Nazi-Devotionalien auf dem Flohmarkt

Helena Barop

Wer am 25. Oktober mit offenen Augen über den Flohmarkt in der Messehalle ging, konnte dort auch Befremdliches finden: Orden mit SS-Rune, Propagandaliteratur aus dem Dritten Reich, Stahlhelm mit Hakenkreuz und dergleichen mehr. Der Handel mit Nazi-Devotionalien ist für die Anbieter ein gutes Geschäft. Ist das erlaubt? Wir haben uns erkundigt.



An einem der ersten Stände des Flohmarkts in der großen Messehalle geht es los. Direkt neben einer Wühlkiste voller 200-Reichsmarks-Geldstücke von 1923 steht eine kleine Vitrine. Neben allerlei anderen Militärabzeichen sieht man SS-Runen und SS-Totenköpfe. Gleich neben der Vitrine, gut geschützt in Klarsichtfolie, liegt eine Urkunde mit Parteiadler und Hakenkreuz.


Während sich mancher Flohmarktbesucher vielleicht noch irritiert fragt, ob die Sachen echt sind, kündigt ein zahlungswilliger Käufer bereits Interesse an. „Wieviel für den Totenkopf?“ – „49 Euro. Schade, dass mein Mann nicht da ist, der hätte Ihnen den schön eingepackt.“ Und schon wechselt der SS-Totenkopf den Besitzer.

Auf die Frage, was der Kunde damit machen wolle, fühlt er sich fast angegriffen: „Ich bin Sammler. Ich sammel’ alles aus dem Zweiten Weltkrieg. Ist doch schön. Ich hab da so ’nen Raum, der ist wie ein Museum.“„Eben, das ist doch schön“, bekräftigt die Verkäuferin.



Woher sie die Sachen denn habe? „Naja, die hab’ ich eben.“ Ob man das verkaufen darf? „Klar, des ist doch ganz normal. Das sind Militaria, viele sammeln sowas. Nur weil es ein paar Neonazis gibt, wird den armen Sammlern der Spaß verdorben. Das ist doch unfair!“ Dann verschwindet der Kunde mit seiner Heinosonnenbrille und dem Totenkopf in der Tasche im Gewühl.



Erst jetzt fällt auf, dass an dem Stand noch eine Rarität zu haben ist: Dezent in Papier eingepackt liegt neben der Vitrine Mein Kampf, das Buch über Hitlers politisches Programm und seine Weltanschauung. „Ich finde das furchtbar, wenn solche Sachen angeboten werden“, sagt die Verkäuferin am Nachbarstand. „Ich versteh’ das nicht, warum die das dulden. Da wird einem ganz anders, wenn man diese Sachen da einfach so liegen sieht.“ Ob das denn oft vorkomme? „Ja, ständig. Es gibt viele Sammler, das ist ein richtiger Markt. Das sind morgens immer die Ersten, die kommen. Militaria nennen die das.“



Dementsprechend ist das Angebot. Wer die Sammellust des Totenkopf-Käufers teilt, kann sich nach Herzenslust bedienen. Da gibt es Bücher über den „Sieg in Polen“, über die „Befreiung der Sudetendeutschen“ und natürlich über Hitler, allerdings nicht von Fest oder Haffner. Ein aufwändig gemachter Führer-Bildband von 1940 soll 100 Euro kosten.

Ein Hitler-Zinnsoldat streckt dem Flohmarktbesucher einen Gruß entgegen. An einem Stand gibt es einen Stahlhelm mit Hakenkreuz (150 Euro) und einen ohne (80 Euro). Postkarten über den deutschen Grenzverlauf im Osten, Fotos von Soldaten mit Hakenkreuzbinde, Anstecker mit einem Hitlerkopf im Profil und so weiter. Wer einmal aufmerksam geworden ist, findet immer mehr Nazidevotionalien.



„Verboten ist das nicht“, erklärt Thomas Maier. Er ist Chef der SüMa Maier e.K., die regelmäßig Flohmärkte in der Markthalle veranstaltet. Er sieht es zwar nicht gern, wenn auf seinem Flohmarkt solche Geschäfte laufen, aber er hat sich bei der Polizei erkundigt: Rechtlich sei gegen die Verkäufer nichts zu machen, sagt er.

"Eigentlich darf alles angeboten werden, was sich verkaufen lässt", sagt auch Wolfgang Kronbiegel aus der Staatsschutzabteilung der Kriminalpolizei Freiburg. Verboten sei nur die Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen in der Öffentlichkeit nach §86a StGB.

SS-Runen und Hakenkreuze müssen daher von den Anbietern abgeklebt werden. Auch der Verkauf von "Mein Kampf" ist erlaubt, sofern die Ausgabe vor der Gründung der Bundesrepublik 1949 gedruckt wurde.



Von abgeklebten Symbolen kann auf dem Flohmarkt in der Messehalle keine Rede sein. Die SS-Orden, die Urkunde, die Helme – diese Artikel dürfen so nicht ausgestellt und angeboten werden. Doch das Hakenkreuz auf dem Helm macht ihn immerhin um 70 Euro teurer. Wer ihn abdeckt, mindert das Geschäft. Es gibt zahlungswillige Käufer, es gibt Anbieter und die Veranstalter scheinen nicht so genau hinzuschauen.

Jeder Veranstalter kann in seiner eigenen Marktordnung selbst bestimmen, welche Waren auf seinem Flohmarkt angeboten werden dürfen und welche nicht. „Es hat sich bisher eingebürgert, dass die Marktbetreiber den Verkauf von Gegenständen aus der NS-Zeit nicht verbieten, aber in ihren Marktordnungen auf das Verdecken verbotener Kennzeichen ausdrücklich hinweisen", sagt Kronbiegel. In der Marktordnung der SüMa Maier e.K. findet sich ein solcher Hinweis nicht.



So ging also am 25. Oktober ein zufriedener Kunde mit seinem SS-Totenkopf nach Hause. Der ursprüngliche Besitzer dieses Abzeichens war Mitglied der Schutzstaffel, die als paramilitärische Einheit der Nazionalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) unterstand. Vielleicht war er als Teil der Waffen-SS an den Kriegsverbrechen gegen die russische Bevölkerung beteiligt. Oder vielleicht tat er Dienst in einem Konzentrationslager und trug damit einen Teil der Schuld am Holocaust.



Liegt sein Abzeichen jetzt in einer Vitrine? Wird es zum Scherz an die Mütze gesteckt? Stolz den Freunden präsentiert? Noch teurer wieder verkauft? Ist das kleine Privatmuseum ein persönliches Gruselkabinett? Oder vielleicht eine Gedenkstätte an verlorene Zeiten? Gedenkt der Sammler der Opfer oder der Täter? Man weiß es nicht. Man kann nur hoffen, dass die Sammler verantwortungsvoll mit der Geschichte umgehen, deren Symbole und Überbleibsel sie in der Messehalle für viel Geld erworben haben.