwann kann ich gar nicht mehr lachen, das ist echt anstrengend. Das passende Bild ist nach einer Stunde im Kasten.

30. Juni 2009

Von meiner Interviewerin erfahre ich, dass es auch mal zwei bis drei Ausgaben dauern kann, bis man seine Anzeige vorfindet. Und das, wo ich doch so ungeduldig bin.

Anfang Juli 2009

Vor lauter Prüfungsstress an der Uni vergesse ich beinahe meine NEON-Aktion.

17. Juli 2009

Demnächst erscheint die nächste Ausgabe. Ich bekomme ein mulmiges Gefühl. Was, wenn ich da jetzt wirklich drinnen bin? Ganz Deutschland kann sich über mich informieren, da ich in Kioskständen, Bahnhofsbuchhandlungen etc im Regal stehe. Ich werde öffentlich, wird mir bewusst. Aber die Hoffnung besteht ja, dass es die richtige Person liest. Die Vorstellung allerdings, mit solch einer Aktion auf die große Liebe zu treffen, erscheint mir dennoch unrealistisch. Lustig ist es aber trotzdem.



19. Juli 2009

Samstag. Die NEON erscheint ja immer montags. Dachte ich zumindest vor dem 19. Juli. Meine Mitbewohnerin verkündet mir aber: „Ich hab' übrigens deine Anzeige in der NEON gelesen. Ist ja wirklich gut geworden!“ Da bin ich baff. Abonnenten bekommen die Ausgabe samstags. Aufgeregt reiße ich ihr das Magazin aus der Hand und traue meinen Augen kaum, als ich mein Bild samt Text neben vier anderen Kandidaten erblicke.

20. Juli 2009

Die ersten Reaktionen trudeln in der Mailbox meines NEON-Profils ein. Es ist alles dabei: ernst gemeinte Angebote, Kommentare und Fragen zu meinem Rosinentick ("Was machst du denn, wenn du die rausgefischt hast? Essen, wegwerfen, recyclen,...?") sowie mails aus dem Bekanntenkreis à la „Ich hab' dich entdeckt.“

Die mails kommen von überall her: von einem festivalbegeisterten Ruhrgebietler, einem in der Schweiz lebenden Franzosen und Männern aus Südbaden.



An den folgenden Tagen

...darf ich feststellen, wer denn so alles seine Bildungslücken durch NEON-Lektüre zu füllen versucht. Da erhält man mails von Leuten, die man seit Jahren nicht mehr gesehen oder gesprochen hat. Aber entdeckt haben sie mich. Ich merke, dass ich da einen kleinen Stein losgetreten habe. Natürlich sprechen mich auch die Komilitonen auf die Anzeige an. „Ich hab dich gesehen , der R. hat es erzählt“, und: „Bist du das wirklich? Wie bist du denn da reingekommen?“

In den folgenden Wochen

...schreibe ich dem ein oder anderen. Es gehen aber immer noch neue mails ein. Mit Foto, ohne Foto. Ob wir uns auf einen Kaffee treffen wollen. Warum nicht. Ganz unverbindlich natürlich. Gesagt, getan. Blind Date. Ohne große Erwartungen treffe ich Mister X. Dabei bleibt es auch.

Nachdem ich 15 mails im Postfach habe, beginne ich, zu filtern. Man kann nicht jedem gerecht werden. Es muss ja immer noch übersichtlich bleiben. Meinen Traummann habe ich bis jetzt nicht getroffen. Aber das Rennen läuft ja noch. Und für die nächsten Wochen habe ich zwei Kreuzchen in meinen Terminkalender gemacht. Mit Dates.

[Fotos: Florian Bilger (1), dpa]

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