Nachtschicht mit Freitod: Wie ein Lokführer einen Selbstmord erlebt hat

Roger Graf

fudder-Autor Roger schreibt normalerweise über Kino. Im folgenden erzählt er eine sehr persönliche Geschichte, die mit seinem Beruf des Lokführers zusammenhängt. Wie es ist, gegen den eigenen Willen einen Menschen töten zu müssen.



Die Nacht war eiskalt und ein Vollmond tauchte die Welt in ein ebenso kaltes Licht. Die Gleise vor mir glänzten, immer wieder unterbrochen von den Schatten der Bäume entlang der Strecke. Ich war Lokführer beim Fernverkehr der Deutschen Bahn und beschleunigte meinen CityNightLine nach einem Halt in Freiburg. Bis nach Frankfurt würde ich ihn bringen in meiner letzten Nachtschicht diesen Jahres. Weihnachten stand vor der Tür und es sollten geruhsame Tage werden in meinem anstehenden Urlaub. Ich war guter Dinge. Und dann tötete ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Menschen.


Statistisch gesehen passiert es etwa einmal täglich in Deutschland. Rund um die Feiertage natürlich noch öfter. In ihrer Einsamkeit und Verzweiflung sehen manche Menschen nur noch einen Ausweg und wählen den Freitod auf der Schiene. Warum? Weil es eine todsichere Sache ist. Kein Zug kann ausweichen, geschweige denn rechtzeitig zum Stehen kommen und die beschleunigte Masse eines Zuges ist in jedem Falle tödlich. Für einen kurzen Moment verlangsamt sich die kalte Nacht in eine Zeitlupenszene.

Der junge Mann taucht im Scheinwerferlicht auf. Im ersten Moment halte ich ihn noch für einen der zahllosen Schatten. Dann erkenne ich ihn richtig. Er kniet rechts neben meinem Gleis direkt am Schienenstrang, so, als würde er beten. Meine Reflexe funktionieren wie bei jedem Lokführer.

Ich mache eine Schnellbremsung, lasse die Hupe nicht mehr los und stoße einen Schrei aus. Durch den Zug, der mittlerweile auf 120 Stundenkilometer beschleunigt hat, geht ein heftiger Ruck, die Bremsen greifen mit voller Wucht, die Magnetklötze unter jedem Drehgestell des Zugs krachen zur Unterstützung der Bremswirkung auf die Schienen.

Aber etwa 500 Tonnen Stahl bleiben nicht einfach so stehen. Das weiß ich. Auch der kniende Mann vor mir, der den Kopf dreht und in meine Richtung blickt. Ich sehe in sein Gesicht. Er sieht in mir nur drei Lichter, die ohrenbetäubend auf ihn zurasen und Erlösung versprechen. Er beugt seinen Oberkörper vor. Sein Hals liegt nun direkt auf der Schiene. Ich schließe die Augen. Dann höre ich den fürchterlich lauten Schlag unter mir, ein Geräusch, das ich nie vergessen werde. Endlich kam der Zug zum Stehen. Warnlichter blinkten im Führerstand und der Bordcomputer gab verschiedene Meldungen von sich. Ich nahm den Hörer des Funkgeräts in die Hand und meldete den Notfall. Ab diesem Moment verlief alles in eigenartiger Routine. Die Streckensperrung, die Meldungen an das Zugpersonal, das Warten auf Krankenwagen und Rettungskräfte. Die blauen Lichter sah ich bereits nach ein paar Minuten irgendwo weit entfernt, doch es dauerte fast zwanzig Minuten, bis sie den Zug erreicht hatten. Er stand etwa zwei Kilometer vor dem Denzlinger Bahnhof.

Schon bald stand der Schaffner des Zugs bei mir, kurz danach auch ein Polizeibeamter, der mir Fragen über den Hergang stellte. Ich machte nur die nötigsten Aussagen, wie schnell ich beim Aufprall gewesen wäre und ob ich irgendwo eine zweite Person gesehen hätte.

Ich fror, saß einfach da und schaute nach draußen. Über den Funk des Polizisten bekam ich alle Details der Suche mit. Man fand zuerst die Kleidung des Mannes, die es ihm durch die Wucht des Aufpralls vom Leib gerissen hatte.Seinen Leib allerdings fand man nur mühselig und in mehreren Teilen. Ich beobachtete die tanzenden Lichter der Taschenlampen. Die Strecke war über eine Stunde gesperrt.

Als ich schließlich nach Hause fuhr, alleine in dem Regionalexpress saß und zur Ruhe kam, passierte es. Ich dachte an mein Pausenbrot im Rucksack und wollte es auspacken. Bei diesem alltäglichen Ereignis brach ich in Tränen aus. Beim Nachlassen des Adrenalinschubs kam der Schock. Und mir wurde bewusst, dass der junge Mann und ich im Moment des Aufpralls die Rollen getauscht hatten.

Ich wurde vom Täter zum Opfer. Ab sofort würde ich mit dieser Erinnerung leben müssen. Er wurde vom Opfer zum Täter, der einen Unschuldigen mit seinem Schicksal belastet hatte.

Wie man mit so einem Erlebnis fertig wird? Ich habe keine Ahnung. Wie wird ein Arzt damit fertig, wenn er einen Patienten verliert? Wie wird ein Soldat mit seinen Erfahrungen fertig? Ich kenne Kollegen, die schon ein Gutes Dutzend Suizidfälle hatten und gleich am nächsten Tag wieder ihre Schicht machten. Ich kenne auch Fälle, in denen der Lokführer nie wieder auf der Strecke war.

Ich fuhr nach drei Wochen wieder und tröstete mich mit dem Gedanken, dass der junge Mann seine Gründe gehabt haben musste, seinem Leben wirklich ein Ende zu setzen und ich nicht die geringste Schuld hätte.

Das nützte mir allerdings nichts mehr, als ich zwei Jahre später einen jungen Familienvater zu Tode fuhr, der nur mal eben über die Gleise rennen wollte, um die S-Bahn zu erreichen.

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