Nackedeis gesucht: Hier kannst Du Dich auf der Bühne ausziehen!

Frank Zimmermann

Sie wollen Dich - und sie wollen Dich nackt! Das Theater Freiburg sucht für eine Produktion im Juni Frauen und Männer aus Freiburg, die sich auf der Bühne nackt machen. Wer kann mitmachen? Die Tanzkuratorin Anne Kersting gibt Antworten:



Sie suchen für eine Tanztheaterproduktion Menschen, die sich ganz nackt auf die Bühne des Großen Hauses wagen?

Kersting: Sie müssen nicht einmal tanzen können, dafür haben wir 16 professionelle Tänzerinnen und Tänzer. Die Choreografie setzt sich mit dem Reißerischen und Monumentalität in einem kritischen Sinne auseinander – seit dem Dritten Reich wissen wir um die Körperverherrlichung nackter Menschen. Es geht um die Qualität einerseits und andererseits die Klischees von Nacktheit. Es geht überhaupt nicht um die Bloßstellung nackter Körper, sondern um einen Abriss der Menschheitsgeschichte.

Das heißt, wer mitmachen will, sollte keine Hemmungen haben?

Ja, man muss bereit sein, nackt aufzutreten, und eine Haltung dazu haben. Es hat keinen Sinn, wenn man sich überwinden muss, oder man das Gefühl hat, man würde sich bloßstellen oder unwohl fühlen. Es geht darum, die Erfahrung zu machen, wie es ist, wenn man sich einen Raum mit 50 nackten Menschen teilt, und wie man sich nackt bewegt. Natürlich geht es auch darum, was es für einen bedeutet, wenn man sich nackt vor Publikum gebärdet...

... das anders als in der Sauna angezogen ist.

Ja, das Exponierte von Nacktheit auf einer Bühne ist nicht üblich. Es gibt bereits eine erste Bühnenfassung aus Oslo. Beim Anschauen habe ich festgestellt: Nacktheit ist vielleicht zwei Minuten ein Thema, danach wird sie absolut selbstverständlich für den Betrachter. Ich sehe die Körper anatomisch, wie sich einzelne Körperteile bewegen. Das Voyeuristische und Reißerische ist weg. Es gibt Gruppenchoreografien – die Statisten treten als Masse auf und sind dadurch geschützt –, – die solistischen Momente übernehmen die professionellen Tänzer.

Kann jeder mitmachen? Alte und junge, dicke und dünne Menschen?

Geschlecht, Alter, Größe spielen keine Rolle. Die Voraussetzung ist, dass man Respekt sich selbst und den anderen Tänzern und Statisten gegenüber und eine gewisse Bereitschaft hat, sich in seiner Reinheit und Offenheit darzustellen. Es geht überhaupt nicht um ideale Körper, ästhetische Vorgaben oder tänzerische Kompetenzen.

Wenn man zumindest teilweise bekleidet wäre, würde das Projekt nicht funktionieren?

Ein Mensch in Kleidung wäre für Mia Habib jemand, der lesbar ist – Kleidung, sei sie schön oder leger, identifiziert die Menschen. Durch die Nacktheit besteht hingegen die Möglichkeit, den Menschen auf seine Vielfalt hinzuweisen – ein nackter Körper kann so viel mehr sein als ein angezogener.

Kann man sich Nacktheit auf der Bühne antrainieren?

Mia Habib ist eine sehr konzentrierte Choreografin, wir werden uns in den Proben sehr viel Zeit nehmen, niemand muss ins kalte Wasser springen. Man kann sich austesten, aber natürlich sind wir darauf angewiesen, dass die Leute am Ende auftreten. Wenn im Probenraum alle nackt sind, verliert man seine Hemmungen – vor lauter Nacktheit sieht man den Wald nicht mehr. Das macht sie so wahnsinnig selbstverständlich und einfach.

Wird Nacktheit auf der Theaterbühne überstrapaziert?

Ja, sie wird dann überstrapaziert, wenn sie eine Provokation ist, dann ist Nacktheit langweilig. Wenn Nacktheit als Selbstverständnis genutzt wird, als Erinnerung daran, dass wir alle einen Körper haben - spätestens wenn wir duschen, sind wir nackt - ist sie archaisch.

Interesse?

Wer mitmachen möchte bei "A Song to...", kann sich per E-Mail melden: janne.callsen@theater.freiburg.de.

Zur Person

Anne Kersting, 44, ist seit der Spielzeit 2014/2015 künstlerische Leiterin der Sparte Tanz und Performance am Theater Freiburg. Zuvor arbeitete sie als freie Dramaturgin und als Kuratorin bei Kampnagel in Hamburg.

Mehr dazu:

Was: Theater Freiburg: "A song to..."
Wann: 6. und 7. Juni (Proben) und 8. und 10. Juni (Aufführungen),
Wo: Theater Freiburg, Großes Haus.