Nachttanz-Demo: Bildungsdemo trifft Straßenfest

Philip Hehn

Während im Audimax gestern Abend das SWR-Symphonieorchester spielte und Opernliebhaber aus dem Stadttheater kamen – Verdi (nicht die Gewerkschaft) -, fanden sich auf Wiese vor dem Kollegiengebäude II der Universität um die 300 junge Demonstranten mit Transparenten und dem unvermeidlichen Lautsprecherwagen zur "Bildungspolitischen Nachttanz-Demo" rein. Die Polizei war relativ schwach vertreten, auf den bewährten Wanderkessel wurde verzichtet.



Der programmatische Teil stand am Anfang: in einer kurzen, über den Lautsprecherwagen übertragenen Rede solidarisierte sich ein Vertreter des UStA mit den Gleisbesetzern der vergangenen Woche, forderte die Behörden auf, in diesem Zusammenhang auf Strafverfolgung zu verzichten, und ordnete die Bildungsproblematik in globale und gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge ein.

Um die Tanzdemo ihrem Namen gerecht werden zu lassen, wurde dann über den Lautsprecherwagen krawalliger Elektropunk eingespielt. Ganz zu Beginn des Demonstrationszuges, man war keine 50 Meter gelaufen, entschied sich die Besatzung des Lautsprecherwagens, ein Lied mit dem in diesem Kontext interessanten Refrain „Was bringt die Uni? Die Uni bringt nichts! Fick die Uni!“ zu spielen. Eine programmatische Ansage?

Die Teilnehmer rekrutierten sich tatsächlich überwiegend nicht aus der Streber-, sondern aus der alternativen Szene, auf einen Versuch, inhaltlich eine breite Mehrheit der Studierendenschaft anzusprechen, wurde konsequent verzichtet: Per Durchsage wurde zu Beginn des Zuges darum gebeten, im Demonstrationszug auf WM-Deutschlandparaphernalia zu verzichten – Deutschland-Fan zu sein sei „nicht ok“.

Auch die Sprechchöre waren zu großen Teilen – A, Anti, Antikapitalista – auch von den Schattenparker- und sonstigen Szenedemos bekannt. Eine hypothetische studentische Massenbewegung sähe im Sommer 2010 wohl anders aus. Am Rande des Zuges standen mäßig interessierte Berufstätige – „Jo, das ist mir egal“ und Rentner – „Irgendwo muss halt gespart werden“, eine trotz Wohlwollens gegenüber der guten Sache von der Demo genervte 22jährige Anwohnerin – „Die sollten gefälligst mal dran denken, dass hier auch Leute wohnen!“ und, an einem Freitagabend in der Innenstadt immer zahlreich zu finden, Studenten. „Ja, ich war schon auf so vielen Bildungsdemos“ war eine Aussage, die man als Reaktion auf die Frage, warum sie nicht mitmarschierten, immer wieder hörte. Auch: „Ich bin eh bald fertig“.

Die Bildungsdemo als Ritual fürs Grundstudium?



Über den Bertoldsbrunnen, wo kurz halt gemacht und getanzt wurde, zog der Zug durch das Martinstor in die Gerberau. Der am Martinstor einsetzende starke Regen fiel auf Demonstranten und Polizei gleichermaßen: gemeinsam und ohne große Routenplanungsdiskussionspausen planschten die beiden Gruppen in zügigem Tempo über den Augustinerplatz und durch die Salzstraße, auf der tief das Wasser stand.

Bei Erreichen des Bertoldsbrunnens hatte der Regen wieder etwas nachgelassen, die Demonstranten zündeten zur Feier bengalische Feuer und tanzten eine Weile. Nach einer letzten Tanzsession vor dem Theater, es waren trotz allem immer noch an die hundert Leute anwesend, löste sich die Demonstration schließlich zwischen halb eins und eins langsam auf.

Demonstration als Straßenparty.

Mehr dazu:

Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.