Nahost hautnah (1): Freiburg - Istanbul

David Lohmüller

Neues Reiseblog auf fudder: Der Freiburger David Lohmüller und sein Freund Raphael berichten von ihrem Trip durch den Nahen Osten. Von Istanbul aus wollen die beiden mit dem Bus in vier Wochen über Syrien, Jordanien und Israel die Pyramiden Ägyptens erreichen. Schon in Folge 1 wird es turbulent.



Hektische Abreise

Der rote Faden, der sich durch so ziemlich alle meiner bisherigen Abreistage zieht, lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: hochgradiges Chaos, infernaler Zeitdruck und Rucksackpacken auf den allerletzten Drücker.

Dieses Mal war der Faden dunkelrot. Ein maximaler Dank geht an Anika, die in die Bresche sprang und mich samt Gepäck und Fahrradhelm auf ihrem Roller mit 80km/h die Kartäuserstraße hinunterschmetterte, so dass ich am Ende doch noch rechtzeitg am Bahnhof ankam - wie immer.

Dort wartete schon Raphael auf mich, der sichtlich entspannter die Abfahrt herbeisehnte, und nicht wie ich, vor lauter Antizipation asiatischer Unpünktlichkeit, mit Puls 200 in den Zug hechten musste.

Dass auf die deutsche Pünktlichkeit Verlass ist, durften wir bereits in Bad Krozingen erneut feststellen. Dort hielt der Zug planmäßig - wir stiegen gesprächsvertieft aber nicht aus. Dies hätten wir aber besser tun sollen. Denn in Bad Krozingen wartete auf uns Katrin, eine Freundin von Raphael, die uns dort abholen und an den Basler Flughafen chauffieren sollte. So der Plan.
Planänderung: wir sitzen im Zug nach Heitersheim, ohne Mobiltelefon und vor allem ohne Telefonnummern, mein Puls mittlerweile nahe dem plötzlichen Herztot.

Doch wozu hat man studiert und sich Kernkompetenzen wie Improvisieren, Funktionieren im Chaos und Kommunikationsgeschick angeeignet? 4,5 Stunden später schlugen wir auf, im einstigen Konstantinopel und heutigen Istanbul.



Sonnenaufgang in Istanbul

Es ist wirklich verblüffend, dass man mit einem Bein quasi noch am Bahnhof in Heitersheim steht und einem andererseits bereits die islamische Gastfreundschaft entgegenschlägt. So geschehen unmittelbar nach der Landung im Shuttlebus. Dort fühlten sich eine herzliche, kommunikationsoffensive Araberin und ihr junger Sohn durch die lange Wartezeit inspiriert, um erst einmal jedem Businsassen ein paar Datteln zu reichen und mit jedem ins Gespräch zu kommen.

Die Stimmung war sofort gelöst, ganz im Gegensatz zu dem Problem, dass wir mitten in der Nacht im Stadtviertel Taksim ankamen, von wo aus aber erst um 6 Uhr die nächste Bahn in unsere Hotelrichtung fuhr. Aber es wäre ja nicht das erste Mal, dass wir eine Nacht durchgemacht hätten, und so taten wir dies. Behilflich dabei waren eine Sheesha und ein Schachspiel.



Später dann bescherten wir uns einen magischen Sonnenaufgang inmitten unzähliger Angler auf der Galatabrücke. Dass ich irgendwann selbst auch eine Angel in der Hand halte, war nur eine Frage der Zeit. Die traurige Bilanz: Kiementiere fanden ihren Tod an meiner Rute.

Wie dem auch sei, irgendwann kamen wir endlich in Sultanhamet an und hatten in der jungen Morgendämmerung die majestätische blaue Moschee und die überwältigende Aya Sofia eine halbe Stunde lang fast für uns alleine.

Die Speisungsparty

Das Highlight des Tages fand aber zweifelsohne am Abend statt. Und zwar genau da, wo sich Tag und Nacht "Guten Tag" bzw. eben "Gute Nacht" sagen. Die Rede ist von dem allabendlichen Ramadan-Essensmassaker. In Istanbul muss man sich das so vorstellen, dass sich Tausendschaften von "diätgepeinigten" Hungerhaken, nach organischer Masse lechzend, in den unzähligen und eigens für den Ramadan erstellten Zelten versammeln und vor gedecktem Tisch auf DAS Signal warten.

Die Stimmung heizt sich immer mehr auf und es wird von Minute zu Minute exponentiell lauter. Bis es dann endlich von der Moschee herüberschallt "Leute, ihr dürft essen" (so, oder so ähnlich). Instant verstummen die 180 Dezibel Vorfreude in eine fast schon surreale, gefräßige Stille. Diese währt aber keine 15 Minuten. Dann ist der Teller leer, und die ganze Stadt verwandelt sich in ein riesiges Volksfest, und die Bude steppt im Polkatakt. Ein unvergessliches Erlebnis.

(alle Fotos: David Lohmüller)

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