Nebenjob: Nikolaus

Frank-André Rauschendorf

Daniel Panusch ist der Nikolaus. Zumindest, wenn er das rote Kostüm überwirft und in Schulen oder in Familien auftritt. Allerdings haben Nikoläuse es nicht immer leicht. Zum Beispiel, wenn die Kinder eine kritische Frage nach der anderen stellen. Oder den Nikolaus am Bart ziehen.

Die Kinder schauen erwartungsvoll den Mann an, der gerade in das Klassenzimmer gekommen ist. Ein Mädchen macht den Mund weit auf. Die obere Zahnreihe wird durch eine große Lücke geschmückt. Ihre Augen leuchten, als sie auf ihrem Stuhl hin und her rutscht. „Ho, ho, ho! Kinder, wisst ihr, wer ich bin?“, ruft der Mann mit tiefer Stimme. Die Schüler der Sportgrundschule der Freiburger Turnerschaft antworten im Chor: „Der Nikolaus!“ „Richtig!“, ruft er zurück. „Wart ihr auch alle schön artig und brav?“ „Ja!“, ertönt es einstimmig.


Daniel Panusch ist der Nikolaus. Zumindest, wenn er das rote Kostüm überwirft und in Schulen oder in Familien auftritt. Zwar kommt der Nikolaus streng genommen nur am 6. Dezember, aber Daniel hat während der ganzen Adventszeit Auftritte. Wie in der vergangenen Woche bei der Weihnachtsfeier der Sportgrundschule im Stadtteil Littenweiler in Freiburg. Eigentlich studiert Daniel Anglistik und Sinologie. In der Weihnachtszeit bessert er sein Taschengeld als Nikolaus auf.

Ein Junge in der ersten Reihe hebt den Finger. Er möchte wissen, wo Daniel seinen Bischofsstab gelassen hat. „Also, den habe ich verloren. Bei einem Schneesturm.“, improvisiert Daniel. Gleich danach gehen weitere Finger in die Höhe. Die Schüchternheit ist überwunden, und die Kinder der ersten Klasse trauen sich, Daniel auf die Probe zu stellen. „Und wo ist dein Rentier?“, ruft ein blonder Junge aus der Mitte des Saals mit lauter Stimme. Daniel braucht einen Moment, um sich etwas auszudenken. Wer genau hinhört, bemerkt, dass er „ähm, ähm“ murmelt. Seine Stimme wird leiser. „Das ist im Wald. Es, ja, es ist schüchtern. Vor allem, wenn es laute Kinder sieht.“ „Aber wir sind doch ganz leise!“, schreit der Blondschopf. Die anwesenden Eltern schmunzeln.

„W

ieso hast du so einen langen Bart?“, lautet die nächste Frage, „der Nikolaus hat doch einen kurzen Bart! Nur der Weihnachtsmann hat einen langen Bart.“ Die Kleinen lachen, und Daniel weicht der Frage aus, indem er „Lasst uns froh und munter sein“ anstimmt. Mit Erfolg. Die Kleinen fallen ein.

Im Anschluss verteilt er die Geschenke, kleine Tütchen mit Mandarinen, Erdnüssen und Schokolade. Die Kinder bilden einen Kreis um ihn. Ein Junge zieht Daniel am falschen Bart. „Du bist ja nur ein ganz normaler Mann“, sagt er.

„Der Job ist schon hart.“ Daniel läuft nach dem Auftritt zu seinem Auto. Eine junge Frau steht auf der anderen Straßenseite und winkt herüber. Ihr kleiner Sohn schaut gebannt den Mann in Rot an. „Ho, ho, ho!“, ruft Daniel ihnen seinen Gruß zu. Er winkt und fragt, ob sie auch schön artig waren.

Jetzt braucht er seine Stimme nicht mehr zu verstellen, sodass sie tiefer klingt. „Ich bin immer wieder aufgeregt“, sagt er. Daniel ist eigentlich kein Mensch, der gerne im Mittelpunkt steht. Deshalb kosten ihn die Auftritte jedes Mal aufs Neue Überwindung. Er schließt den Wagen auf und schmeißt seine Bommelmütze und den weißen Bart auf die Rückbank. Sein schwarzer Pulli und seine dunklen Bartstoppeln werden sichtbar. „Ich bin ausgebrannt“, gibt Daniel zu, „die vielen Auftritte kosten Kraft.“ Er setzt seine Brille auf. Die ist modern, mit dicken Rändern. Den abgenutzten braunen Geschenkerucksack verstaut er im Kofferraum.

Erst an Heiligabend will er wieder in das rote Kostüm schlüpfen. „Die Saison ist anstrengend. Man kommt an einen Ort und muss sich blitzschnell zu Recht finden. Da hat man keine Zeit, jemanden zu fragen, wie es ablaufen soll. Man muss sofort alles geben. Schließlich zahlen die Leute dafür. Und man will die Kinder auch nicht enttäuschen.“

Eine Weihnachtsmelodie ertönt. Es ist Daniels Handy. „Aber die Arbeit ist wichtig für mich“, sagt er, nachdem er aufgelegt hat. Er plädiert dafür, den Nikolaus nicht nur als Konsumgut zu verstehen. „Die Leute sollten mehr auf den eigentlichen Sinn der Weihnachtsbotschaft achten.“ Einige Kunden von Daniel tun dies auch. Bei einem Auftritt in einer Familie wollte der Vater, dass gemeinsam mit dem Nikolaus gebetet wird. Beim Amen fing er dann an zu schluchzen. „Ich weiß nicht, warum er geweint hat. Aber es war sehr bewegend.“

Natürlich gibt es auch einen ganz weltlichen Aspekt bei der Arbeit. „Andere kellnern den halben Tag. Ich trete eine Viertelstunde lang als Nikolaus auf. So kann ich dann Weihnachtsgeschenke für meine Lieben kaufen.“

Als er die Fahrertür öffnet, kommen zwei Kinder der Sportgrundschule mit ihren Eltern vorbeigelaufen. Der Vater sagt schmunzelnd „Ich will auch ein Geschenk“, die Mutter lächelt. Einer der beiden Kleinen lässt seine Tüte fallen, die er von Daniel bekommen hat. Die Mandarine rollt weg und ein paar Erdnüsse liegen auf dem Boden. Der blonde Junge hebt seine Leckereien auf. Daniel bückt sich nach der Mandarine und gibt sie ihm wieder. „Stopf dir die Sachen in die Tasche. Dann verlierst du sie nicht“, sagt er dem Jungen. Im Weitergehen winkt der Kleine ihm noch mal zu.

Auch wenn die Arbeit stressig ist, macht sie Daniel Spaß. Er lässt sich auf den Fahrersitz seines Saab fallen. Das ist zwar kein Schlitten, und er wird auch nicht von einem Rentier gezogen. Für Daniel ist sein Job trotzdem mehr als reines Geldverdienen. Er lässt den Motor an und sagt: „Es ist schon super, wie die Kinder auf den Nikolaus abfahren.“



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  [Foto: Privat]