Nagel im Hirn

Johanna Schoener

Es gibt sie, die dunkle, mystische Seite Freiburgs. Mitten in der Innenstadt lauern abenteuerliche Geschichten. Woher kommt die weiße Frau, die in Vollmondnächten auf dem Turm des Colombischlössles erscheinen soll? Und warum spukt es angeblich im Wallgrabentheater? Johanna hat sich von Historix-Tours die Spuren von Mördern, Gräbern und Gespenstern zeigen lassen.



Der Langhaardackel Tessi zuckt erschrocken zurück, als Jochen Haas mit ausholendem Schritt vorführt, wie die Gräfin von Colombi im hinteren Teil des Colombi-Parks auf einer Kröte ausrutscht. Sein schwarzer Umhang und der Dreispitzhut werfen im kargen Licht der Öllampe gespenstische Schatten an die hintere Fassade des Schlosses. „Auf einer Kröte ausrutschen bedeutete großes Unglück. Die Gräfin hat den Teil des Parks nie wieder betreten“, erzählt Schauspieler Haas. Ein Jahr später starb sie auf rätselhafte Weise.


Ein ähnliches Schicksal teilt ihre Tochter, die aus mysteriösen Gründen kurz vor ihrer Hochzeit im September 1868 verschied. Heute noch soll sie in Vollmondnächten weißbewandet auf dem Turm des Schlosses auf ihren Göttergatten warten. „Tock, tock, tock“, im Decrescendo ahmt der schauspielende Stadtführer ihre verhallenden Schritte nach und mahnt gedämpft: „Wir sollten jetzt von hier verschwinden.“

Die kleine Gruppe lässt sich das nicht zweimal sagen. An diesem nieseligen Dezemberabend beschleichen einen im Zwielicht des Colombiparks tatsächlich Beklemmungsgefühle. Das Hundefrauchen aus Wittnau packt die Thermoskanne ein und folgt ihrem Mann und den anderen fünf Teilnehmern der abendlichen Stadtführung von Historix-Tours durch die Unterführung unter’m Rotteckring stadteinwärts.

Der Graffiti-Schlauch wird zum Geheimgang unter der früheren Stadtmauer hindurch. Kurz vor dem Rathausplatz der nächste Stopp. Ein paar Meter weiter erzählt der Freiburger Bösewicht Neunfingerle einer großen Schar von Zuhörern aus seinem lasterhaften Leben. Auch er ist einer der Historix-Stadtführer.

„Pro Tour gibt es im Schnitt 25 bis 30 Teilnehmer, das ist abhängig vom Wetter“, sagt Haas. Der gebürtige Rheinländer ist einer von 15 selbstständigen Mitarbeitern der 1998 gegründeten Firma Historix-Tours. „Zweidrittel beruflich“ führt er Freiburger und Nicht-Freiburger anekdotenreich an vergessene Orte der Vergangenheit. Ob Mythos oder Wahrheit – niedergeschrieben sind die Geschichten, die sie erzählen, alle. Die Schauspieler-Stadtführer erwecken sie nur zum Leben und schmücken sie hier und da ein wenig aus. Schauplatz heutiges Rathaus. Hier war nach der Gründung der Universität 1457 die Anatomie untergebracht. „Da wurden einige Leichen verscharrt“, munkelt Haas, „jedenfalls konnte man beobachten, dass mehr Leichen rein- als rausgetragen wurden.“ In den Kellerräumen des Wallgraben-Theaters soll es deswegen heute noch spuken. Vor einigen Jahren etwa klingelte jede Nacht zur Geisterstunde das Telefon – am anderen Ende eine tote Leitung. Eine Kartenabreisserin weigerte sich gar, alleine in den Gewölben zu arbeiten, weil sie ein seltsames Klopfen vernahm.

Nächste Station. Das Glühweingeklimper des Weihnachtsmarkts auf dem Rathausplatz wird von einer ungewohnten Stille auf dem Münsterplatz abgelöst. Im Gegensatz zum mittäglichen Marktbunt kreuzen um 19.45 Uhr nur noch vereinzelte Menschen den zugigen Platz. Die Totenruhe, die bis zum frühen 16. Jahrhundert auf dem ehemaligen Friedhof rund ums Münster herrschte, wird spürbar. „Ob die Marktfrauen wissen, dass unter ihren Ständen auf dem Terrain der ehemaligen Andreaskapelle heute noch menschliche Gebeine sind?“, fragt sich Haas. 1973 wurde hier eine Gruft mit Bergen von Skeletten gefunden. Eine Berliner Teilnehmerin beginnt zu husten: „Das muss am Verwesungsgeruch liegen.“

Vor dem Wentzinger-Haus, das das Museum für Stadtgeschichte beherbergt, beginnt das Grüppchen zu frösteln. Die Schauergeschichte über eine Scheintote in Kombination mit dem nassen Wind ist sogar für die drei Teilnehmer, die sich vorsorglich in ihre zweifarbigen Trekkingjacken gehüllt haben, zuviel. Tessi zerrt an der Leine. Durch das Präsenzgässle und die Herrenstraße steuert Jochen Haas nun strammen Schrittes auf den Alten Friedhof in der Karlstraße zu.



Es ist stockfinster. Über den aufgeweichten Boden tapsen die Nachtwanderer unsicher der letzten Station entgegen. Haas’ Funzel geistert über den Totenschädel eines Freiburger Schmiedes, der auf heimtückische Art und Weise von seiner jüngeren Frau und ihrem Geliebten, seinem Gesellen, ermordet wurde. Mit zwei Hammerschlägen durchtrieb der Geselle den Kopf seines Meisters mit einem Nagel.

Dunkle Orgelklänge tönen aus der Friedhofskapelle. Nach einer Stunde und 45 Minuten beschließt Haas die Spurensuche schmunzelnd mit den Worten „wie so Vieles im Leben endet unsere Tour auf dem Friedhof.“

Mehr dazu:

Was: Stadtführung durch Freiburgs düstere Ecken
Wann:
täglich
Wo:
Treffpunkte unterscheiden sich je nach Tour (siehe Homepage)
Kosten:
je nach Tour 6,50 € (ermäßigt 5,50 €) oder 8,50 € (ermäßigt 7,50)
Web: Historix Tours