Nathan schweigt: Nathan der Weise, neu interpretiert

Elisabeth Kimmerle

Was ist eigentlich Toleranz? Mit dieser Frage setzt sich die türkische Regisseurin Emre Koyuncuoglu in "Nathan schweigt", ihrer Interpretation von Lessings "Nathan der Weise", auseinander. Heute Abend ist im Kleinen Haus Premiere.



„Toleranz, du nervst mich so!“ Die Schauspielerin schreit ihre Wut heraus, ihren Wunsch, einmal nicht abwägen und alles differenziert sehen zu müssen. Statt des ewigen Relativierens einen klaren Standpunkt einnehmen zu können, auch wenn er aneckt.


Als Lessing 1779 sein Drama über den weisen Juden Nathan veröffentlichte, verhalf er damit der Toleranzidee zum Durchbruch; sie hat als Errungenschaft der Aufklärung Einzug in den gesellschaftlichen Mainstream gehalten. Seitdem ist sie in aller Munde – und doch bietet die Problematik im „Nathan“ den gleichen Zündstoff wie damals. Das äußert sich in der kürzlich entbrannten Debatte darüber, wie weit Toleranz eigentlich gehen darf. Oder in dem Ruf der Islamkritiker, den Intoleranten keine Toleranz entgegenzubringen.

Die türkische Regisseurin Emre Koyuncuoglu nähert sich dieser Ambivalenz in ihrer ersten Arbeit in Freiburg assoziativ an. Entstanden ist eine Collage, die unser Verhältnis zur Toleranz von verschiedenen Seiten beleuchtet, ohne sie zu durchleuchten, ohne Deutung. Nathan schweigt. Und lässt den Zuschauer mit seinen Assoziationen alleine.

Damit stellt sich das Stück ganz in die Tradition Lessings, für den die absolute Wahrheit für den Menschen nicht fassbar ist. Nur eine Annäherung ist möglich, ein Kaleidoskop verschiedener Wahrheiten, die gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die Konturen verschwimmen, ob bei der deutschen Nationalhymne, die nahtlos in das muslimische Gebet übergeht oder den Schauspielern, die von einer Rolle in die andere schlüpfen. Jeder ist Nathan. Und Henryk M. Broder, ein Terrorist, eine alleinerziehende Mutter oder der Islam.

„Nathan schweigt“
spielt mit den Ängsten der Zuschauer. Der Angst vor dem Fremden, vor Terrorismus und der Unterdrückung der westlichen Werte. Und es wirft Fragen auf, die sich der Zuschauer auch selbst stellen kann. Was meinen wir überhaupt, wenn wir von Toleranz sprechen? Ist Toleranz immer positiv oder geht sie mit der Herabsetzung des Anderen einher?

Das Stück gibt keine Lösung vor. Im Original steht am Ende die Einsicht, dass die verschiedenen Religionen miteinander verwandt sind und keine der anderen überlegen ist. In Emre Koyuncuoglus Inszenierung schließt sich der Kreis in der Schlussszene nicht zu einer harmonischen Quintessenz. Sie lässt Unvereinbares nebeneinander stehen. Und streut damit Widerhaken in die Geläufigkeit unseres Toleranzverständnisses.

Mehr dazu:

Was: Nathan schweigt - Premiere
Wann: Dienstag, 18. Mai 2010, 20 Uhr
Wo: Theater Freiburg, Kleines Haus

[Bild: Theater Freiburg]