Napster des Fernsehens: Gratis-TV im Internet

Christoph Müller-Stoffels

Fernsehen im Internet, das war früher wegen der teils ruckligen Übertragung eher ein Qual. Nun gibt es Angebote, die akzeptable Qualität und erfreuliche Vielfalt bieten. Vieles ist gratis. Mittendrin "Joost", das TV-Projekt der Kazaa- und Skype-Gründer. Wir haben uns ein paar der kostenlosen Angebote angesehen.



Vor zwei Monaten wurde gemeldet, das bis dahin unter dem Namen "The Venice Project" bekannte Unternehmen von Niklas Zennström und Janus Friis heiße nun "Joost". Das wird interessanter, wenn man weiß, dass Zennström und Friis bereits die Tauschbörse Kazaa und den Internet-Telefondienst Skype initiiert haben und es sich bei "Joost" um einen Peer-to-Peer-Fernsehdienst handelt, der derzeit noch in der Beta-Phase steckt (oben ein Screenshot).


"Joost verbindet die besten Aspekte des Fernsehens mit all den sozialen Elementen des Internet", verspricht Alice Regester von der PR-Firma Cohn & Wolfe gegenüber Fudder. Außerdem sei es der erste Internetfernseh-Service in "broadcast quality". Im Peer-to-Peer-Verfahren kommen die Daten dabei auf den eigenen Rechner und werden nicht zentral vorgehalten. Auch die Möglichkeit, die Daten zu kopieren, entfällt.

Das war sicherlich ein entscheidender Grund, warum der US-Medienkonzern Viacom eine Kooperation mit "Joost" plant. Ein Kooperationsabkommen mit Google kam nicht zustande, weil deren Plattform YouTube eben nicht bereit ist, die Urheberrechte des Unternehmens zu schützen. "Joost" hat das zugesichert. Viacom besitzt unter anderem MTV und Paramount Pictures, deren Produktionen auch bei "Joost" zu sehen sein sollen.

Derzeit stehen den Beta-Testern Dokumentationen, Sport und Musik zu Auswahl. Auch alte Lassie-Folgen und ein Paris Hilton-Kanal sollen zu sehen sein. Die Reaktionen seien durchweg "positiv und konstruktiv" sein, auch wenn ein Tester bei Heise klagt, "Joost" sei "fast genauso langweilig wie richtiges Fernsehen". Noch in der ersten Hälfte diesen Jahres soll "Joost" weltweit zur Verfügung stehen, und zwar kostenlos. Wer nicht so lange warten möchte, konnte sich noch bis vor kurzem auf der Homepage als Tester anmelden. Da das nicht mehr möglich ist, wird der Service wohl bald verfügbar sein.

Richtiges Fernsehen im Peer-to-Peer-Verfahren bieten jetzt schon verschiedene Anbieter.

Das interessanteste Angebot hat dabei Zattoo. Nach Anmeldung und Download des eigenen Players bietet die Firma 41 Sender in guter Qualität, darunter die wichtigsten deutschen (u.a. ARD, ZDF, Arte, RTL), schweizerischen (u.a. SF1, SF2), französischen (u.a. TF1, France, France3) und italienischen (u.a. Italia 1, Rai Uno, Rai Due). Zattoo basiert auf einem "bahnbrechenden Peer-to-Peer IPTV-Service", dessen Überlegenheit mit dem Angebot unter Beweis gestellt werden soll. Sicher auch ein Grund, warum Zattoo kostenlos ist. Der Haken an der Sache: Zattoo funktioniert derzeit nur in der Schweiz.

Auch gratis und in guter Bildqualität kommt Octoshape daher. Allerdings sind für den hiesigen Nutzer nur sechs TV-Sender zu empfangen, wovon nur Deutsche Welle auf deutsch ist. Andere sind 24H TVE (spanisch), RTV Slo (slowenisch) oder Egmont, der Trailer für die neuesten Kinofilme in verschiedenen Sprachen sendet.

Eine große Auswahl an US-amerikanischen Sendern bietet TVUNetworks. Auch hier handelt es sich um einen Peer-to-Peer-Service, der von manchen als die Zukunft des Fernsehens angesehen wird. Allerdings lässt die Qualität teilweise zu wünschen übrig. Auch die Frage nach der Legalität ist nicht letztgültig geklärt. Wer sich darum nicht schert, dem werden nicht nur einige große US-Stationen (u.a. CBS und Fox News) geboten, sondern auch Hollywood Movie, Cartoon Network oder Comedy Central. Allein schon wegen letzterem ist der Service empfehlenswert.

Auch wenn es für die User in erster Linie nur ein angenehmes Angebot darstellt, erkennen viele im Gratis-Online-TV die Zukunft des Fernsehens, die von vielen Anbietern natürlich schwarz gesehen wird. Als "Napster of TV" beispielsweise wurde TVUNetworks bezeichnet, und auch die Peer-to-Peer-Angebote von Zattoo dürften nicht jedem Fernseh-Macher willkommen sein. Allerdings zielen TVU und Zattoo besonders auch auf die Anbieter ab, wie es die Ausführungen auf der Zattoo-Site zeigen. Man möchte, anders als YouTube, aber ähnlich wie "Joost", mit den Medienunternehmen kooperieren.

TVU reicht den Sendern auch die Hand, indem es deren Streams aus dem Angebot nimmt, wenn diese das verlangen. HBO, ESPN und ABC haben das schon getan. Trotzdem, da ist sich nicht nur Paul Shen von TVUNetworks sicher, liegt auch die Zukunft des Fernsehens im Internet. Und ob die dann TVU, Zattoo, Joost oder doch ganz anders heißt, wird dem User relativ egal sein.