Namibia-Jogging mit einem Husky

Linda Tuttmann

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Müsli oder Brot, Früh- oder Spätaufsteher, Verbotene Liebe oder Marienhof (oder beides). So auch ich. Mein Tag beginnt, ob Valencia, Berlin oder Freiburg, oder eben Namibia, mit einer Runde Joggen:



Es muss keine Stunde sein, 40 Minuten reichen schon, um mich auf Trapp zu bringen. Ich bin nun wirklich nicht übermäßig sportlich, dass zeigt sich schon daran, dass mein Pensum von 40 bis 45 Minuten seit sieben Jahren nicht gesteigert wird, aber der morgendliche Lauf muss sein. Frische Luft und ein bisschen Bewegung, besser kann man nicht in den Tag starten. Vielleicht könnte man es auch Sucht nennen, ich nenne es Gewohnheit. Fast schon überflüssig zu erwähnen, dass auch meine Joggingschuhe mit im Rucksack waren. Namibia, das hatte ich auf Fotos gesehen, war landschaftlich ein wunderschönes Land. Dort würde ich bestimmt auch eine schöne morgendliche Runde finden, so dachte ich.


Dass es in Namibia so gut wie keine Bürgersteige gibt, hatte ich schon erwähnt. Genausowenig gibt es angelegte Parks, wie man sie zum Beispiel im ebenfalls trockenen Spanien findet. Ich hatte keinen grünen Sternwald erwartet, aber doch vielleicht eine Art Steppe mit kleinen Joggingpfaden.

"Wir haben so schöne Natur und können sie nicht nutzten" - sagte Justine anfangs zu mir. Zu gefährlich wäre es, außerhalb der Wohngegenden spazieren (oder joggen) zu gehen. Selbst tagsüber müsste man ?berfälle fürchten. Der Traum von kleinen Joggingpfaden war also ausgeträumt. Mein "Joggingstreckenrahmen" war eng gesteckt: 1. Musste es hell sein und 2. musste er sich innerhalb der Wohngegend befinden. Da es hier im namibischen Winter ab halb sechs dunkel wird, heißt das für mich: vor der Arbeit laufen gehen. Konkreter: Um 6.26 Uhr klingelt mein Wecker. Das klingt grausam, ist es (manchmal, je nachdem, wie der Vorabend verlaufen ist) auch.

Wie man sich vielleicht vorstellen kann, ist es zwar um 6.30 Uhr fast hell, aber so gut wie menschenleer auf der Straße. Das liegt nicht nur an der Uhrzeit, sondern auch daran, dass in Namibia alles mit dem Auto gemacht wird. Wie schon gesagt gibt es kaum Bürgersteige. Afrikanische, menschenleere Strassen um 6.30 Uhr versprühen nicht unbedingt die entspannteste Atmosphäre. Freut man sich in Deutschland um jede leere Straße, die Ruhe und entspanntes Spazierengehen oder Fahren verspricht, wünscht man sich in Namibia das Gegenteil: Menschen auf der Straße. Nicht, dass es nun überhaupt keine geben würde, aber nur sehr, sehr wenige. Ein bisschen unheimlich.

Die Lösung meines "Problemes" heißt Pascha und ist der Husky meiner Chefin. Würde ich sagen, dass Pascha ein Energiebündel ist, wäre das noch untertrieben. Huskis wollen laufen und Schlitten ziehen. Und das will Pascha auch. Da es in Namibia mehr Sand als Schnee gibt, wird es mit dem Schlittenziehen schwer. Aber mit mir Joggen kommt dem Schlittenziehen schon ein bisschen nahe. Also muss Pascha mit. Ähnlich wie bei Autos habe ich nun meinen eigenen Tempomat, der ständig aufpasst, dass ich nicht zu langsam werde und im Notfall auch mal selber anzieht. Ganz uneigennützig verhindert Pascha auch, dass ich konditionell abbaue und mich vielleicht, wenn die Nacht etwas länger war, noch mal umdrehe. Um Punkt 6.30 Uhr wird "geräuschvoll" vor meiner Tür gewartet, weiter schlafen (ohne schlechtes Gewissen) ist nicht möglich.

Einziger Nachteil: Das Knurr- und Bellkonzert der anderen Hunde.
Denn auch in Namibia ist der Hund absoluter Spitzenreiter unter den Haustieren. Wirklich jeder hat hier (mindestens ) einen Hund. Tierlieber als andere Nationen sind die Namibianer deshalb sicherlich nicht. Bei der Anschaffungsfrage überwiegt wohl eher ein Grund: die Sicherheit. Zwei zähnefletschende Doggen in Pony-Höhe könnten im Notfall eventuell wirksamer sein als jeder Elektrozaun und jede zwei Meter Mauer (die es natürlich zusätzlich auch immer gibt).



Joggen mit Hund gleicht dementsprechend einem Spießroutenlauf: Hinter jedem Zaun, hinter jeder Mauer glaubt ein oder zwei Hunde ihr Herrchen gegen drohende Einbrecher (Pascha und mich) verteidigen zu müssen. Pascha hingegen glaubt mich (und sich) gegen agressiv-bellende Artgenossen beschützen zu müssen. Ein Teufelskreis. Gewisse Strategien und und unausgesprochene Regeln gibt es trotzdem:

  • Niemals, wirklich niemals, mit dem Hund an dem Zaun ran gehen, damit sich die Hunde beschnuppern. Beschnuppert wird da nämlich nicht.

  • Lieber schneller laufen als langsam, so ist wenigstens der eigene Hund beschäftigt und guckt nicht zu viel nach links und rechts (und bellt deshalb weniger).

  • In der Mitte der Straße laufen, so läuft man an keinem der beiden Zäunen (Mauern) besonders nahe dran.

  • Wenn man die Wahl hat, lieber an Mauern als an Zäunen vorbei laufen (Versperrte Sicht mindert die Agressivität)

  • Glücksgriffe auf der Joggstrecke: Baustellen. Ohne Haus gibt es auch (noch) keinen Hund.