Nachtmacher: Raimund Flöck

Bernhard Amelung

"Der legt doch Kommerzmusik auf!" nörgeln Musiknerds über seine Veranstaltungen. Aber wenn Raimund Flöck bei "InTheMix" im Jazzhaus hinter dem Mischpult steht, ist die Tanzfläche meist gerammelt voll. Was viele nicht wissen: Flöck hat auch schon im namhaften Londoner Club Fabric aufgelegt. Was fudder-Autor Bernhard noch über das Freiburger DJ-Urgestein erfahren hat:



Freiburg an einem Samstagabend im Jazzhaus. Zu früher Stunde ist der Club noch leer. Ein paar Jugendliche lehnen am Bartresen und trinken Bier. Einige Mädels stehen auf der Tanzfläche. Sie sind jung, sehr jung, vielleicht Erstsemester-Studentinnen. Die Veranstaltung heisst "InTheMix - a journey through the styles". Hintter dem Mischpult steht Raimund Flöck, der Veranstalter und DJ dieser traditionsreichen Clubnacht. Zum Warm-Up präsentiert er gebrochene Beats von London Elektricity, Stuttgarter Club-Soul von Dublex Inc., grosszügig angereichert mit kommerziell erfolgreicher Musik; mit Jamiroquai und den Black Eyed Peas.


Das Bindemittel, das dieses bunte Genre-Konglomerat zusammenhält, lässt sich hier nur schwer ausmachen. Oftmals ist es nicht mehr, aber auch nicht weniger als Flöcks tiefe Leidenschaft für jeden einzelnen gespielten Song. Für diesen heterogenen Stilmix wird der gebürtige Freiburger geliebt - und kritisiert. "Ich weiss, dass ich damit polarisiere", sagt Flöck. Doch das gehöre zum Job. "Als DJ geht es doch nicht darum, nur die paar wenigen Musiknerds zufrieden zu stellen. Die Auswahl und das Arrangement der Songs müssen ganz unterschiedliche Menschen erreichen. Ich muss eine heterogene Menschengruppe auf der Tanzfläche zusammenführen und vereinen." Ein DJ, der eine ganze Nacht lang auflege, müsse zu allererst Entertainer sein und für jeden seiner Gäste etwas im Angebot haben. "Ich kann so manche anderen DJs nicht verstehen, die stundenlang denselben Sound auflegen. Das ist mir zu eintönig. Die Welt ist bunt."

Mit der Zeit hat sich das Jazzhaus gefüllt. Auf der Tanzfläche herrscht ein munteres Treiben. Doch mit einem Mal wird es dort leer. Nur noch ein paar junge Frauen, die in kleinen Kreisen um ihre Handtaschen und Rucksäcke tanzen, stimmen in den Refrain der honigsüßen R'n'B-Schnulze ein, die aus den Lautsprechern schallt. Einige Partygäste schütteln den Kopf, verlassen den Raum. Ein Frustmoment im DJ-Leben? "Dass niemant tanzt, alle nur am Rand der Tanzfläche herumstehen oder den Club verlassen, bringt mich auch nach Jahrzehnten an den Plattentellern an meine Grenzen", sagt Flöck. Ein Geheimrezept, um den Floor wieder voll zu bekommen, gebe es jedoch nicht. Und manchmal versagen auch seine 'Secret Weapons', Stücke, die auch noch den letzten Tanzmuffel zum ausrasten bringen. In solchen Augenblicken wühlt sich der Musikunterhalter Flöck durch 10- und 12-Zoll-Vinylschallplatten und CDs, um den einen 'Ice Breaker' zu finden, einen Song, der die Masse wieder auf das Tanzparkett lockt.



Solche Momente können frustierend sein, doch Raimund Flöck verkraftet sie mit bewundernswerter Gelassenheit. Das Rüstzeug dafür hat er sich in einer der härtesten Auflege-Schulen weltweit angeeignet: Im London der Achtziger und Neunziger Jahre. Die britische Hauptstadt hat schon zu Zeiten, in denen er an der Universität Freiburg Sportwissenschaften und Theologie studiert hat, eine grosse Anziehungskraft auf ihn ausgeübt. Denn an der Themse hat jedes Musikgenre seine Daseinsberechtigung und verfügt über eine lebendige, teilweise schwer nerdige Szene. "Nirgendwo auf dieser Welt tut sich musikalisch so viel, wie in London", sagt Flöck und gerät ins Schwärmen.

Nach Abschluss seines Studiums bewirbt er sich auf eine Praktikumsstelle als Seelsorger in einem Hospiz. Er bekommt sie und von nun an begleitet er tagsüber sterbenskranke Menschen in ihrem Leid. Er leistet ihnen seelischen Beistand und teilt die Trauer der angehörigen. In seiner freien Zeit und nachts findet er Ausgleich und Zuflucht in der Musik. Der junge Flöck kommt auf ausgedehnten Streifzügen über Flohmärkte, durch Plattenläden und Clubs in den Kontakt mit der Rare Groove-Szene, "mit den Nerds der Nerds", wie Flöck sie mit einem Lachen auf den Lippen beschreibt. Es sind Musikenthusiasten, die beständig auf der Suche sind nach seltenen Platten, vorwiegend aus dem Bereich der Funk- und Soulmusik der Sechziger und Siebziger Jahre. Aber auch Genrewiesen wie Northern Soul, lateinamerikanischen Jazz und Disco Boogie grasen sie ab, stets auf der Suche nach dieser einen verschollen geglaubten Platte. Goldgräber werden sie genannt, und Raimund Flöck wird einer von ihnen. Die Songs berühren ihn so tief, dass seine Leidenschaft für schwarzamerikanischen Funk und Soul bis heute ungebrochen andauert.

Nach Beendigung seines Praktikums bleibt Flöck zunächst in London. Er bewirbt sich auf einen Ausbildungsplatz zum Musikredakteur bei der BBC - und erhält ihn. In der Folge verdingt er sich  als Freelancer für Radio- und Printredaktionen. Dadurch lernt er die Musik auch von ihrer theoretischen und kommerziellen Seite kennen. Seine Arbeit bringt ihm auch die ersten Kontakte zu DJs, Labelmachern, Musikern und Produzenten.

Wieder zurück in Freiburg steigt er beim Jazzhaus ein. Er bestreitet erste Clubabende als DJ. Mit seiner "Funky Dance Night" erarbeitet er sich ein Standing im Nachtleben, das ihn bald auch zu seinen ersten Gigs außerhalb der Stadt führt. Mit dem Konzept dieser Clubnacht, das Beste aus Funk, Soul, Breakbeats und Drum'n'Bass zu präsentieren, geht er auch hausieren. In der ersten Hälfte der Nullerjahre dreht er unter diesem Party-Label regelmäßig Platten in der Kuppel in Basel. London, seiner großen ersten Liebe, bleibt er auch weiterhin treu. Immer wieder reist er über den Ärmelkanal. An der Themse deckt er sich mit Unmengen an Musik ein. Zudem legt er in kleinen Cafés und finsteren Backsteinkellerclubs auf. Irgendwann macht er Bekanntschaft mit Simon Goss, einem Londoner Urgestein, das in den Neunziger Jahren eine wahre Instanz in Sachen Funk und rarer Grooves in London ist.

Goss organisierte von Anfang an zusammen mit seinem Bruder Chris Clubsessions, zu denen so namhafte Musiker wie Gil Scott-Heron, Pharoah Sanders oder auch ein Common eingeladen wurden. Zwischen Simon Goss und Raimund Flöck entwickelt sich sehr schnell eine freundschaftliche Beziehung, die aufbaut auf ihrer grossen Liebe zur Musik. Immer wieder legen die beiden gemeinsam Platten auf, und als Simon Goss mit seinem Label Wahwah45s eine Clubnacht im damals neu eröffneten Club Fabric ausrichten darf, ist Flöck mit dabei und steht auch selbst am Mischpult.

Im Fabric? Jenem Club, der von Anfang an weltweit an vorderster Front mitmischt, wenn es um elektronische Clubsounds zwischen Drum'n'Bass, Dubstep, House und Techno geht? "Das Fabric ist ja ein Club mit drei Floors. Goss und seine Labelkollegen haben das musikalische Programm in Raum 3, dem kleinsten Raum des Clubs, gestaltet", erzählt Flöck, der auf Grund dieser Einladung der bisher einzige DJ aus der südbadischen Region ist, der in diesem angesagten Tanztempel Platten gedreht hat. Und hat er die Leute dort zum Tanzen gebracht? "Als Außenstehender, der weder einen großen Namen hatte noch ein bekanntes Label führte, wurde ich besonders scharf beobachtet. Das Londoner Clubpublikum ist ja sehr kritisch", sagt Flöck. Doch eine gut gehütete Auswahl an Seven Inches habe den Anwesenden ein Lächeln auf die Lippen gezaubert.

Auch nach Paris und Wien unterhält der Freiburger, der in seiner Heimatstadt vornehmlich als Musikunterhalter im Jazzhaus und nicht als "crate digger" bekannt ist, gute Kontakte. Sie bringen ihn sogar bis nach Miami, zur Winter Music Conference, der weltgrößten Musikmesse für elektronische Clubmusik. Denn Ende der Neunziger Jahre, als Downbeat und allerlei krautige Elektronika-Musik in den Clubs noch salonfähig waren, schließt er sich dem Österreicher Jürgen Drimal und dessen Label Vienna Scientists Recordings an. Mit ihm fliegt er auch über den Atlantik, nach Miami. "Dort waren wir in einem rieseigen Hotelkomplex untergebracht, der ganz im Art Déco-Stil eingerichtet war", erinnert sich Flöck. "Die Organisatoren haben uns ein DJ-Pult in der Lobby des Hotels aufgebaut. Dort konnten wir unsere Musik vorstellen. Für die Amerikaner waren wir 'Chill-Out-DJs', die gute Fahrstuhlmusik machen konnten." Zusammen mit Jürgen Drimal geht es für Raimund Flöck auch ins Studio. Es entsteht ein Track für eine Compilation der Vienna Scientists. "Mit weiteren Arbeiten, vorwiegend Remixen, sind wir bisher jedoch nicht an die Öffentlichkeit gegangen."

Wieder zurück im Freiburger Jazzhaus. Auf einmal lösen sich zwei Jugendliche mit ihren iPods aus der tanzenden Menge und bauen sich neben Raimund Flöck auf. Sie fragen, ob sie einen Song aus ihrer Playlist für ihre Freundin, für ihre Kollegen, für wenauchimmer, abspielen dürfen. Am besten jetzt. Sofort. Flöck bleibt ganz entspannt. Mit seelsorgerischer Ruhe hört er den beiden Kerlen zu. Und wie reagiert er? Freundlich lächelnd wendet er sich wieder seinem Vinyl und den CDs zu. Den Song, der soeben läuft, spielt er in voller Länge. Er lässt die Platte auslaufen. Für den Bruchteil einer Sekunde kehrt Ruhe ein im Jazzhaus. Erst dann spielt er den nächsten Titel ein. "Ein DJ hat auch Erziehungsfunktion", sagt er. Wer tanzen will, muss auch das Zuhören lernen.



Mehr dazu:

Was: InTheMix
Wann: Samstag, 21. Januar 2012
Wo: Jazzhaus Freiburg
Eintritt: 6 Euro
[Bilder: Privat]